"Darkest Dungeon" angespielt: Paranoid im Monsterkeller

12. Februar 2015, 11:47
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Das Rollenspiel begeistert mit frischen Ideen und "Early Access", wie es sein soll

Mit einer Abenteurergruppe in düsteren Kellergewölben Monster bekämpfen? Es braucht schon eine Menge neuer Ideen, um aus diesem fast archaischen Spielprinzip noch etwas Neues zu machen. Das kanadische Indie-Studio Red Hook hat es geschafft: "Darkest Dungeon", das letztes Jahr höchst erfolgreich auf Kickstarter finanziert wurde und seit kurzem im Early Access spielbar ist, ist so etwas wie ein Indie-Überraschungshit des noch jungen Spieljahres.

Die Eckdaten klingen vertraut: In rundenweisem Kampf begleiten Spielerinnen und Spieler eine Truppe von vier Abenteurern mit unterschiedlichen Fähigkeiten durch immer neu zufallsgenerierte Kerker, wo auch Schätze, Fallen und harte Endmonster warten. Im Unterschied zu anderen Vertretern der tausendmal gesehenen Genreformel taugen diese Abenteurer allerdings nur bedingt zur Identifikation: Zunächst einmal sind dank forderndem Schwierigkeitsgrad Tode keine Seltenheit, und zum anderen machen sich beim stressigen Kämpfen in finsteren Gemäuern zunehmend Ticks und handfeste Psychosen bei den fragwürdigen Helden bemerkbar - meist im schlimmsten Augenblick, während fordernder Kämpfe.

red hook games
bild: red hook studio

Abenteurer mit Burnout

Nicht umsonst nennen die Entwickler ihr Spiel "a challenging gothic roguelike RPG about the psychological stresses of adventuring": Die in anderen Spielen stets stoisch jeden Horror erduldenden Figuren reagieren hier durchaus menschlich auf Kampf und Schrecken, werden zu zitternden Wracks, beginnen zu halluzinieren, werden paranoid oder größenwahnsinnig. Während manche bei erlöschendem Fackellicht panisch werden, geraten andere beim Anblick von Blut in Berserkerlaune, wieder andere steigern sich unter Druck im schlimmsten Fall in Verfolgungswahn und wenden sich gegen die Mitstreiter. Die geistige Gesundheit der Helden sollte man als Spielerin oder Spieler stets im Auge behalten.

Zwischen einzelnen Abstiegen in die Kerker kann diese durch verschiedene Methoden zwar wiederhergestellt werden - je nach individuellem Heldencharakter durch Meditation, Selbstkasteiung, Psychotherapie oder aber feuchtfröhliche Ausflüge in die Taverne -, aber dennoch ist Verschleiß unvermeidlich. Gut, dass laufend neues "Heldenmaterial" in dem Städtchen ankommt, das Ausgangspunkt jedes Kerkerausflugs ist. Als "Expeditionsleiter" sind deshalb Spielerinnen und Spieler immer wieder gefordert, zum Beispiel liebevoll hochgesteigerte Helden auch mal zu Hause zu lassen und Kanonenfutter nach vorne zu schicken.

foto: red hook studio
bild: red hook studio

Frische Optik, originelle Gameplay-Mischung

Aktuell zehn verschiedene Klassen von Abenteurern mit unterschiedlichen Kampfstrategien lassen sich im Spielverlauf herumkommandieren, und dank individueller Eigenschaften unterscheiden sich auch Helden gleicher Klasse voneinander. Kluges Ausbalancieren der speziellen Fähigkeiten und Schwächen ist im rundenweisen Kampf gegen die abwechslungsreiche Gegnerschar ebenso gefragt wie Management von Ressourcen und Aufbaumöglichkeiten, denn zwischen den nervenaufreibenden Exkursionen, die immer länger und gefährlicher werden, lassen sich sowohl die Überlebenden als auch die Gebäude der Stadt aufrüsten und verbessern.

Die Optik weiß dabei besonders in Bewegung zu begeistern: Der düstere Comic-Stil erinnert an Mike Mignolas "Hellboy"-Comics, und dank dramatischer Animationen und ausgezeichnetem Sound werden die auf Screenshots so statisch erscheinenden 2D-Kellerausflüge lebendig. Soundtrack und Sprachausgabe müssen dabei den Vergleich mit großen Hochglanztiteln nicht scheuen.

bild: red hook studio
foto: red hook studio

"Early Access", wie er sein soll

Es ist die Mischung aus verschiedenen, komplex ineinandergreifenden Gameplay-Mechaniken, gelungener Präsentation und enormem Wiederspielwert, die "Darkest Dungeon" trotz "Early Access"-Status schon jetzt zum Verkaufsschlager auf Steam und zum Überraschungshit machen. Skeptiker können beruhigt sein: Der innovative Rollenspiel-Mischling ist trotz seiner offiziellen "Unfertigkeit" schon jetzt ein höchst professionelles, wunderbar spielbares Einzelstück mit hohem Suchtfaktor und angenehm herausforderndem Schwierigkeitsgrad.

Die aktuelle, häufig aktualisierte und bemerkenswert stabile Version soll mit fünf weiteren spielbaren Heldenklassen, mehr Gegenständen, Missionen und Monstern bis zur Fertigstellung noch inhaltlich erweitert werden. Bis zum endgültigen Release in einigen Monaten bietet "Darkest Dungeon" aber bereits jetzt spannende Rollenspielstrategie mit vielen neuen Ideen und außergewöhnlicher Wiederspielbarkeit. (Rainer Sigl, derStandard.at, 12.2.2015)

"Darkest Dungeon" ist für Windows und Mac im "Early Access" um 19,99 Euro erhältlich.

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