Tiere als Hilfe bei Therapie: Nachfrage wird immer größer

11. Februar 2015, 07:00
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Tiergestützte Therapie seit den 90er-Jahren in Österreich - Studien belegen den Erfolg

In den 1960er Jahren entdeckte der amerikanische Kinderpsychotherapeut Boris M. Levinson zufällig im Rahmen einer Therapiestunde die Wirkung seines Hundes. Der junge Patient war zu früh gekommen und wurde von Levinsons Hund in Empfang genommen. Da begann der bis dahin verschlossene Bub, aus sich hinauszugehen und zeigte sich auch in der Therapie so offen wie nie zuvor: Die Geburtsstunde der tiergestützten Therapie.

Längst bewährt

Heute wird sie zur Alternativmedizin gezählt, findet aber zunehmend auch im schulmedizinischen Bereich Anwendung. Helga Widder, Geschäftsführerin des Vereins "Tiere als Therapie" an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, spricht von fast 300 Teams, die in rund 150 österreichischen Institutionen – vom Pflegeheim bis zur Suchtberatung – tätig sind. "Tiergestützte Therapie hat sich in vielen Bereichen bewährt. Von ihr können fast alle Menschen mit körperlichen, geistigen oder sozialen Defiziten profitieren", sagt Widder.

In Österreich hat sie Anfang der Neunziger Fuß gefasst, als die Biologin Gerda Wittmann nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Australien diese Form der Therapie auch hierzulande etablieren wollte. "Für uns war das eine total neue Welt. Zuvor war es undenkbar, Tiere auch nur im Umfeld eines Spitals einzusetzen", sagt Widder. Die erste Einrichtung, in der dies möglich wurde, war das Pflegezentrum Lainz (heute Geriatriezentrum Wienerwald), weitere Häuser folgten bald.

Viele Einsatzgebiete

Im Einsatz sind vor allem Hunde, Pferde, Katzen, Kleintiere wie Meerschweinchen, aber auch Achatschnecken. Diese sind besonders bei hyperaktiven Kindern erfolgreich. Weil man im Umgang mit ihnen Geduld haben muss, helfen sie bei der Entspannung und bei der Kommunikation mit anderen. Bienen wiederum helfen, Kindern die Natur näher zu bringen. So lässt sich etwa die Entstehung von Honig nachvollziehen, vom Blütenstaub-Sammeln bis hin zum Honigschleudern.

Hunde helfen dabei, Vertrauen zu fassen und eine Beziehung aufzubauen. Auch motivieren sie zur Bewegung, was etwa für Adipositas-Patienten nützlich ist, aber auch für Menschen mit Depressionen. Hippotherapie wiederum ermöglicht es, über das Pferd zu einem neuen Körperbewusstsein zu finden und Erfolgserlebnisse zu erleben. Die Patienten lernen etwas, das bei weitem nicht jeder kann – reiten.

Große Nachfrage

Die anfänglichen Zweifel, etwa wegen hygienischer Bedenken, haben sich schnell verflüchtigt und sind einer breiten Akzeptanz gewichen, sagt Widder: "Die Therapie-Teams kommen gar nicht nach mit der Arbeit. Die Nachfrage wird immer größer." Bei der Ausbildung und im Einsatz wird das Wohl der Tiere ganz groß geschrieben, sie sind gleichberechtigte Partner

Weil sich viele für die Tiertherapie interessieren, hat die VetMed Wien 2003 den zweijährigen Uni-Lehrgang "Tiergestützte Therapie" ins Leben gerufen – nach wie vor der europaweit einzige Studiengang in dieser Richtung. Darin lernen jährlich 45 Studienanfänger, viele aus dem Ausland, neben veterinärmedizinischem Wissen auch Grundlagen von Psychologie, Pädagogik, und Mediation. Auch wird die Forschung voran getrieben.

Nachgewiesener Erfolg

Wobei diese schon deutlich weiter ist als noch in den 1990-er Jahren: Längst belegen zahlreiche Studien die positiven Wirkungen der tiergestützten Therapie. Eine der bekanntesten stammt von Erika Friedmann, die 1982 in den USA untersuchte, ob und wie sich der Besitz von Tieren auf den Gesundheitszustand infolge von Herzerkrankungen auswirkt. Sie konnte zeigen, dass Hundebesitzer eine bis zu fünffach erhöhte Überlebensrate aufweisen.

Auch andere Studien belegen deutliche Verbesserungen des Gesundheitszustandes durch die Therapie mit Tieren. So sprechen Personen etwa besser auf Medikamente an, Blutdruck und Pulsfrequenz werden gesenkt und es tritt eine allgemeine beruhigende Wirkung ein. Und eine Untersuchung an Wiener Schulen zeigte, dass die Anwesenheit von Hunden zu einem Rückgang an Aggressionen unter den Schülern führt, weiters zu einer Zunahme an positiven Kontakten und sogar zu einer Zunahme der Konzentration.

Trotz erwiesener positiver Effekte auf die Gesundheit ist tiergestützte Therapie bei den Versicherungsträgern noch nicht anerkannt und wird in der Regel durch Spendengelder oder privat finanziert. Ein wichtiger Schritt ist aber bereits umgesetzt: Mit Jahresbeginn wurde neben Blinden- und Servicehunden erstmals auch der Therapiehund ins Bundesbehindertengesetz aufgenommen, sagt Widder. Und auch vonseiten des Gesundheitsministeriums wolle man dieser Therapie künftig einen größeren Stellenwert zukommen lassen. (Florian Bayer, derStandard.at, 11.2.2015)

  • Längst ist die positive Wirkung von tiergestützter Therapie auch wissenschaftlich erwiesen - im Bild eine Patientin mit Achatschnecke.
    foto: tiere als therapie

    Längst ist die positive Wirkung von tiergestützter Therapie auch wissenschaftlich erwiesen - im Bild eine Patientin mit Achatschnecke.

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