Wien unter dem Halbmond

Kommentar der anderen10. Februar 2015, 10:08
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Die Debatte um "Integrationsunwilligkeit" grenzt für den AHS-Gewerkschafter Quin an Gesinnungsterror

Strafen für "Integrationsunwilligkeit", Kopftuchverbot etc. In den letzten Tagen stellt sich mir als grundsätzlich fröhlichem Menschen immer wieder die Frage, ob ich lachen oder weinen soll. Die Diskussion entbehrt weder einer gewissen unfreiwilligen Komik noch der Symptome totalitärer Regime. In freien Gesellschaften muss es jedem erlaubt sein zu wollen, was immer es auch sein mag.

Wenn dieser Wille zu Handlungen führt, die die herrschenden Normen verletzen, dann - und nur dann - sind Sanktionen zulässig. Eine Beschränkung des Willens hingegen ist Gesinnungsterror und würde an den Grundpfeilern unserer demokratischen Republik sägen. Das ist der Teil der Debatte, der mich zum Weinen anregt.

Trennung von Staat und Religion

Aus historischen Gründen, oft als Abgrenzung zu einem vorher existierenden Gottesgnadentum, gibt es eine Reihe von demokratischen Staaten, die eine sehr strikte Trennung von Staat und Religion in ihren Verfassungen festgeschrieben haben und daher auch religiöse Symbole jeder Art in Schulen oder öffentlichen Gebäuden verbieten.

Insofern kann man sich bei der Forderung nach einem Kopftuchverbot auf demokratische Vorbilder berufen.

Kopftuch in vielen Religionen

Allerdings regt es mich schon zum Lachen an, wenn das Kopftuch als muslimisches Kennzeichen klassifiziert wird. Verheiratete orthodoxe Jüdinnen bedecken ihr Haar. Im Christentum wird das Kopftuch heute noch vor allem von Frauen der orthodoxen Kirchen und mennonitischer beziehungsweise täuferischer Gemeinschaften getragen.

Der Schleier von Ordensfrauen ist allgemein bekannt. Konsequenterweise müssten die Befürworter des Kopftuchverbots auch all das untersagen.

Meines Erachtens ist die derzeitige Diskussion der Versuch, die massenweise Abwanderung von Wählern der derzeitigen Regierungsparteien zur FPÖ zu verhindern. Rational ist sie jedenfalls nicht, aber dafür gibt es Anleihen in der Geschichte:

Stephansdom mit Halbmond

Der Nürnberger Drucker und Verleger Niklas Meldemann reiste im Oktober 1529, einen Monat nach Beendigung der ersten Belagerung Wiens durch Truppen des Osmanischen Reichs, in die Stadt, um einen Holzschnitt anzufertigen. Das Werk zeigt den Stephansdom mit einem vergoldeten Halbmond auf der Spitze.

Ab 1530 appellierte die Wiener Bevölkerung immer wieder an die habsburgischen Herrscher, man möge doch dieses "islamische Feldzeichen" entfernen. Erst nach der zweiten Belagerung 1683 ließ Leopold I. dieses "heidnische Symbol" durch ein Kreuz ersetzen.

Auch damals interessierten offenbar niemanden die Fakten. Das "heidnische Symbol" trug ursprünglich die Inschrift "Meine Hoffnung ist Christi". Die Mondsichel ist im Christentum ein Symbol für Maria, die Mutter Jesu.

Das geht auf eine Textstelle in der Offenbarung des Johannes zurück: "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt." (Offb 12,1)

Aber wie merkte der Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker George Santayana so treffend an: "Those who cannot remember the past are condemned to repeat it." (Eckehard Quin, DER STANDARD, 10.2.2015)

Eckehard Quin ist Chef der AHS-Lehrergewerkschaft.

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