Experten beraten in Wien über die Abwehr erdnaher Asteroiden

9. Februar 2015, 12:51
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Beratungen zu internationalen Klassifizierungsrichtlinien, Bedrohungsszenarien und Gegenmaßnahmen am Sitz der Vereinten Nationen in Wien

Wien - Am Sitz der Vereinten Nationen (UN) in Wien befassen sich noch bis Mitte der Woche Experten mit erdnahen Asteroiden und deren Abwehr. So kosmisch die Bedrohung sei, wie zuletzt 2013 der Meteorit von Tscheljabinsk gezeigt habe, so irdisch seien oft die zu klärenden Fragen, sagt Rudolf Albrecht, Mitglied der UN-Aktionsgruppe "Erdnahe Objekte".

"Durch das All rasen mindestens 3.000 Objekte, die der Erde so nahe kommen, dass sie einschlagen könnten, und wir wissen von mindestens 1.000 Objekten, dass wir sie im Auge behalten müssen", erklärte Albrecht den aktuellen Wissensstand. Neue Programme zur Erfassung erdnaher Objekte (Near Earth Objects - NEO) wie etwa das auch von der EU mitfinanzierte Projekt "NEOShield" würden voraussichtlich in den nächsten fünf Jahren hunderttausende weitere, kleinere Objekte entdecken.

Stärkere öffentliche Aufmerksamkeit

Die Einschläge des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf dem Jupiter im Sommer 1994 seien einer der Auslöser dafür gewesen, dass das Thema seither stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde, so der Astrophysiker und langjährige Mitarbeiter der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA). Das UN-Büro für Weltraum-Angelegenheiten mit Sitz in Wien spiele hier eine wichtige Rolle - auch wenn das laut Albrecht in Österreich kaum jemand zur Kenntnis nehme. Angesiedelt sind die Initiativen im Komitee zur friedlichen Nutzung des Weltraums (UN COPUOS), dessen wissenschaftlich-technischer Unterausschuss noch bis Mittwoch tagt.

"Tscheljabinsk hat uns sehr geholfen", so Albrecht. Von offizieller Seite sei daraufhin reagiert worden, das Thema habe Fahrt aufgenommen. Eine Aktionsgruppe arbeitet nun an einem Plan, in dem Vorschläge der großen Raumfahrtorganisationen auf einen Nenner gebracht werden sollen.

Problematisch sind vor allem die vielen denkbaren Szenarien: Auf der einen Seite kleine, nahe Objekte, die jederzeit einschlagen könnten, auf der anderen Seite könnte es sich um ein großes Objekt handeln, das aber noch weit entfernt ist und dementsprechend früher entdeckt wird. Ein großer Körper sei natürlich immer potenziell sehr gefährlich, aber hier könne man noch ein technisches Programm auf die Beine stellen, so Albrecht.

Völkerrechtliche Fragen

In so einem Fall denke man aktuell daran, auf einem Himmelskörper ein Raketentriebwerk oder einen Ionenantrieb zu installieren, um die Flugbahn entscheidend zu verändern. Hier gibt es laut Albrecht viele Ideen, die analysiert werden müssten. Gerade auf der Analyse-Ebene könnten auch kleine Länder wie Österreich signifikante Beiträge leisten. Dass für die Weltraumagenden hierzulande aber drei Ministerien zuständig sind, sei oft nicht unbedingt hilfreich.

Nun gehe es vor allem um den Arbeitsplan, so Albrecht. Darin enthalten seien neben einheitlichen Klassifizierungsrichtlinien von Bedrohungen auch die Analyse von Szenarien und möglicher Gegenmaßnahmen sowie die Missionsplanung. Ein wichtiger Punkt sei auch eine Studie darüber, ob und unter welchen Umständen Nuklearwaffen eingesetzt werden sollten. Auch die politisch-völkerrechtlichen Verantwortungen, wenn bei Gegenmaßnahmen etwas schiefgehe, müssten thematisiert werden. Ein weiterer Punkt seien Kommunikationsstrategien: Hier müsse man etwa genau darauf achten, wer wann welche Information bekommt, um Panik und Überlastung von Kommunikationskanälen zu vermeiden.

Technologien, die für etwaige Abwehrmaßnahmen eingesetzt werden könnten, seien schon relativ weit fortgeschritten. Bei einer akuten Bedrohung gehe es aber vor allem um Geschwindigkeit. "Die Gefahr liegt eher darin, dass der Entscheidungsfindungsprozess so lange dauert, dass es dann eh schon egal ist", so Albrecht. (APA, 9.2.2015)

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