Kanarische Gewässer: "Man hätte diese Causa früher regeln müssen"

Interview16. Februar 2015, 11:51
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Vor allem Meeressäuger leiden unter Tiefseebohrungen und dem Lärm großer Schiffe, sagt Meeresbiologe Alberto Brito Hernández

DER STANDARD: Wie erklären Sie sich den Schwenk, dass nun, nach dem Abzug von Repsol ebendiese Gewässer vor Lanzarote und Fuerteventura unter Naturschutz gestellt werden sollen?

Alberto Brito Hernández: Ohne Zweifel hätte man diese Causa weit früher regeln müssen. Und vor allem noch vor der Vergabe der Konzession und der Lizenzen an den Konzern Repsol für deren Suche nach Erdöl und Erdgas. Es ist schlichtweg ein Gebiet von hohem ökologischem Wert, in dem gebohrt wurde.

Eines mit außergewöhnlicher Biodiversität, das einen umfassenden Naturschutz mehr als verdient. Von den Salinen auf Lanzarote, und den dortigen Korallenriffen bis zu den Sandbänken im Süden Fuerteventuras. Es ist zudem eine überaus wichtige Migrationsroute für viele Fische und Meeressäugetiere, aber auch Meeresschildkröten nebst zahlreicher Seevögel. Nicht alle Spezies sind auf Durchreise, wohlgemerkt. Viele sind auf den Kanaren heimisch.

DER STANDARD: Welche Spezies sind die am stärksten Bedrohten vor den Kanaren?

Hernández: Just in jenem Gebiet, das nun unter Naturschutz gestellt wird, sind es zweifelsohne die Meeressäugetiere und Schildkröten, sowie in Ufernähe Spezies, die in natürlichen Salinen oder Algen- und Seegraswäldern leben. Es ist im Interesse aller, diese Gebiete zu schützen. Und der Schutz lohnt sich, wie sich in der Fülle an Naturschutzgebieten den Kanareninseln zeigt wo sich die Biodiversität erhalten kann.

DER STANDARD: Konnten Sie über die vergangenen Jahre besorgniserregende Veränderungen, etwa in punkto Migrationen der Walbestände wissenschaftlich erheben?

Hernández: Die wissenschaftlichen Daten reichen in ihrer Exaktheit nicht derart weit zurück um verifizierbare Aussagen zu Veränderungen zu machen. Es gibt jedoch einzelne Details, die wir sehr wohl beobachten konnten. So richtet eine aus den Tropen eingeschleppte Algenart, die die einheimischen Algen und die Seegräser überwuchert und abtötet. Sie weist eine rasante Expansionsrate auf.

Von Zeit zu Zeit werden auch Wale an die Küsten angeschwemmt, ohne dass eine steigende Tendenz festzustellen ist. Positiv zu bemerken ist, dass in den bereits existenten Schutzgebieten sich die Situation verbessert. Vor allem was das Angebot an Nahrung betrifft. Wenngleich jene Veränderungen sich nicht mit unseren Erwartungen völlig decken. Aber zumindest die Biodiversität verhält sich stabil dort. Und die Seevogelpopulationen erholen sich.

DER STANDARD: Wie steht es um die Auswirkungen sich verändernder klimatischer Bedingungen auf den Kanaren?

Hernández: Vor allem an den westlichen Inseln, die heißer sind macht sich der Klimawandel deutlicher bemerkbar. In den östlichen Regionen wie Lanzarote, La Graciosa und Fuerteventura erhalten sich die autochthonen Algenbestände und Seegrashaine bis jetzt noch weit besser, und das auch in Küstennähe. Wenngleich das Meer wärmer wird, und der PH-Wert des Wassers leicht sinkt, und damit ein wenig saurer wird.

Zugleich steigt auch die Aussetzung durch stärkere UV-Strahlung. Sorge bereiten uns aber aktuell in erster Linie invasive, tropische Spezies, die durch menschliches Einwirken eingeschleppt werden, etwa in Ballastwassertanks großer Schiffe, Fischtrawler oder eben Treibnetze, und nun durch erwärmte Gewässer hier auf den Kanaren einfacher Fuß fassen. Was wiederum mehr die östlichen Inseln La Palma und Teneriffa sowie die kleineren La Gomera und El Hierro betrifft.

DER STANDARD: Wie schädlich ist Schall, sei es Lärm der Sondierungen mechanischer oder akustischer Art, für Meeressäuger?

Hernández: Da Wale und Meeressäuger, und insbesondere Zahnwale, wie der Pottwal oder Delfine selbst über eine Art biologisches Sonarsystem verfügen, sind sie extrem sensibel auf Geräusche und vor allem Lärm. Es ist anzunehmen, dass der Krach durch die Perforierung am Meeresgrund im Zuge der Probebohrungen das Leben der Wale in der Region deutlich beeinträchtigt hat.

Besonders das Einebnen um das spätere Bohrloch ist ein immens lauter Vorgang. Schlimmer aber noch wäre es gewesen, hätte man mit der Förderung von Öl begonnen, was zu einem enormen Anstieg der Schifffahrt im Gebiet geführt hätte. Vor allem große Schiffe, wie Tanker und Frachter etwa stören die Sinneswahrnehmung der Meeressäuger stark, da sie den Geräuschpegel in der Tiefe, wo der Grund den Schall freilich reflektiert, signifikant heben.

DER STANDARD: Sollte das Schutzgebiet noch größer sein, als das Ministerium es plant?

Hernández: Absolut. Der Vorschlag des WWF ist meiner Ansicht nach ideal und der praktikabelste und sinnvollste. Eben weil er auch Gebiete im Osten und den Migrationskorridor der Wale und Schildkröten berücksichtigt. Diesen sollte das Ministerium aufgreifen. (DER STANDARD, 12.2.2015)

Zur Person

Alberto Brito Hernández (*1954, in Valle Gran Rey auf La Gomera) ist Meeresbiologie-Professor an der Universität von La Laguna (Teneriffa).

www.ull.es

  • Die Gewässer vor den Kanarischen Inseln sind ein Gebiet von hohem ökologischem Wert.
    foto: oceana/carlos minguell

    Die Gewässer vor den Kanarischen Inseln sind ein Gebiet von hohem ökologischem Wert.

  • Meeresbiologe Alberto Brito Hernández fordert daher, den Schutz auszuweiten.
    foto: oceana/carlos minguell

    Meeresbiologe Alberto Brito Hernández fordert daher, den Schutz auszuweiten.

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