Amtsmissbrauchsprozess in Wien: Der ausgebrannte Briefträger

11. Februar 2015, 15:08
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Ein 43-Jähriger Zusteller hat hunderte Briefe und dutzende amtliche Schreiben nicht ausgetragen. Der Stress sei daran schuld, sagt er

Wien – Das nur jene zu Post oder Bahn gehen, die nichts sind und nichts können, ist natürlich eine bösartige Unterstellung. Für Helmut G. wäre es dennoch besser gewesen, hätte er nie als Zusteller gearbeitet – dann würde er nicht wegen Amtsmissbrauchs vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Stefan Renner sitzen.

Zwischen April und Ende Juli 2014 hat er nämlich seine Arbeitsleistung absichtlich deutlich vermindert. 69 Behördenbriefe, um die 500 Informationen zur Europawahl und hunderte normale Sendungen hat er damals in seinem Rayon nicht zugestellt. Sondern entweder weggeschmissen oder versteckt.

"Ich war einfach überlastet", sagt der 43-Jährige. "DIe Arbeit ist immer mehr geworden, wenn man gesagt hat, es geht nicht, ist gleich der Druck vom Chef gekommen." Die von der Post eingeführte elektronische Überwachung der Briefträger habe ihr Übriges getan. "Da wird man ja am nächsten Tag schon gefragt, warum man länger gebraucht hat!"

Familiäre Probleme und das letzte Hemd

Dazu kamen familiäre Probleme: der Tod der Eltern, die Scheidung, Erkrankung des Sohnes. "Ich habe nie darüber gesprochen. Ich habe immer nur auf die anderen Leute geschaut und mein letztes Hemd gegeben", verteidigt G. sich. "Ich habe auch nie wirklich Hilfe gesucht."

Im Jahr 2009 sei er zur Post gekommen, zuvor hatte er 21 Jahre in einem anderen Unternehmen gearbeitet. Dann kam die "Abfertigung neu", die für den Arbeitgeber günstiger war. Jene Mitarbeiter, die noch die alte Variante hatten, wurden ausbezahlt, dann wurde beim Personal deinvestiert, wie es im Managerdeutsch heißt.

G. fing bei der Post an, zunächst ging alles gut. Dann schlug, nach seiner Darstellung, das Burnout-Syndrom zu. Während seines Urlaubs entdeckte seine Vertretung in einer Depotkiste zwei Taschen mit den nichtzugestellten Schriftstücken. Es folgte die einvernehmliche Trennung, bei Nachforschungen tauchten weitere vier Taschen und Rückscheinbriefe neben dem Altpapiercontainer auf.

Beamtenstatus auch für Angestellte

Der Amtsmissbrauch liegt darin begründet, dass er bei der Zustellung der amtlichen Schreiben als Beamter gilt, auch wenn er den Status eigentlich gar nicht hat. Darum verurteilt ihn der Senat bei einem Strafrahmen von sechs Monaten bis fünf Jahre rechtskräftig zu acht Monaten bedingt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 10. 2. 2015)

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