Langjährige Haftstrafen für belgische Islamisten

11. Februar 2015, 11:59
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Die Mitglieder der Gruppe Sharia4Belgium kämpfen großteils in Syrien und dem Irak für die IS-Miliz

In Belgien sind mehrere Mitglieder der Islamistengruppe Sharia4Belgium wegen terroristischer Aktivitäten verurteilt worden. Der Kopf der Bande, Fouad Belkacem, müsse zwölf Jahre ins Gefängnis, urteilte das Gericht im flämischen Antwerpen am Mittwoch. Sharia4Belgium hat nach Auffassung des Gerichts Kämpfer für den Bürgerkrieg in Syrien rekrutiert.

"Belkacem ist verantwortlich für die Radikalisierung junger Menschen, um sie für einen bewaffneten salafistischen Kampf vorzubereiten, in dem die demokratischen Werte keinen Platz haben", führte das Gericht bei der Urteilsverkündung an. Die Staatsanwaltschaft hatte in dem Prozess geltend gemacht, dass die Gruppe letztlich auch auf einen Umsturz in Belgien aus sei. Der Name Sharia4Belgium bedeutet "Die Scharia für Belgien".

foto: reuters/lenoir
Die Angeklagten vor dem letzten Prozesstag in Antwerpen.

IS-Kämpfer aus Belgien

Die Organisation Sharia4Belgium selbst gibt es offiziell seit Ende 2012 gar nicht mehr, dennoch erhält sie gerade jetzt durch den Aufstieg der IS-Terrormiliz in Syrien und dem Irak vermehrte Aufmerksamkeit. Direkte Verbindungen zwischen den beiden Gruppen sind nicht mehr herzustellen. "Als Sharia4Belgium verboten wurde, war die IS noch nicht in Syrien. Es ist aber bezeichnend, dass die meisten ehemaligen Mitglieder von Sharia4Belgium, die immer noch in Syrien sind, nun für die IS kämpfen", sagt Pieter Van Ostaeyen, Kenner der Jihadistenszene Belgiens.

foto: reuters/herman
Die Mutter von Brian De Mulder vor dem Gerichtsgebäude in Antwerpen. Im Gerichtssaal warf sie Fouad Belkacem vor, ihren Sohn verführt und ihr Leben zur Hölle gemacht zu haben.

Angriffe auf Polizeibeamte

Nach der Gründung im Jahr 2010 wurde die Gruppe durch das Verbrennen von US-Fahnen, die Störung von Uni-Vorlesungen und Angriffe auf Politiker des rechstextremen Vlaams Belang der Öffentlichkeit bekannt. Kommentatoren kritisieren heute, dass die Taten damals von niemandem ernst genommen wurden. Anführer Fouad Belkacem gab in einem seiner Videos 2011 das Brüsseler Atomium als Anschlagsziel aus. Im Februar 2012 wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er mittlerweile abgesessen hat. Er soll seither aktiv Kämpfer für Syrien und den Irak rekrutiert haben. Vor Gericht streitet er das ab und sagt: "Wir wollen, dass diese jungen Leute hier bleiben. Wir haben ihnen nur gezeigt, wer wir sind und wofür wir stehen. Ist es ein Verbrechen, seinen Glauben zu verbreiten?"

foto: reuters/herman
Jejoen Bontincks Vater (Bildmitte) hat seinen Sohn eigenhändig aus Syrien zurückgeholt.

Zuletzt fiel Sharia4Belgium 2012 mit Unruhen und Angriffen auf Polizeibeamte im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, als dort eine Frau verhaftet wurde, die den Niqab getragen hatte. Ein Großteil der neun anwesenden Angeklagten hat sich in den vergangenen Jahren in Syrien oder dem Irak aufgehalten. Jejoen Bontinck ist einer von ihnen. 2013 kämpfte er in Syrien, bis schließlich sein Vater eigenhändig dorthin aufbrach, um ihn zu finden und zurückzuholen. Der 22-jährige Rückkehrer Hakim Elouassaki soll ein Geständnis abgelegt haben, nachdem ihm ein Telefonat nachgewiesen werden konnte, in dem er davon sprach, einen Mann getötet zu haben.

451 Belgier an der Seite der IS-Terrormiliz

Belgien ist eines der europäischen Länder mit den höchsten Rekrutierungszahlen. 451 Belgierinnen und Belgier sollen sich dazu entschlossen haben, für die IS in den Jihad zu ziehen. "101 von ihnen sind bisher zurückgekehrt, von 50 wissen wir, dass sie getötet wurden. Rund 300 halten sich also noch in der Gegend auf", sagt Van Ostaeyen. Warum Belgien zahlenmäßig im Spitzenfeld liegt, kann er sich nicht erklären: "Es gibt, was soziale oder wirtschaftliche sowie integrationspolitische Faktoren anlangt, eigentlich keine wesentlichen Unterschiede zu unseren Nachbarländern Frankreich und Niederlande." Die meisten Kämpfer könnten fünf belgischen Netzwerken zugeordnet werden, darunter Sharia4Belgium und die Marokkanisch-islamische Kampftruppe (GICM), die Kontakt zu Al-Kaida haben soll.

Vor dem Urteil gegen Sharia4Belgium sind bei der belgischen Tageszeitung "Het Laatste Nieuws" Terrordrohungen eingelangt. In einem Brief hieß es: "Was in Frankreich passiert ist, wird in Belgien wieder passieren. Von Belgien aus wird die IS Europa erobern." Van Ostaeyen rät, diese Warnungen nicht allein als Mittel zur Erzeugung von Aufmerksamkeit zu sehen: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder etwas passieren wird. Die Bedrohung ist mittlerweile real." (Teresa Eder, derStandard.at, 11.2.2015)

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