Venezuelas heiliger Berg: Keine Ruhe im Haus der Götter

Ansichtssache19. Februar 2015, 13:00
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Der Roraima-Tepui, spanisch Cerro Roraima, ist ein 2.810 Meter hoher Tafelberg, der sich im Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana befindet. Der Roraima ist für viele Venezolaner ein spiritueller Ort. Für die Pemón, ein indigenes Volk Südamerikas, ist er heilig. Einst lebten sie hier abgeschieden vom Rest der Welt. Heute strömen von überall Abenteuerlustige in die Gegend. Steile, enge Pfade führen die Bergsteiger an Wasserfällen und Felsen vorbei, bis sie schließlich das Ziel, den Gipfel, erreichen. Das ist zwar gut für den Tourismus, aber schlecht für die Umwelt, denn die vielen Touristen verteilen überall in der prähistorischen Landschaft ihren Müll und belasten das empfindliche Ökosystem.

Die guten alten Zeiten

"Früher war es hier abgelegener", erzählt Felix Medina, ein 59-jähriger Tourenführer der Menschen seit mehr als zehn Jahren den Weg auf den Berg zeigt. "Ich liebe die Gegend immer noch, aber es sind einfach zu viele Menschen", sagt Medina, dessen Waden schmerzen, nachdem er den Roraima mit zwei Gruppen rauf und runter gewandert ist. "Manchmal ist es hier ganz schön chaotisch", fügt er an.

Zwischen 3.000 und 4.000 Menschen zieht es heute in die Region um den Berg zu besteigen, vor wenigen Jahren waren es noch ein paar hundert. Das führt zu Wartezeiten in den Hauptsaisonen Weihnachten und Ostern. Zu dieser Zeit sind auch die letzten Plätze mit Zelten zugebaut. Wohlhabende Touristen, vorwiegend aus Japan, lassen sich gleich mit dem Helikopter auf den Gipfel bringen. "Es ist ein exotisches, weit entferntes Reiseziel. Sehr teuer, aber sehr reizvoll", sagt Edo Muneo. Der 68-jährige musste sich, so wie andere Japaner, einem physischen Test unterziehen, bevor er die Reise nach Roraima antreten konnte.

Der Berg und seine Geschichte

In der Sprache der Pemón werden die Tafelberge im Südwesten Venezuelas als "Tepuis" bezeichnet, was so viel wie Haus der Götter bedeutet. Ein weiterer Tepui ist der etwas kleinere, aber nicht weniger majestätische Kukenan. Er steht nahe des Roraima und ist unter den Pemóns berüchtigt. An der steilen Felswand des Tafelbergs haben viele ihrer Ahnen Selbstmord begangen.

In der Nebensaison umgibt die beiden Berge, sie gehören zu den ältesten der Welt, eine unglaublich friedliche Energie. Entstanden sind die Tepuis als der Urkontinent auseinanderbrach und Südamerika nach Westen driftete. Dadurch haben sich abstrakte raue Felsen auf dem riesigen Hochplateau des Roraima gebildet. Im Nebel wirken sie düster, wie Geister. In der Sonne nahezu heiter. In dem 1912 erschienen, vom britischen Autor Arthur Conan Doyle geschriebenem Roman "Die vergessene Welt", attackieren Dinosaurier eine Gruppe Forscher inmitten der Felsen und Sümpfe dieser fantastischen Landschaft.

Flora und Fauna

Die Touristen von heute finden exotische Tiere vor, schwarze Frösche, Vogelspinnen oder bunte Libellen, sowie endemische, also einheimische Pflanzen, die an Rissen und Felsspalten hochwachsen. Wenig überraschend, ist das Gebiet auch für Ornithologen das reinste Paradies. Liebhaber der Region versuchen Bergführer, Regierung und Anführer der Pemón zusammen zu bringen und Regeln für eine Limitierung der Touristen, die Tag für Tag den Berg besteigen, festzulegen. Zusätzlich hätte man gerne eine striktere Regeln, die sicherstellen, dass Besucher und Gepäckträger, die von vielen engagiert werden, ihren Müll wieder mit hinunter nehmen.

Christina Sitja, 42, ist eine venezolanische Kinderbuchillustratorin. Von klein auf hörte sie Geschichten über den Roraima-Tepui, Geschichten die sie bis heute nicht vergessen hat. Sie verbrachte, nach ihrer Kindheit, die meiste Zeit im Ausland. Dieses Jahr hat sie den Tepui endlich bestiegen. "Es war eine schöne Erfahrung, aber auch traurig", sagt sie. "Ich wünschte, es wäre ruhiger." (Reuters, jw, derstandard.at, 10.02.2015)

Nebel umhüllt die steile Felswand des Roraima-Tepui. Der Boden ist vom Hochplateau aus nur selten zu sehen.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Einheimische beim Baden am Fuße des Tafelbergs nahe der brasilianischen Grenze.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Die Nacht vor dem Aufstieg. In der Ebene campieren Touristen in Zelten, bevor es am nächsten Tag auf den Berg geht. Im Hintergrund sind der Kukenan und der Roraima zu sehen.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Einer der etwas älteren japanischen Touristen beim Abstieg. Fitness sollte man hier schon mitbringen, vor allem im höheren Alter.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Im Gänsemarsch geht es runter vom Gipfel. Auf den schmalen Pfaden des Tafelbergs sollte man es nicht eilig haben. Wer nicht aufpasst, tritt vielleicht seinem Vordermann auf die Füße.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Hier sucht eine Gruppe japanischer Touristen Schutz vor dem Regen unter einem der typischen Felsen.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Einer der vielen einheimischen Gepäckträger. So wird den Touristen der Weg zum Gipfel erleichtert.

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foto: reuters/carlos garcia rawlins

Wem es an Zeit, Ausdauer oder einfach am Willen fehlt, der kann sich per Helikopter auf den Gipfel bringen lassen.

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