Orte der Roma und Sinti: Zwischen Nadelstichen und Wien-Favoriten

Ansichtssache11. Februar 2015, 15:43
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Eine neue Ausstellung im Wien-Museum beschäftigt sich mit der Geschichte der Roma und Sinti in Österreich

Wien – Eine Meerjungfrau blickt von der Wand des Ausstellungsraums: "Na bister ma" – "Vergiss mich nicht" steht neben ihr. Sie ist auf einem von fünf Kupferstichen abgebildet, die im Wien-Museum präsentiert werden. Die Stiche zeigen die Geschichte eines Roma-Dorfes in der Slowakei. Viele der Einwohner waren im Gefängnis. Auf den Bildern sieht man die dort entstandenen Tätowierungen.

Vorurteile und Stereotype

Robert Gabris ist einer von elf Mitwirkenden der Roma-und-Sinti-Community, die in der Ausstellung "Romane Thana" Orte der Roma und Sinti zeigt. Gabris porträtiert die Haut der Roma, die sein Vater als Gefängnistätowierer mit feinen Nadelstichen verzierte. "Wir wollten von den Vorstellungen der Bevölkerung darüber, wie Roma und Sinti leben, weggehen", sagt Wolfgang Kos, Direktor des Wien-Museums. Bestehende Vorurteile und Stereotype sollen durch die partizipative Gestaltung der Ausstellung – unter der Mitarbeit von Roma und Sinti selbst – abgebaut werden. "Diese festen Vorstellungen über sie sollen infrage gestellt werden", sagt Kos.

Eines dieser Stereotype ist die Ortlosigkeit und das ständige Herumreisen dieser Gruppe. "Wir leben seit Jahrzehnten hier und haben uns normal verhalten", sagt Barka Emini, die die Geschichte der Migration ihrer Familie aus dem Kosovo nach Wien-Favoriten nachzeichnete: "Wir haben keine Pferdewägen und wohnen nicht im Wienerwald am Lagerfeuer. Das Bild von Roma und Sinti sieht in der Mehrheitsgesellschaft dennoch so aus." Anhand von Fotografien, Dokumenten und mündlichen Überlieferungen zeigt sie den Wandel der Sprache und der Identität ihrer Familie.

Historischer Kontext

Neben den zum Teil sehr abstrakten Orten der Roma und Sinti befasst sich die Ausstellung mit wesentlichen Phasen ihrer Geschichte. Die Zwangsansiedlung und Assimilierung wie auch der Antiziganismus des 20. Jahrhunderts setzen die persönlichen Geschichten in einen historischen Kontext, der seinen tragischen Höhepunkt in der NS-Zeit findet, als 10.000 der 12.000 damals in Österreich lebenden Roma und Sinti ermordet wurden. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 12.2.2015)


Romane Thana. Orte der Roma und Sinti

von 12. Februar bis 17. Mai
Wien-Museum Karlsplatz, 1040 Wien
Dienstag bis Sonntag und Feiertag, 10 bis 18 Uhr

Wien-Museum

foto: privat

Barka Emini in der Leebgasse in Favoriten, 1999. Emini zeichnete für das Wien-Museum die Migrationsgeschichte ihrer Familie nach.

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foto: bundesarchiv, bild 146-1987-108-18

Das Anhaltelager auf der Hellerwiese, 1940/1941.

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foto: lilly habelsberger

"Hausieren", Gemälde von Lilly Habelsberger.

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foto: privat

Teppichhandel, um 1970.

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foto: wien museum

Gemälde von Ceija Stojka, ohne Titel, 1995.

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foto: privat

Die Aufnahme von Karl Waka Horvath, dem Vater der Künstlerin Ceija Stojka, im Auftrag der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" um 1940.

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foto: privat

Familie Nitsch im Hof der Franklinstraße in Floridsdorf, um 1950.

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foto: bundesministerium für inneres, abteilung iv/7, mauthausen memorial

Tafel vom Attentat in Oberwart, bei dem am 4. Februar 1995 vier Menschen ermordet wurden. An der Tafel war die Sprengfalle angebracht.

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foto: landesmuseum burgenland

Eine Roma-Siedlung in Oberwart in den 1930er-Jahren.

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foto: burgenländisches landesarchiv eisenstadt

Eine Roma-Siedlung in Mörbisch in den 1930er-Jahren.

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