Van Gaals Empörung und die langen Bälle

Blog11. Februar 2015, 14:13
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Lange Bälle sind nicht immer ein Ausdruck des Zufalls. Dieser Vorwurf regt Louis van Gaal zwar zu Recht auf, hilft ManUnited nicht

Louis van Gaal hat am Dienstag mit einer ungewöhnlichen Pressekonferenz für Aufsehen in der englischen Medienlandschaft gesorgt. Der Trainer von Manchester United reagierte geradezu empört auf die Analyse von Sam Allardyce, Coach des jüngsten Gegners West Ham United, wonach die Red Devils (salopp paraphrasiert) viele lange Bälle nach vorne dreschen würden.

Allardyce, dem dieser allgemein als unelegant verschriene Stil selbst oft zurecht vorgeworfen wird, schmähte über "Longball United", nachdem das Team aus Manchester in der 93. Minute aus einem eher unkontrolliert entstandenen Tor zum Ausgleich gekommen war.

Der lange Ball! Der Inbegriff des auf Zufall basierenden Spiels und des "Kick and Rush"! Das Mittel des verzweifelten Underdogs! Das lässt ein Tüftler und Pedant wie Louis van Gaal natürlich nicht auf sich sitzen und packte am Folgetag vor den versammelten Journalisten grafische Ausarbeitungen des Passspiels beider Mannschaften aus.

Ungewohnt ist das auch deshalb, weil Trainer gegenüber der Presse zumeist auf eine echte inhaltliche Auseinandersetzung verzichten. Van Gaal (bekanntlich ein komplizierter Mann) zeigt aber eine aufklärerische Ader. Das ist etwas, wofür man ihn durchaus auch mögen kann.

Es war auch nicht das erste Mal, dass der Niederländer sich in der Öffentlichkeit ausführlich zu erklären versuchte. Als er 2002 als Bondscoach die Weltmeisterschaft verpasste, analysierte er dieses Scheitern in einer legendären Pressekonferenz mit einem über 30 Minuten langen Monolog.

Diesmal fiel sein Rechtfertigungsversuch kürzer aus. "LvG" gestand: Ja, man spiele viele lange Bälle. Es wäre auch schwer zu leugnen, denn Statistiken belegen, dass in allen fünf europäischen Top-Ligen nur Metz und Burnley mehr weite Pässe spielen. Beide Teams sind absolute Abstiegskandidaten.

Kontrolle statt Zufall

Aber der Niederländer bestand auch auf eine inhaltliche Differenzierung: Im Normalfall schlage sein Team diese Pässe nicht so oft nach vorne, sondern versuche das Spiel seitlich zu verlagern - was also einem kontrolliert statt zufälligen Ansatz entspricht. Die Fakten bestätigen auch das: Kein Team aus den fünf Top-Ligen spielt weite Pässe mit höherer Genauigkeit.

Nur so könne man soviel Ballbesitz wie seine Mannschaft ansammeln, meint Van Gaal. MUFC hat im Saisonschnitt knapp 60 Prozent der Zeit den Ball - der zweithöchste Wert in der Premier League.

foto: fourfourtwo.com/statszone
Die langen Pässe von Manchester United und West Ham beim Premier League-Duell am Sonntag im Vergleich. Manchester United spielte etwa die Hälfte davon in die Breite und diese kamen dann auch immer an. Insgesamt war die Erfolgsquote von langen Pässen bei Manchester United etwa 15% höher als beim Gegner.

Was Van Gaals Eitelkeit in der aktuellen Kritik kränkt, ist wohl die vermutete oder auch tatsächlich mitschwingende Unterstellung durch Presse und Konkurrenz, sein Ansatz berge keinen inhaltlichen Gedanken. Dass man im Spiel nach vorne auf pure Zufallsarbeit setzt, kann man aber tatsächlich weder dem Team von Van Gaal noch ihm als Konzept seriös vorwerfen. Die Analyse der Pässe, die nach vorne gespielt werden, zeigt gerade im Vergleich zu West Ham merkbare Unterschiede.

foto: fourfourtwo.com/statszone
Das vertikale Passspiel im Duell zwischen West Ham und Manchester United zeigt eine klare Tendenz zum langen Ball bei West Ham, aber nicht bei Manchester United.

Das Problem von Manchester United ist derzeit aber in Wahrheit nicht das fehlende Konzept, sondern dessen fehlende Durchschlagskraft. Zwar hat man nur eines der letzten 17 Spiele verloren, aber auch nur drei der letzten acht Ligaspiele gewonnen. Über die ganze Saison nahm man oft auch aus schwachen Spielen drei Punkte mit. Das muss man von einer der teuersten Mannschaften mitsamt der hohen individuellen Klasse auch erwarten und kann es auf Dauer nicht als Zeichen von Fortschritt deuten.

Zu viele Stürmerstars verderben das Toreschießen

Von Van Gaals oftmals begeisternd spielenden Mannschaften der Vergangenheit ist im heimischen "Theatre of Dreams" jedenfalls noch überhaupt nichts zu sehen. Das MUFC-Team ist laut seinen eigenen Aussagen ein Drei-Jahres-Projekt und wirkt spielerisch derzeit - also nach etwa einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit - noch ziellos. Angesichts des teuren Super-Sturms mit Radamel Falcao, Wayne Rooney und Robin van Persie ist das für viele Beobachter schwer zu schlucken.

Der Trainer hat unterschiedliche Formationen ausprobiert, aber bisher kein System gefunden, um dieses Trio gemeinsam zur Entfaltung zu bringen, ohne defensiv zuviel Stabilität zu verlieren.

Die vielen weiten Pässe in alle Richtungen überbrücken zudem nicht nur gegnerisches Pressing, sondern auch die eigenen Kreativspieler wie Juan Mata oder Angel di Maria. Diese leiden unter dieser System-Sucherei und können ihre Stärken ebenfalls nicht mehr einbringen. Der um Raum beraubte Di Maria dribbelt etwa deutlich seltener, als noch zu Beginn der Saison. Und so herrscht im Angriffsdrittel systemimmanente Ideenlosigkeit. Das besorgniserregendste Zeugnis davon war das 0:0 beim eher abstiegsgefährdeten Viertliga-Klub Cambridge United im FA-Cup.

Van Gaals Mannschaft hat nicht perfekt funktioniert aber doch zielgerichteter gewirkt, als Falcao über einige Spiele verletzt und damit verzichtbar war. Das deutet schon auf einen möglichen Ausweg hin: Der ein oder anderen Star muss wohl auf die Bank. Möglicherweise wird die Kaufoption auf den derzeit von Monaco geliehenen Falcao im Sommer nicht gezogen. (Tom Schaffer, derStandard.at, 11.2.2015)

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