Der Ballbub und seine lange Reise

11. Februar 2015, 17:12
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Der Werdegang von Victor Estrella Burgos, ältester Debüturniersieger aller Zeiten auf der ATP-Tour, ist außergewöhnlich. Der 34-Jährige ist kein Akademie-Zögling, kein Millionärssohn, er stammt nicht aus einem Tennisland

Santo Domingo/ Wien - 35 Jahre alt wird er heuer im August. Am Sonntag hat Victor Estrella Burgos in Quito (Ecuador) sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Sein Name bedeutet Stern auf Spanisch, und Sieger eines ATP-Turniers, das wird auch nicht jeder. Das werden nur die besseren Tennisspieler der Welt. Den anderen bleiben die zweitklassigen Challengerturniere oder ansonsten Amateurwettbewerbe. Und die Träume vom Leben der Stars.

Victor Estrella Burgos ist ein Träumer. Er hat nicht wie Boris Becker mit 17 Wimbledon gewonnen und auch nicht wie Stefan Edberg mit 19 die Australian Open. Er war noch kein fertiger Tennisprofi mit 16 wie Martina Hingis. Nein, er träumte zwar immer, einmal so zu spielen und so viel Geld mit Tennis zu verdienen wie sein Idol Roger Federer, aber davon war er immer sehr weit weg. Es gibt praktisch keine Tennisspieler über 30, die berühmt werden. Es gibt nur ihn.

Nach seinem historischen 6:2, 6:7 (-5) und 7:6 (5) gegen den Spanier Feliciano Lopez schrie Victor Estrella Burgos "Viva la República Dominica" gen Himmel. Dabei hatte er jahrelang kaum geeignete Bedingungen vorgefunden. "In der Dominikanischen Republik spielt man als Junior, einige gehen aufs College in den USA, aber ich wollte immer auf der ATP-Tour spielen." In seiner Heimatstadt Santiago de los Caballeros gab es zum Beispiel keine öffentlichen Tennisplätze, als er sich mit neun Jahren für ein Taschengeld in einem Klub als Ballbub verdingte. "Später, als ich 13, 14 war, haben mir zwei Sportarten gefallen, Tennis und Baseball." Er entschied sich fürs Tennis. "Ich wollte mich in einem Land beweisen, in einem Sport, in dem es eine Riesenherausforderung war, einen Verein zu finden und dort ein guter Spieler zu werden."

Auf sich allein gestellt

Herausforderungen gab es mehr als genug, Hilfe vom dominikanischen Staat oder vom Tennisverband gab es kaum. Obwohl Tennis der fünftgrößte Sport in seiner Heimat ist, kam Estrella Burgos als Tennisspieler in finanzielle Not. Um ATP-Punkte zu sammeln, musste man reisen, meistens in den USA, diesbezüglich wurde er vom dominikanischen Verband nicht unterstützt. Victor Estrella Burgos wurde zum Landstreicher. Er reiste so günstig wie möglich, mit den Greyhound-Bussen. Oft musste er im Bus schlafen, oft bat er Bekannte von Bekannten oder einfach irgendwen um eine Bleibe. Das Tennis lief nicht so gut, irgendwann konnte er sich die Reisen nicht mehr leisten, und 2003 hörte er mit dem Profitennis auf. Vorerst.

Vier Jahre lang schlug er sich als Tennislehrer von Touristen in Miami durch, dann packte ihn wieder die Turnierlust. Dieser Versuch lief besser, 2008 überstand er in Cincinnati die Qualifikation, in der ersten Runde setzte es gegen die Nummer zwölf der Welt, Fernando Verdasco, ein respektables 3:6, 5:7.

Das war das erste Mal, dass ein Dominikaner ein ATP-Turnier bestritt. 2014 setzte Estrella Burgos noch weitere Meilensteine: Nach dem Challenger-Turniersieg in Salinas (Ecuador) stand er unter den Top 100. Er tat bei den Grand Slams in Paris, Wimbledon und New York mit, bei den US Open kam er in die dritte Runde. Victor Estrella Burgos liegt in der Weltrangliste schon an 52. Stelle. Die Journalisten lieben den Mann, der Fragen in holprigem, aber höflichem Englisch beantwortet. Gerne erzählt er von früher, von den Busfahrten, den Jahren als Tennislehrer. Und von seinen Träumen. "Wenn ich träume, schlafe ich nicht - sondern ich arbeite." (Tamás Dénes, DER STANDARD, 12.2.2015)

  • Victor Estrella Burgos bejubelt seinen ersten ATP-Turniersieg. Am  Sonntag in Quito schlug er den Spanier Feliciano Lopez 6:2, 6:7, 7:6.
    foto: reuters/granja

    Victor Estrella Burgos bejubelt seinen ersten ATP-Turniersieg. Am Sonntag in Quito schlug er den Spanier Feliciano Lopez 6:2, 6:7, 7:6.

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