Die Gestrandeten von Kiew

10. Februar 2015, 17:47
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Der Flüchtlingsstrom aus dem Osten der Ukraine wächst

Die Szenen wiederholen sich in diesen Tagen auf dem Kiewer Hauptbahnhof. Um 11.30 Uhr fährt Zug Nummer 334 aus Kostjantiniwka ein - doch seit Tagen bringt dieser Zug ausschließlich Flüchtlinge aus den umkämpften Regionen Donezk und Lugansk. An diesem sonnigen, aber bitterkalten Februartag sind 239 Menschen an Bord. Viele von ihnen sind alte Leute, einige auf Rollstühle und Gehhilfen angewiesen.

Anatoli Kornejew, Psychologe beim Innenministerium, koordiniert mit hunderten Mitarbeitern die Ankunft der Flüchtlinge: "Wir nehmenk die Personalien auf, wer Hilfe braucht, erhält medizinische oder psychologische Unterstützung. Auch für die Wohnungssuche oder einen Teller warmer Suppe sind wir hier verantwortlich."

Allein seit vergangenem Freitag sind hier fast 2000 Menschen angekommen. Doch nicht nur in Kiew, auch in fünf anderen Großstädten der Zentral- und Westukraine kommen täglich Flüchtlinge mit solchen Zügen an.

Kapazitäten erschöpft

Valentina, eine Rentnerin, ist am Ende ihrer Kräfte. Eine Rotkreuz-Mitarbeiterin möchte der 72-Jährigen den Blutdruck messen. Valentina schiebt die Ärmel ihrer drei Pullover hoch. Ihr Arm besteht nur noch aus Haut und Knochen. "Was denken Sie, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Monaten im Keller lebt?", fragt sie. Sie habe in einem Vorort von Donezk gelebt, einem seit Wochen umkämpften Gebiet.

In den vergangenen Tagen bringen die Behörden verstärkt Menschen in die Region Kiew oder in weiter westlich gelegene Gebiete. In Charkiw oder Dnipropetrowsk, Städten, die viel dichter an der Kriegszone liegen, seien die Kapazitäten erschöpft, heißt es aus dem Innenministerium.

Es mag aber noch einen anderen Grund geben. Niemand kann sagen, ob neben Donezk und Lugansk nicht bald weitere ostukrainische Regionen in den Krieg hineingezogen werden. In der Zentral- und Westukraine sind viele Sanatorien und Ferienheime als Auffangsstationen für Flüchtlinge vorbereitet worden. (Nina Jeglinski aus Kiew, DER STANDARD, 11.2.2015)

  • Essensausgabe in der Ukraine.
    foto: reuters/garanich

    Essensausgabe in der Ukraine.

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