Gold zwischen Entzücken und Entsetzen

9. Februar 2015, 17:08
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Hirscher muss sich an seinen Titel Kombinationsweltmeister noch gewöhnen. Bank hat er nicht vergessen

Beaver Creek - Vor dem Kombinationsslalom, als sich Marcel Hirscher mit Sicherheit nicht mehr als chancenlos, aber doch immer noch als Außenseiter sah, erteilte sich der Salzburger für das Kommende quasi die Absolution. "Seine Gesundheit ist das Allerwichtigste", sagte Hirscher und meinte damit, dass er wünschte, Ondrej Bank wäre nicht widerfahren, was dem Tschechen nun einmal widerfahren ist.

Banks Unglück ist mit dem Glück des späteren Weltmeisters untrennbar verbunden, wenn das auch sicher schon bald wieder vergessen sein wird, zumal Bank grosso modo sehr glimpflich davongekommen ist. Der 34-Jährige war nämlich beim Zielsprung der Kombinationsabfahrt nicht nur derart schwer gestürzt, dass an seinem Aufkommen eine Zeit lang ernsthaft zu zweifeln war, er hatte im verzweifelten Bemühen, diesen Sturz zu verhindert, auch einen Torfehler begangen. Daher rutschte Hirscher, der 31., nicht nur unter die besten 30 der Abfahrt, er durfte den Kombislalom auch eröffnen. Wäre Bank in der Wertung geblieben, wären auch ohne seinen Slalomstart 29 Läufer vor Hirscher über die Strecke gegangen und hätten das Terrain derart derangiert, dass es zumindest fraglich gewesen wäre, ob selbst der Primus der Szene eine goldwürdige Zeit hätte fahren können. Hirschers persönlicher Betreuer Michael Pircher hielt im Nachhinein eine Medaille unter diesen Umständen für ausgeschlossen.

Sein eigentliches Weltmeisterstück hatte Pirchers Schützling aber ohnehin in der Abfahrt abgeliefert, in der er nur etwas mehr als drei Sekunden auf den Besten, den dann silbernen Norweger Kjetil Jansrud, verlor. Anfang Dezember hatte er im Training in Beaver Creek noch mehr als sieben Sekunden eingebüßt und war im Super-G ausgeschieden.

Vor dem Ritt über die Raubvogelpiste kämpfte Hirscher "mit der Angst und dem Set-up". Erstere wandelte sich dann beinahe in Lust. "Mit Abfahrtsskiern den Berg hinunterzufahren, das ist einfach großartig. Ich bin begeistert, wie ich es geschafft habe, mich zu überwinden. Wenn es einem gelingt, in der Abfahrt ans Limit zu gehen, dann ist das wirklich krass."

Chancenloser Typ

Um Zweiteres kümmerten sich seine Serviceleute. "Mit perfektem Teamwork haben wir es geschafft, dass ich in der Abfahrt möglichst schnell runterkomme."

Der Titel Kombiweltmeister hört sich für den 25-Jährigen "noch komplett befremdlich an. Aber irgendwann werde ich mich schon damit identifizieren können." Ja, die dritte Goldene nach jenen mit der Mannschaft und im Slalom zu Schladming veredelte die Umstände: "Ich bin in dieses Rennen als komplett chancenloser Typ hineingegangen. Das ist mein purer Ernst. Deshalb hat diese Goldmedaille einen irrsinnigen Stellenwert."

Der Einlauf - Hirscher vor Jansrud und Ted Ligety - verlieh auch dem Bewerb den Stellenwert, der ihm oft abgesprochen wird, auch weil ihm der internationale Skiverband (Fis) jenseits von Lippenbekenntnissen seines Präsidenten Gian-Franco Kasper offensichtlich nicht den Stellenwert zubilligt, den er auch im Weltcup genießen könnte.

Ein Umdenken in diese Richtung zwänge auch Hirscher zum Nachdenken. Die Abfahrt und den Super-G intensiver zu betreiben, sei eine schwierige Grundsatzentscheidung. "Das kann der Plan sein. Die Frage ist, ob darunter meine Kerndisziplinen Riesentorlauf und Slalom leiden."

Vorerst ist aber noch WM, und Hirscher ist gekommen, "um eine Medaille zu gewinnen, egal in welcher Farbe. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus." Das muss man ihm im Gegensatz zu seinem Wunsch bezüglich Bank nicht abnehmen. (APA, lü - DER STANDARD, 10.2. 2015)

  • Ondrej Bank rang vergebens mit den Kräften, die auf ihn wirkten. Er  erlitt bei seinem Sturz lediglich Prellungen, Abschürfungen, ein Cut und  eine Gehirnerschütterung.
    foto: apa/epa/bott

    Ondrej Bank rang vergebens mit den Kräften, die auf ihn wirkten. Er erlitt bei seinem Sturz lediglich Prellungen, Abschürfungen, ein Cut und eine Gehirnerschütterung.

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