Die Formeln hinter den Buchstaben

13. Februar 2015, 18:03
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Die Chemikerin und Germanistin Magdalena Bachmann arbeitet über Erwin Chargaff

Ein Chemielabor ist keine Hexenküche: Anstatt dass es ständig brennt, knallt und zischt, wird eher leise gewartet, während die Stoffe miteinander reagieren. Magdalena Bachmann von der Universität Innsbruck aber harrte in diesen Phasen nicht im Labor aus: "Bei meiner Doktorarbeit am Institut für Physikalische Chemie konnte ich sehr selbstständig arbeiten und hatte zudem sehr viele Stehzeiten und Reaktionsschritte abzuwarten. Da habe ich mir gedacht, dass das eine gute Gelegenheit sei, sich noch einmal ein ganz anderes Studium anzuschauen." So absolvierte Bachmann, wenn sie gerade nicht die Nanostrukturen von Edelmetallen erforschte, zeitgleich ein Studium der deutschen Philologie.

Bachmann sagt darüber: "Mit einer Arbeitswoche von 40 Stunden und einem zusätzlichen Studium gab es eigentlich kaum Freizeit. Meinen gesamten Urlaub habe ich dafür verwendet, Seminararbeiten zu schreiben."

Die Mühe hat sich gelohnt: 2012 bekam Bachmann den Doktortitel in Chemie fast zeitgleich mit ihrem zweiten Magistertitel. Die Doktorarbeit in Germanistik folgt jetzt nach, weshalb die Laborarbeit schon seit einer Weile ruht.

Der Chemie ist sie aber nicht völlig untreu geworden: Das Thema ihrer Promotion ist das essayistische Werk des Biochemikers Erwin Chargaff (s. Artikel oben). In Rahmen dieses Forschungsprojekts mit dem Titel "Auf der Suche nach der dritten Seite der Münze - Das 'zweite Leben' des Biochemikers Erwin Chargaff im Spannungsfeld zwischen den 'Two Cultures' " arbeitet Bachmann aktuell als Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) der Kunstuniversität Linz in Wien.

"Chargaff war Biochemiker, ich bin physikalische Chemikerin: Inhaltlich hat das kaum etwas miteinander zu tun", sagt Bachmann. Dennoch sieht sie eine Verbindung des Themas zu ihrer bisherigen Laufbahn: "Grundsätzlich gehe ich in meiner Forschung der Frage nach, wie man das Wissen aus Literatur- und Naturwissenschaft verknüpfen kann. Gerade diese Wechselwirkung ist besonders spannend: Wie schreiben sich naturwissenschaftliche Diskurse in die Literatur ein? Umgekehrt lässt sich fragen, wie literarische Mittel bei der Vermittlung von naturwissenschaftlichem Wissen eine Rolle spielen und welche Auswirkungen das hat."

Daraus ergeben sich immer wieder überraschende Verknüpfungen, auf die ein reiner Geisteswissenschafter wohl nicht so einfach käme. Als das IFK zu einer Sommerakademie, bei der der Begriff des "Naturschönen" im Zentrum stand, aufrief, erinnerte sich Bachmann an ihre Promotion zurück und beschäftigte sich noch ein zweites Mal mit der Rastertunnelmikroskopie - diesmal kulturwissenschaftlich. Ihre interdisziplinäre Betrachtungsweisen machen dabei auch nicht vor Säulenheiligen der Germanistik halt.

Kürzlich unternahm Bachmann eine Relektüre von Thomas Manns Tagebüchern. Als Naturwissenschafterin fiel ihr schnell ins Auge: Die täglichen Notate des deutschen Großschriftstellers gleichen stilistisch und strukturell frappierend normalen Laborprotokollen, womit man Manns pedantisches Archivieren banalster Alltagsdetails plötzlich wieder in einem ganz anderen Licht sieht: Mit einem gewissen Einsatz wird die eigene Biografie zu einem großen wissenschaftlichen Experiment. (lau, DER STANDARD, 11.2.2015)

  • Magdalena Bachmann ist aktuell mit ihrem Dissertationsprojekt Junior  Fellow am IFK in Wien.
    foto: privat

    Magdalena Bachmann ist aktuell mit ihrem Dissertationsprojekt Junior Fellow am IFK in Wien.

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