Kosovo-Flüchtlinge strömen in ungarisches Grenzdorf

11. Februar 2015, 09:50
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Hunderte Wirtschaftsflüchtlinge kommen Tag für Tag über die grüne Grenze von Serbien nach Ungarn, darunter viele Kinder

Asotthalom - Das verschlafene Dörfchen Asotthalom liegt auf der ungarischen Seite der Grenze zu Serbien. Rund 2.000 meist ältere Menschen leben hier auf verstreuten Bauernhöfen, beschaulich und ohne jede Aufregung. Doch mit der Ruhe ist es seit zwei Monaten vorbei. Zehntausende verzweifelte Kosovo-Albaner haben sich diese Grenzregion als Tür ins vermeintliche europäische Paradies ausgesucht.

"Es waren 500, 1.000 jeden Tag", sagt Bürgermeister Laszlo Toroczkai: "Sie kommen tagtäglich, rund um die Uhr." 80 Prozent von ihnen seien Kosovo-Albaner, der Rest kommt aus Syrien, Afghanistan und Afrika. Nach Schätzung der Medien in der Kosovo-Hauptstadt Pristina sollen seit Anfang Dezember 50.000 Menschen aus dem Land geflüchtet sein. Sie fahren mit Bussen oder Taxen durch Serbien bis zur Nordgrenze nach Ungarn.

Von der letzten serbischen Stadt Subotica aus geht es zu Fuß über die grüne Grenze bei Asotthalom und in die nächste Kreisstadt Szeged. Bis Ende der 80er-Jahre verlief hier jahrzehntelang der streng bewachte Eiserne Vorhang, der West von Ost trennte. Heute sind die ausgedehnten Ackerebenen, die Wälder und vielen Kanäle offen. Die Flüchtlinge müssen die zehn Kilometer bis Asotthalom zu Fuß schaffen.

"Kein Geld und kein Essen im Kosovo"

"Wir sind aus dem Kosovo abgehauen, weil wir kein Geld und kein Essen haben", sagt ein Albaner, der ein Kind auf dem Arm trägt und sich Pajazit nennt: "Ich kann meine Kinder nicht mehr ernähren", sagt der Mann aus Gjakova im Ost-Kosovo. Er läuft in einer Gruppe von 15 Erwachsenen und einem Dutzend Kindern. "Wir gehen nach Deutschland, in den Westen", nennt ein zweiter Mann mit Namen Bleri ihr Ziel. "Und wenn sie uns stoppen, werden wir es wieder versuchen."

In Deutschland haben im Jänner 3.630 Menschen aus dem Kosovo Asyl beantragt - mit steigender Tendenz. In Bayern kamen allein am Montag mehr als 800 Asylbewerber aus dem Kosovo an. Bayern will deshalb durchsetzen, dass die Kosovaren schon auf ihrem Weg nach Deutschland gestoppt werden - mit Kontrollen an der ungarischen Grenze.

Auch in Österreich steigt die Zahl der Asylanträge rasant. Im gesamten Jahr 2014 wurden 1.901 Anträge von Kosovaren gestellt. Alleine im Jänner 2015 waren es 1.029 entsprechende Ansuchen.

Doch selbst wenn die Flüchtlinge einem der wenigen ungarischen Polizisten in die Arme laufen, können sie ihr Wunschziel am Ende doch erreichen, erklärt Bürgermeister Toroczkai: "Wenn wir sie aufgreifen, bringen wir sie in Bussen zum Migrationszentrum nach Szeged. Dort erhalten sie Personalpapiere. Dann sollen sie mit dem Zug zu einem Aufnahmezentrum fahren. Doch stattdessen reisen sie nach Wien."

Ausweise zerrissen

Es gibt nicht genügend Personal, um den Ansturm der späteren Asylbewerber zu kanalisieren. Viele Ankommende haben ihre Ausweise aus dem Kosovo zerrissen. Der Bürgermeister zeigt einige zerfledderte Dokumente, die seine Leute in den Wäldern aufgeklaubt haben. Die Polizeiwache ist mit drei Beamten besetzt. Die Regierung in Budapest hat wegen des Notstands 26 weitere Polizisten geschickt. Doch auch die können an der 25 Kilometer langen Grenze nur wenig ausrichten.

"Wir sind unter ständiger Belagerung", beschwert sich Toroczkai. Daher hat er die Errichtung eines Grenzzauns zur Abwehr der nicht willkommenen Gäste vorgeschlagen. "Bulgarien baut einen Zaun gegen die Migranten aus der Türkei, die USA haben einen an der Grenze zu Mexiko." Er orientiere er sich an Vorbildern, meint der Behördenchef.

Doch langfristig könne der Flüchtlingsstrom nur durch verbesserte Lebensbedingungen im Kosovo eingedämmt werden, ist sich der Bürgermeisters sicher: "Der Westen wollte 1999 den Kosovo-Konflikt mit Krieg lösen. Aber als nach dem Krieg geholfen werden musste, die Wirtschaft aufzubauen oder die korrupten Politiker zu bestrafen, war man dazu nicht bereit." (Boris Babic/dpa, 11.2.2015)

  • Unter den Flüchtlingen sind viele Kinder.
    foto: reuters/laszlo balogh

    Unter den Flüchtlingen sind viele Kinder.

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