"Der Mitropa-Cup war wichtiger als die WM"

Interview11. Februar 2015, 10:05
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Als Kind begeisterte sich Karl Heinz Schwind für den Mitropa-Cup, das Turnier hat ihn bis heute nicht losgelassen

Karl Heinz Schwind hat Klassiker zur Geschichte des österreichischen Fußballs geschrieben, sein Herzensprojekt aber noch nicht abgeschlossen: ein Buch zur Geschichte des Mitropa-Cup. Beim Interview in seiner Wohnung in Wien Leopoldstadt spricht der pensionierte Sportjournalist über die Faszination seiner Jugend.

ballesterer: Der sportliche Stellenwert des Mitropa-Cup war sehr groß. Haben 
sich die Klubs dafür sogar in der Meisterschaft geschont? Der Verdacht drängt sich angesichts der Schwankungen in den Ergebnissen der Wiener Austria auf.

Karl Heinz Schwind: Damals waren die Ungarn, Italiener, Tschechen und Österreicher die wichtigsten kontinentalen Vertreter im Fußball. Hugo Meisl hat global gedacht und als Erster diese vier Verbände zusammengebracht und den Bewerb etabliert. Aber wenn sich Spieler dafür geschont haben, dann nur unterschwellig. Natürlich hat es auch Spiele gegeben, die sie auf die leichte Schulter genommen haben. Durch den Mitropa-Cup sind sie ins Ausland gekommen, das war ein Zuckerl. Und sie haben mehr Geld verdient.

Bei den Spielen gab es unter den Zuschauern aus den verschiedenen Ländern heftige Konflikte. Wie hat der international denkende Meisl das gesehen?

Das waren oft ideologische Auseinandersetzungen. Die Fans sind hauptsächlich aus dem sozialistischen Arbeiterlager gekommen, die großen Feinde waren die Italiener, die sogenannten Katzlmocher. Da hat man schon die revanchistischen Ideen wegen des Ersten Weltkriegs gespürt. Und die waren als Faschisten natürlich auch der Klassenfeind. Benito Mussolini hat den Mitropa-Cup sehr gefördert, und der Meisl war mit ihm ja gar nicht schlecht. Wenn die Italiener gekommen sind und den faschistischen Gruß gemacht haben, sind die Emotionen hoch gegangen.

Wie wichtig war Mussolini der Mitropa-Cup?

Für die Faschisten war der Sport ein wichtiges Aushängeschild, so wie später auch für die Nazis. Die italienischen Mannschaften hatten dort jegliche Unterstützung. Meisls Verbindung zu Mussolini war der italienische Teamchef Vittorio Pozzo, der ein Mussolini-Mann war.

Sind Meisls Verbindungen zu den Faschisten kritisiert worden?

Meisl war ja im Grunde genommen Sozialist. Aber er hat sich mit allen verstanden, auch mit dem Engelbert Dollfuß. Er war ein unglaublicher Diplomat, und 
der Sport war ihm wichtiger als die Politik. Dass er diese unterschiedlichen Ideologien 
im Mitropa-Cup vereint hat, war ja eine Sensation.

Die Franzosen sind nicht eingeladen worden, bei Deutschland gibt es zwei Thesen. Die eine lautet, sie wollten selbst wegen ihres Amateurparagrafen nicht dabei sein. Die andere, sie waren zu schlecht. Welche stimmt?

Warum die Franzosen nicht dabei waren, weiß ich nicht. Bei den Deutschen war es einfach: Sie waren sportlich uninteressant. Die Wiener Teams sind ja regelmäßig auf Tournee durch Deutschland gefahren und haben die Klubs 5:0, 6:0 weggeputzt. Das wäre eine Verwässerung des Bewerbs gewesen, so wie es später auch eine Verwässerung war, als die Schweiz teilgenommen hat. Bei den Deutschen war der Grundkonsens: Die interessiert keiner, da kommen keine Zuschauer. Zum anderen haben sie wegen des 
Amateurparagrafen gar nicht mitspielen dürfen. Das war aber auch ein Grund, den man gerne vorgeschoben hat, um in keine Blamagen zu laufen.

Wodurch hat sich der Bewerb finanziert?

Zuschauerzahlen, die waren enorm. Die Mitropa-Bahn hat ja nicht direkt gesponsert, sondern den Anhängern und den Klubs Preisnachlass gewährt. Bei Auswärts spielen sind regelrechte Völkerwanderungen ausgebrochen. In der Meisterschaft sind selten mehr als 6.000 Zuschauer gekommen, 10.000 waren schon eine sehr gute Kulisse. Aber im Mitropa-Cup sind ganze Kolonnen gekommen. Das war fast 
organisierter Reiseverkehr.

Die Zuschauerzahlen haben dennoch auch im Mitropa-Cup geschwankt.

Das ist wie heute, das hing an der Wertigkeit. Wenn die Vienna in der ersten Runde gegen einen Zürcher Verein gespielt hat, sind nur 1.000 Zuschauer auf die Hohe Warte gekommen. Aber bei den Spielen gegen die Italiener hat die Kasse geklingelt.

Wie haben Sie die häufigen Ausschreitungen wahrgenommen?

Wenn ich als Bub zum Match gegangen bin und das Publikum unzufrieden mit den Leistungen war, hat plötzlich einer gerufen: "Herr Schiedsrichter, bitte zum Telefon", und alle haben gelacht. Das war damals schon eine Beschimpfung. Natürlich sind auch Steine geworfen worden, aber das war dann schon extrem. Es ist auch vorgekommen, dass Schiedsrichter abgepasst wurden und dann in einem Auto verschwunden sind. Aber Exzesse wie heute hat es nicht gegeben. Es sind ja auch Familien zu den Spielen gegangen. Ich bin immer mit unserem Nachbarsbuben, der etwas älter war, zu den Spielen von Rapid gegangen, da war ich fünf, sechs Jahre alt. Für die große Zeit des Mitropa-Cup bin ich aber zu jung. Ich habe später als Journalist mit den alten Spielern gesprochen, und die sind regelrecht ins Schwärmen geraten. Sogar die "Wunderteam"-Spieler haben gesagt: "Mitropa-Cup, das war damals das Größte." Das war mehr als die Weltmeisterschaft.

1934 ist der Bewerb auf vier Vertreter pro Land aufgestockt worden. Sie sehen 
das kritisch?

Ja, das hat die sportliche Leistung verwässert. Für die Verantwortlichen war der wirtschaftliche Aspekt stärker. Dem hat es nicht geschadet, weil das Interesse am Fußball stetig gestiegen ist. Die Zuschauer sind ja sowohl zu Rapid als auch zur Austria und der Vienna gegangen. Vier Länder waren dann am Ende für das große Geld vielleicht doch zu wenig.

Welche Rolle hat die mediale Berichterstattung gespielt?

Es hat ja keine aktuellen Meldungen gegeben, weil das aufgrund der Distanzen zu langsam gewesen wäre. Den früheren Sportredakteuren war nicht so sehr an einem detailgetreuen Bericht gelegen, sondern an einer atmosphärischen Schilderung. Zwei, drei Tage nach den Spielen hat es noch große Artikel gegeben, als wären diese ganz 
aktuell. Mit der heutigen Berichterstattung ist das nicht zu vergleichen. Heute muss alles schnell gehen. Früher waren die Redakteure richtige Schriftsteller. Damals waren auch nur wenige Journalisten mit auf den Reisen. Finanziell wäre das für die Zeitungen ja sonst gar nicht umsetzbar gewesen.

Heute erfahren Journalisten Dinge, über die sie schreiben, und andere, über die sie nicht schreiben. War das damals auch schon so?

Passiert ist immer überall etwas, und es hat auch den Mundfunk gegeben. Man hat sich aber nicht auf die Randereignisse konzentriert. Es war ja damals auch nicht üblich, nach dem Match mit den Spielern zu sprechen. Das war ein ganz anderer Umgang, ein viel größerer Abstand, niemand war verhabert. Man ist zwar beim Heurigen zusammengesessen, aber die Spieler haben damals keinen Druck auf die Schreiber ausgeübt. Die Sportredakteure waren ja alle gesetzte Herren, teilweise selber ehemalige Fußballer. Was die geschrieben haben, war ein Evangelium für die Spieler. (Interview: Clemens Gröbner, Mitarbeit: Alexander Juraske, derStandard.at, 11.2.2015)

Karl Heinz Schwind (86) war bis zu seiner Pensionierung 1990 stellvertretender Sportchef der Kronen Zeitung. Er ist Autor einiger Standardwerke zum österreichischen Fußball, sein bekanntestes Buch
 ist "Geschichten aus einem Fußballjahrhundert".

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