Ein lästiges Detail namens Prostitution

10. Februar 2015, 17:19
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Ex-IWF-Chef Strauss-Kahn bestreitet vor Gericht den Tatbestand der Zuhälterei

Der Audi mit den verdunkelten Fensterscheiben hatte das Gerichtsgebäude fast erreicht, als sich eine halbnackte Frau daraufstürzte. Auf ihren blanken Busen hatte sie "your turn to be fucked" gepinselt, anständig übersetzt: "Jetzt kommst du dran."

Polizisten überwältigten die drei Femen-Aktivistinnen rasch, und der Wagen von Dominique Strauss-Kahn verschwand im Eingang zur Tiefgarage. Doch die Episode hatte etwas Bezeichnendes: Seit einer Woche geben sich Anwälte, Unternehmer, Flics und andere Strauss-Kahn-Freunde im Gerichtsgebäude von Lille so kühl und beflissen wie nur möglich. Für die einzigen Emotionen in dieser nüchternen Männerwelt sorgten am Dienstag einzig Frauen - und nicht nur die wütenden Femen-Aktivistinnen.

Das ehemalige Callgirl Mounia berichtete, wie sie vor fünf Jahren Strauss-Kahn in dem Pariser Szenehotel Murano präsentiert worden sei. In der Suite hätten sich mehrere Prostituierte und Männer aus Strauss-Kahns Umfeld getummelt. Nach einem Drink habe sie sich mit dem Hauptgast in ein Zimmer zurückgezogen. Dort sei er - "brutal, aber stets höflich" - sofort zur Sache gekommen.

Callgirl verrät Details

Mounia war gegen die gewählte Technik, meldete aber aus Rücksicht auf ihr Salär keinen Einwand an. "Ich weinte, was ihm nicht verborgen blieb. Sein Lächeln traf mich, er schien das sehr zu schätzen." All diese Details kommen zur Sprache, denn der Gerichtspräsident will etwas wissen: Musste Strauss-Kahn wissen, dass Mounia eine Prostituierte war? Nur in diesem Fall wäre der Tatbestand der schweren Zuhälterei, bestraft mit bis zu zehn Jahren Haft, erfüllt. "Es scheint mir klar, dass er es wusste", meint Mounia.

Der 65-jährige Hauptangeklagte kontert kühl. Ruhig und selbstsicher verliest Strauss-Kahn zuerst ein Schreiben, in dem er begründet, warum er jedes psychiatrische Gutachten verweigere: "Ich habe weder ein Verbrechen noch ein Delikt begangen." Wichtiger scheint ihm, dass er als ehemaliger Vorsteher des Internationalen Währungsfonds (IWF) "die Welt aus einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen gerettet" habe.

Knappe Antworten

Kürzer angebunden antwortet er auf die entscheidende Frage des Gerichtspräsidenten, ob er sich des "prostitutionellen Charakters" der Sexpartys bewusst gewesen sei: "Nein." Und als der Richter nachhakt, antwortet er nochmals lapidar: "Nein."

Die Helfershelfer von Strauss-Kahn, die für ihren Herrn und Meister diese "libertären" Soireen organisiert hatten, sagten bereits letzte Woche aus, sie hätten die finanziellen Fragen direkt mit den Escortgirls geregelt. Strauss-Kahn, der mächtige IWF-Direktor und Fast-Staatspräsident, habe sich nicht mit solchen Details aufgehalten. Er habe nur mit den Fingern zu schnippen brauchen, um Verehrerinnen um sich zu scharen. Vielleicht war es ihm schlicht egal, ob sich darunter auch Prostituierte befanden. Hauptsache, sie waren ihm zu Diensten. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 11.2.2015)

  • Dominique Strauss-Kahn erreicht das Gerichtsgebäude in Lille. Dem ehemaligen  IWF-Chef wird organisierte Zuhälterei vorgeworfen.
    foto: ap/spingler

    Dominique Strauss-Kahn erreicht das Gerichtsgebäude in Lille. Dem ehemaligen IWF-Chef wird organisierte Zuhälterei vorgeworfen.

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