"Ich will dich": Es ist nicht weit zur Lesbenbar

13. Februar 2015, 07:48
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Marie liebt Ayla, Ayla liebt Marie – aber nicht nur: Wieder ist Homosexualität im Film ein ziemliches Drama, am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte

Eine Frau mit verbundenen Augen, ein Mann, der sie dirigiert: Nein, wir befinden uns nicht in "50 Shades of Grey", sondern am Stadtrand von Berlin. Bernd hat seine Ehefrau Marie hierher gebracht, hier wollen sie wohnen, ein glückliches Leben führen, Haus bauen, Baum pflanzen, Kinder sind schon da.

foto: wdr / conny klein

Schön, aber langweilig

Marie ist zuerst nicht begeistert, als ihr Ehemann Bernd vorschlägt mit Tom und Ayla das Wochenende zu verbringen. Aber wie es so ist, ändert sich das. Beim gemeinsamen Suchen des Verlobungsrings im Wald kommt man sich näher. Heimliche Blicke, der erste Kuss, Verstörung, Synthie-Wohlfühlmusik, Ringen und Werben – die Dinge nehmen ihren Lauf. "Ich bin nicht lesbisch, falls du das meinst", sagt Marie. Ja, aber.

foto: wdr / conny klein

Vieles, sehr vieles ist vorsehbar in "Ich will dich" am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte. Das liegt an der Ausnahmesituation im televisionären Umfeld. Während Homosexualität im US-Fernsehen in jeder Ausführung beinahe zum guten Ton gehört, wirkt das deutschsprachige Mainstream-TVausgesprochen homophob. Homosexualität kommt zumeist als Randerscheinung vor – im ORF etwa derzeit als humoristischer Sidekick bei den quotenstarken Vorstadtweibern. Wenn es um eine Hauptrolle geht, muss Gleichgeschlechtlichkeit so gut wie immer zentrales Thema sein, also abseits der "Normalität", anders geht es nicht – schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Diskriminierung aufzeigen

Das homosexuelle Figurenmodell wird dann kritisiert, weil es fast ausschließlich problemlastig ist und sich vornehmlich im Drama wieder findet. Regisseure fühlen sich als Anwälte, denen es darum geht, Minderheitenrechte zu betonen, Diskriminierung aufzuzeigen. Das mag sehr löblich sein, wirkt aber irgendwie auch aus der Zeit.

foto: wdr / conny klein

Was Marie erlebt, ist im Ehealltag so ungewöhnlich nicht: Sie lernt jemanden kennen und fühlt sich hingezogen. Der Gatte hat lange keine Ahnung, und solange das der Fall ist, ist ihm ziemlich vieles gleichgültig. Dass sie mit der neuen Bekannten Hochzeitskleid probieren geht, könnte man noch als pikantes Detail am Rande verbuchen. Allein, von da an ist es nicht mehr weit zur Lesbenbar.

Durchgekaute Klischées

Das endlose Ringen zwischen Vernunft und Begehren stellen Ina Weisse und Erika Marozsán überzeugend dar. Das Autorenduo Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof sowie Regisseur Rainer Kaufmann erleichterten es ihnen mit gut durchgekauten Klischées nicht unbedingt. Aber immerhin: Der Schluss ist eindeutig. Und: Einen solchen Film würde man im ORF zur besten Sendezeit gerne gesehen haben. (Doris Priesching, DER STANDARD, 13.2.2015)

Trailer zu "Ich will dich"

queermdb
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