Mangelernährung im Alter frühzeitig erkennen und behandeln

12. Februar 2015, 08:33
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Bis zu 60 Prozent der Pflegeheim-Bewohner leiden an Unterernährung - die Ursachen sollten unbedingt abgeklärt werden

Zwischen 20 und 50 Prozent der älteren Patienten in Krankenhäusern sind mangelernährt. In Pflegeheimen sind es bis zu 60 Prozent der Bewohner, unter den zu Hause lebenden Senioren etwa zehn Prozent. Mangelernährung begünstigt Infektionskrankheiten, Stürze und den Verlust kognitiver Fähigkeiten, warnt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Studien belegen, dass ein schlechter Ernährungszustand zu zusätzlichen Pflegekosten, längeren Krankenhausaufenthalten und erhöhtem Sterberisiko führt. Deshalb sollten Gewichtsverlust und Appetitlosigkeit für Angehörige und Pflegekräfte ein Warnsignal sein.

Verlorener Appetit

Mit zunehmendem Alter lassen Geschmacks- und Geruchssinn nach. Häufig geht das natürliche Appetitgefühl durch Kau- und Schluckbeschwerden oder psychische Erkrankungen wie eine Depression verloren. Auch schwere Infektionen, Krebs oder eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) können dazu führen, dass ältere Menschen über längere Zeit die Nahrungsaufnahme vernachlässigen.

"Unterernährung bei älteren Menschen sollte so früh wie möglich festgestellt und behandelt werden", sagt Ernährungsmediziner Johann Ockenga. Ein Body Mass Index (BMI) von 20,5 oder weniger, aber auch ein erheblicher vorangegangener Gewichtsverlust können auf eine Mangelernährung hinweisen. Einen hohen Gewichtsverlust könnten insbesondere Senioren häufig nicht mehr aufholen, warnt der Experte. "Dabei hängen Lebensqualität und Gesundheit sehr stark vom Ernährungszustand ab".

Rasche Therapie

Um im Zweifelsfall schnellstmöglich mit der Ernährungstherapie zu beginnen, ist es insbesondere bei älteren Patienten unbedingt nötig, den Ernährungszustand bei Einlieferung ins Krankenhaus oder Aufnahme in ein Pflegeheim einheitlich und regelmäßig zu erfassen. "Es existieren bereits standardisierte Tests, mit denen sich das Risiko einer Mangelernährung verlässlich ermitteln lässt", sagt Ockenga. "So benötigt man zum Beispiel für ein Nutritional Risk Screening lediglich eine Waage und ein paar Minuten Zeit."

Doch in vielen Pflegeheimen und Kliniken gehören solche Tests nicht zur täglichen Praxis. Viele Heimbewohner und die meisten älteren, oft erkrankten Patienten brauchen viel Betreuung. Darauf ist der Personalschlüssel nicht immer entsprechend angepasst. Mitunter ist das Pflegepersonal nicht ausreichend geschult, um einen unterernährten Patienten zu erkennen.

Keine normale Alterserscheinung

"Für viele ist es eine normale Alterserscheinung, dass ältere Menschen weniger Appetit haben und an Gewicht verlieren", so Ockenga. Selbst in vielen teuren Pflegeheimen fehlt die Zeit, um den Senioren beim Halten der Schnabeltasse oder dem Zerkleinern des Essens zu helfen. "Deshalb sollten auch Angehörige unbedingt auf Warnsignale wie Appetitlosigkeit, körperliche Schwäche, Hautveränderungen und Teilnahmslosigkeit achten", sagt der Ernährungsmediziner.

Fehlt Senioren der Appetit, empfehlen Experten statt drei Hauptmahlzeiten bis zu fünf kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt einzunehmen. Diese sollten aus energiereicher Kost mit hoher Nährstoffdichte, wie Vollkornbrot, Gemüse oder Milchprodukte mit vollem Fettanteil bestehen. "Liegt eine Mangelernährung vor, müssen zunächst mögliche spezifische Ursachen abgeklärt werden", sagt Ockenga. Darüber hinaus kann Abwechslung auf dem Teller helfen, den Appetit wieder anzuregen. Ausgerechnet fette Lebensmittel sind nicht immer leicht verdaulich.

Um in akuten Phasen dennoch Gewicht zuzunehmen, etwa nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, können Ärzte hochkalorische Getränke und Speisen verordnen. Sie liefern die nötige Energie aber auch Ballaststoffe. "Ganz wichtig ist, dass hier alle Beteiligten, also Patienten, Angehörige, Pflegepersonal und Ärzte eng zusammenarbeiten und nötigenfalls auch einen spezialisierten Ernährungsberater hinzuziehen", empfiehlt der DGVS-Experte. (red, derstandard.at, 12.2.2015)

  • Angehörige und Pflegepersonal sollten unbedingt auf Warnsignale wie Appetitlosigkeit, körperliche Schwäche, Hautveränderungen und Teilnahmslosigkeit achten.
    foto: dpa-zentralbild/patrick pleul

    Angehörige und Pflegepersonal sollten unbedingt auf Warnsignale wie Appetitlosigkeit, körperliche Schwäche, Hautveränderungen und Teilnahmslosigkeit achten.

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