"Private Revolutions": Mit Atemschutzmaske und Schere für die Revolution in Ägypten

11. Februar 2015, 05:30
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Die Österreicherin Alexandra Schneider hat vier Ägypterinnen porträtiert

In ihrer Kairoer Wohnung sitzend zeigt Sharbat Abdullah, was sie in ihrer Handtasche dabeihat. Eine Atemschutzmaske gegen Tränengas oder eine Schere, um sich gegen männliche Übergriffe zur Wehr zu setzen. Sharbat lacht, mehr vergnügt als verlegen. Ein paar Tränengasbomben hat sie als Souvenirs nach Hause mitgenommen, sie erinnern an eingedrückte Energydrink-Dosen. Ihren Jüngsten warnt sie, nicht dran zu riechen - so wie sie ihn vorher ermahnt hat, die Katze nicht vor Liebe zu erdrücken.

Sharbat, die mit ihren Kindern regelmäßig auf den Tahrir-Platz zieht, ist eine von vier Protagonistinnen, die Alexandra Schneider für ihren sehenswerten Dokumentarfilm Private Revolutions - Jung, Weiblich, Ägyptisch fast zwei Jahre lang begleitete. Es ist die Zeit der Präsidentschaftswahlen von 2012 und der Amtszeit von Mohammed Morsi. Sharbat, die die Ideale der Revolution gefährdet sieht, wirbt lautstark für einen Boykott der Wahlen. Mit ihrer konfrontationsfreudigen Art hat sie den Großteil der Nachbarschaft gegen sich, ihren Ehemann ebenso ("Er sagt: 'Nimm die Kinder mit. Wenn du stirbst, sterbt ihr alle zusammen. Dann hab ich meine Ruhe.'"). Doch die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder lässt sie immer wieder auf die Straße gehen.

Familie, Gott und Politik

Familie ist - neben Gott - auch für Fatema Abouzeid das wichtigste Schlagwort. Als Mitbegründerin der politischen Partei der Muslimbrüder, Mutter dreier Kinder und Studentin ist ihr Tagesablauf genau durchgeplant. Beim Betrachten von Fotos aus den Sechzigern ist sie erstaunt, wie weni- ge Uniabsolventinnen damals mit Schleier posierten. Mit dem Wahlsieg der Muslimbrüder endet ihre Zusammenarbeit mit dem Filmteam abrupt. Das ist umso bedauerlicher, als eine der Stärken von Private Revolutions darin besteht, unterschiedlichen Positionen Raum zu geben und so nicht nur von vier starken Persönlichkeiten, sondern einem Land zu erzählen.

Um das Abbrechen des Kontakts zu konstatieren, tritt Schneider selbst vor die Kamera. Auch an anderen Stellen ist die Filmemacherin nicht bloß Beobachterin. So zieht die kleine Crew Unmut auf sich, weil Menschen der Medienberichterstattung immer argwöhnischer gegenüberstehen und Sharbat heftig attackieren. An anderer Stelle fasst die Filmemacherin tröstend nach Amani Eltunsis Arm, als diese vor den Trümmern ihrer Existenz zu stehen meint.

Amani betreibt einen Internetradiosender für Frauen und gibt als Verlegerin unter anderem Homosexuellen und geschiedenen Frauen eine Stimme. Unter der Präsidentschaft Morsis sieht sie sich zunehmend verfolgt - bis sie eines Tages in ihrem ausgebrannten Verlagsbüro steht.

Den Einsatz gegen alle Widerstände hat Amani auch mit der Nubierin May Gah Allah gemeinsam. Die Tochter einer wohlhabenden Familie gibt mit 25 ihre Karriere im Finanzsektor auf, um in Nubien ein Bildungszentrum für Angehörige ihrer Volksgruppe zu errichten. Hindernisse gibt es viele, besonders beschäftigt May jedoch, dass sie im Gegensatz zu ihren Altersgenossinnen noch unverheiratet ist.

Der Titel von Private Revolutions könnte nicht besser gewählt sein, zeigt der Film doch, wie die gesellschaftspolitischen Bemühungen seiner Protagonistinnen stets mit dem Privaten in Wechselwirkung stehen. Zeiten des Umbruchs bedingen auch privat große Umwälzungen. Dies gilt freilich noch über die Zeit des Drehs hinaus: Vor dem Abspann erfährt man, dass Sharbat inzwischen von ihrem Mann geschieden ist. Er weigert sich jedoch noch, aus der ihr zugesprochenen Wohnung auszuziehen. (Dorian Waller, DER STANDARD, 11.2.2015)

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