Echte Kugelmenschen und falsche Ballerinen

9. Februar 2015, 17:27
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Die Suche nach sich und dem Gegenüber: Stephan Balkenhol in der Landesgalerie Linz

Linz - Wenn er Geschichten erzählen wollte, würde er Romane schreiben. So hat Stephan Balkenhol schon oft die Frage nach den Episoden hinter seinen Figuren pariert. Und trotzdem: Noch nie scheint Balkenhol, der Meister mit Knüpfel und Beitel (Klopfholz und Stemmeisen) - und bisweilen auch mit der Motorsäge - mehr Spuren und Indizien gelegt zu haben als in den Werken der vergangenen Jahre: Der Bildhauer inszeniert und arrangiert regelrecht, schafft Bühnen wie ein Regisseur.

Dennoch stehen seine charakteristisch grob behauenen Holzskulpturen, die ihr Gemachtsein nie verleugnen, stets auf Sockeln: Es sind schließlich Kunstprodukte - Hirngespinste, die das Leben nicht imitieren, sondern allenfalls im Modell nachstellen.

In der Landesgalerie Linz hat Balkenhol mit monumentalen Bildplatten (teils mit Acryl bemalte Drucke auf Sperrholz) eine Art metaphorischen Raum gebaut - und darin eine einzige Figur platziert: Hier ein sich vor einem Felsmassiv erhebender Wald, dem der Künstler ein paar nadellose, wie vom sauren Regen verspeiste, antennengleiche Baumgerippe hinzugefügt hat; gegenüber ein See vor alpiner Silhouette, dessen bläulich-schwarze Oberfläche unheilvoll schimmert.

Bursch im Trikot

Keine Idylle also, sondern ein eher existenzielles, mulmig stimmendes Naturbild als Kulisse für eine Ballerina. Eine eher massive Tänzerin im Tutu, die die Arme recht burschikos in die Taille stützt. Ein diffuses Szenario, denn das Entscheidende behält er trotz aller Umraum- und Hintergrundgestaltung bei: "Ich erzähle die Geschichten nicht zu Ende."

Nicht eindeutig Mann, nicht eindeutig Frau, das ist auch das Thema einer anderen Figur: Grazil wie ein weiblicher Akt ist eine breitschultrige, muskulöse Gestalt förmlich auf ihr Lager hingegossen. Balkenhols Hermaphrodit (2013) ist sich selbst genug, so als wäre er von der Suche nach dem Gegenüber befreit.

Ein intakter Kugelmensch sozusagen, ein Wesen, das beide Geschlechter in sich vereint, folgt man Platons Mythos, den Balkenhol tatsächlich einmal in den Kugelmenschen (2012) aufgegriffen hatte: Die starken, aber übermütigen Kugelmenschen, die entweder zwei weibliche, zwei männliche Anteile oder von beiden je einen Anteil besaßen, wurden von den Göttern zur Strafe geteilt.

Fortan suchten in dieser antiken Philosophie der Erotik diese Hälften sich in der Umarmung wieder zu vereinen, zur Einheit zu werden. Mit der Sehnsucht nach dem uns ergänzenden, aber trotzdem manchmal fremden Gegenüber, ist man mittendrin in Balkenhols Welt: Es geht darin um die Befindlichkeiten des Menschseins, um Fragen, die auch die antike Mythologie beschäftigten.

Ganz oft nimmt Balkenhol dabei die Perspektive des Mannes - also seine eigene ein. Seine Selbstbildbefragung betreibt Balkenhol mit Witz und Könnerschaft: Der ganz normale Mann hieß 2014 dazu passend eine Personale in Wuppertal. Auch in Linz spiegelt sich dieser Komplex, zu dem die antiken Philosophen keine letztgültigen Antworten fanden. Sie stehen noch immer aus. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 10.2.2015)

Bis 22. 2.

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Landesgalerie Linz

  • Dem Mann-Sein begegnet Stephan Balkenhol gern mit Ironie: Nackt und mit Schleife vorm Geschlecht oder - wie hier - mit Löwenkopf.
    foto: landesgalerie linz, oö landesmuseum

    Dem Mann-Sein begegnet Stephan Balkenhol gern mit Ironie: Nackt und mit Schleife vorm Geschlecht oder - wie hier - mit Löwenkopf.

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