Mit deutscher Freundlichkeit

11. Februar 2015, 16:55
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Noch hält Deutschland bei null Medaillen. Die Laune im Team ist gut, auch wenn das frühe Aus im Teambewerb ein Dämpfer war

"Ich bin ein freundlicher, offener Typ", antwortet Linus Strasser auf die Frage nach seinem Charakter. Felix Neureuther hakt ein: "Das ist doch keine Kontaktanzeige!" Das deutsche Team ist gut drauf. Auch wenn es noch ohne Medaillen dasteht. Im Mannschaftsbewerb am Dienstag hatte man sich gute Chancen ausgerechnet. Aber Deutschland mit Neureuther scheiterte schon zum Auftakt hauchdünn am späteren Vizeweltmeister Kanada. "Das ist enttäuschend, wir wollten um eine Medaille fahren", sagte Neureuther. An ihm war es nicht gelegen. Also musste das kleine deutsche Team, vorbei an der Solaris Plaza in Vail, wo abends die Siegerehrungen stattfinden, wieder einmal ohne Ausbeute ins Hotel Sonnenalp am Ende der Fußgängerzone zurückkehren. Immerhin, dort fühlt es sich wohl. Die Unterkunft wurde wohl nicht zufällig gewählt. Das Haus, mittlerweile mit fünf Sternen ausgestattet, wurde 1979 von einem deutschen Ehepaar aufgesperrt.

Dort werden die Deutschen vielleicht die gute Laune wiedergefunden haben, die sie vor dem Teambewerb schon gehabt hatten. Acht Skifahrer und vier Skifahrerinnen hat der Verband (DSV) nach Vail entsandt. Dass diese in den bisherigen sechs Einzelbewerben medaillenlos geblieben sind, war nicht die große Überraschung. Einzig Viktoria Rebensburg hätte Möglichkeiten gehabt. Die Bayerin wurde Fünfte im Super-G und Zehnte in der Abfahrt. Die 25-Jährige ist seit dem Rücktritt von Maria Höfl-Riesch die einzige große Hoffnung bei den Damen. Sie hat noch den Riesentorlauf am Donnerstag. 2010 war sie in dieser Disziplin schon Olympiasiegerin. Im Teambewerb war sie auch am Start. Auch an ihr lag es nicht, dass der Medaillentraum platzte.

Jahrelang waren es im DSV eher die Damen, die für Medaillen infrage kamen und diese auch häufig gewannen. Die Sache hat sich gewandelt. Deutschland hat Neureuther, Deutschland hat Fritz Dopfer. Und beide haben noch den Riesentorlauf und den Slalom und jeweils gute Medaillenaussichten. Neureuther freilich ist im Slalom stärker einzuschätzen. In der einschlägigen Weltcupwertung führt er, zwei Saisonrennen gewann er. "Im Riesentorlauf kann ich nur überraschen."

Fast ein ÖSV-Läufer

Dopfer hat in beiden Bewerben etwa gleich gute Aussichten, aber auch leichte Rückenprobleme. Auch an ihm lag es nicht, dass Deutschland die Teammedaille verpasste. Er war gar nicht am Start gewesen, wurde geschont. Vor ein paar Tagen sei es ihm beim Training in Park City "in die Muskulatur eingeschossen". Aber Dopfer sagte auch: "Es geht von Tag zu Tag besser."

Wenn Neureuther also scheitert, kann es immer noch Dopfer richten. Das hat Deutschland Österreich voraus. Wenn Marcel Hirscher in diesem Winter im Slalom scheiterte (im Riesentorlauf passierte ihm das nie), konnte es kein anderer Österreicher richten. Die Sache hat insofern einen bitteren Beigeschmack, als Dopfer auch ÖSV-Läufer sein könnte. Der 27-jährige Sohn eines Deutschen und einer Österreicherin fuhr bis 2007 für Österreich, war im B-Kader, ehe er zum DSV wechselte, weil er sich dort bessere Entwicklungschancen versprach. Dopfer gehört jener Generation an, aus der Österreich jetzt (Ausnahme Hirscher) die starken Techniker fehlen. Genugtuung, es nun in Deutschland geschafft zu haben? Dopfer verneint. "Ich habe mich in Österreich nicht wie gescheitert gefühlt." Er habe sich einfach für Deutschland entschieden.

Fast ein Sieger

Dopfer brauchte eine Weile, um den Durchbruch zu schaffen. Erst beim 23. Versuch holte er erstmals Weltcuppunkte. Im Dezember 2011 fuhr er erstmals aufs Podest. Sechs weitere Male kam er aufs Stockerl. Der Sieg freilich fehlt noch. Heuer beim Slalom in Adelboden war Dopfer schon knapp dran, nach dem ersten Durchgang hatte er geführt, ehe er sich um 0,02 Sekunden dem Italiener Stefano Gross geschlagen geben musste. Ärgerlich, ja. "Aber", sagt Dopfer, "das ist lange vorbei. Es ist gut, dass man immer wieder neue Chancen bekommt." Ein Premierensieg bei der WM ist schon anderen gelungen. Dopfer hat keine konkrete Zielsetzung in Beaver Creek, behauptet er. Freilich sei er aus den Vorleistungen gestärkt hervorgegangen.

Eine Einzelmedaille bei einem Großereignis fehlt Dopfer noch, vor zwei Jahren holte er mit dem Team Bronze. Neureuther war auch dabei, holte zudem 2005 Gold mit der Mannschaft und 2013 Silber im Slalom. Auf einen Titel in einem Einzelbewerb wartet er noch. "Früher", sagt Neureuther, "hätte ich gesagt: 'Ich will Gold'. Das sage ich jetzt nicht mehr." Er denkt es vielleicht, nippt an seinem Tee und stülpt seine mintgrüne Haube (der Sponsor!) über das Wasserglas.

Fast ein Unbekannter

Neureuther wirkt entspannt. Nach dem stressigen Jänner mit fünf Slaloms und einem Riesentorlauf konnte er zuletzt in Ruhe in Park City trainieren. In Vail, nicht nur im Hotel Sonnenalp, fühlt er sich auch wohl. Er könne durch den Ort spazieren, ohne erkannt zu werden. "Überragend", sagt er. Vor zwei Jahren in Schladming habe er großen Druck verspürt. Alles sei im Slalom auf das Duell Hirscher gegen Neureuther zugespitzt worden. "Hier kann ich locker und befreit fahren."

Das kann auch Stefan Luitz. Der 22-jährige Riesentorlaufspezialist, im Weltcup dreimal auf dem Podest, gibt in Beaver Creek sein Comeback nach zwei Monaten Verletzungspause. Auch Linus Strasser ist einiges zuzutrauen. Im letzten Slalom vor der WM in Schladming wurde der 22-Jährige überraschender Fünfter. Ob er vielleicht zu weit vorn landete, weil damit die Erwartung gestiegen sei? "Zu weit vorn geht nicht", sagt Strasser. Richtig Gas geben wolle er, und angriffslustig sei er. Und eben freundlich. (Birgit Riezinger aus Beaver Creek, DER STANDARD, 12.2.2015)

  • Viktoria Rebensburg war Fünfte im Super-G und Zehnte in der Abfahrt. Im  Riesenslalom am Donnerstag traut sie sich einiges zu. 2010 war sie  Olympiasiegerin.
    foto: ap/ alessandro trovati

    Viktoria Rebensburg war Fünfte im Super-G und Zehnte in der Abfahrt. Im Riesenslalom am Donnerstag traut sie sich einiges zu. 2010 war sie Olympiasiegerin.

  • Dopfer (li.) und Neureuther standen gemeinsam schon auf dem einen oder  anderen Weltcup-Podest. Daran würden sie gerne anknüpfen.
    foto: ap/ marco trovati

    Dopfer (li.) und Neureuther standen gemeinsam schon auf dem einen oder anderen Weltcup-Podest. Daran würden sie gerne anknüpfen.

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