Erklärungsnot nach dem kalten Entzug

8. Februar 2015, 17:43
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Das schlechteste männliche WM-Abfahrtsergebnis bei Weltmeisterschaften lässt Österreichs goldenen Auftakt kurzzeitig verblassen. Die ersten Analysen der Verantwortlichen erhellen das Zappendustere nicht. Mitfreuen mit den Schweizern ist schon eine Option

Beaver Creek - In der sogenannten Arlberg Lounge gibt es immer einen Grund zu feiern. Und was nicht ganz passt, wird passend gemacht. Der "Schweizer Wahnsinn" (Blick), Gold und Bronze durch Patrick Küng und Beat Feuz in der Abfahrt, ließ sich vergleichsweise leicht eingemeinden, wurde doch Lech am Arlberg im Mittelalter von Menschen gegründet, die aus dem Gebiet des heutigen Schweizer Kanton Wallis kamen. "Wir fühlen uns mit unseren Nachbarn natürlich sehr verbunden", sagte also Tourismusdirektor Hermann Fercher.

Natürlich haben sich Küng (31), aus dem Kanton Glarus stammend, und Feuz, ein am Mittwoch 28-jähriger Emmentaler aus dem Kanton Bern, später samt Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann, Abfahrtsweltmeister von 1993, nach Vail ins House of Switzerland verfügt. Dort hat dann auch Super-G-Champ Hannes Reichelt gratuliert, dessen verpatzte Fahrt Österreichs schlechtestes WM-Abschneiden in einer Abfahrt besiegelt hatte.

Analyse des Chefs

Chefcoach Andreas Puelacher analysierte angesichts des Ergebnisses windelweich: "Die Burschen haben kleine Fehler gemacht, die Bedingungen haben uns aber auch nicht in die Karten gespielt." Die Klage über Behinderung ließ Fis-Renndirektor Hannes Trinkl explizit nur für drei Mann gelten, für Georg Streitberger, den Italiener Dominik Paris und Feuz. Was ohne Fehler dennoch möglich war, zeigte Feuz, der nur sieben Hundertstel hinter dem silbernen US-Amerikaner Travis Ganong (26) blieb.

Was Österreich blieb, war Ratlosigkeit. "Wir waren top vorbereitet, und die Läufer waren auch in guter Form. Sonst wären sie ja in den Trainings nicht so weit vorne dabei gewesen", sagte Puelacher. Das Historische an der Pleite - die letzte österreichische WM-Medaille (Michael Walchhofers Bronze 2005 in Bormio) liegt zehn Jahre zurück, die letzte Goldene (Walchhofer 2003 in St. Moritz) schon zwölf Jahre - steigerte den Ärger des Verantwortlichen im österreichischen Skiverband (ÖSV), störte also Hans Pum nicht entscheidend. "Ob es die größte Niederlage aller Zeiten war, ist egal. Was zählt, ist, dass wir keine Medaille gewonnen haben."

Auf das Material hat sich immerhin keiner ausgeredet. Reichelt, der sich nach dem Rennen ein paar Stunden Zeit geben wollte, um sich wieder an seiner Goldenen zu erfreuen, ist zum Beispiel Markenkollege von Küng. Der hatte 24 Stunden vor dem Rennen noch nicht einmal seinen Startplatz gehabt, setzte sich aber in der Qualifikation gegen Silvan Zurbriggen durch und besorgte den Schweizern das erste Abfahrtsgold seit 1997, seit Bruno Kernens Sieg in Sestriere.

Licht und Schatten

Küngs Verhältnis zu Beaver Creek war bis Samstag gespalten gewesen. Im Dezember 2013 hatte er hier im Super-G seinen ersten Weltcupsieg gefeiert. Der zweite gelang ihm im Jänner des Vorjahres in der Heimabfahrt zu Wengen. Zwei Monate davor war er auf der Raubvogelpiste schwer gestürzt. Und im WM-Super-G schnitt er als 16. noch ziemlich bescheiden ab.

Mit Küng, der mangels Kopfsponsors mit der Helmaufschrift "Küng & friends" für ein von ihm lanciertes Nachwuchsprojekt in der Ostschweiz und in Liechtenstein wirbt, jubelten auch genug Österreicher. Der Salzburger Rudi Huber ist Alpinchef der Schweizer, der Steirer Sepp Brunner ist Coach der Abfahrer, der Ex-Bobpilot Jürgen Loacker aus Vorarlberg sorgt für deren Kondition.

Gold für Küng war selbst für den seit acht Jahren in der Schweiz engagierten Brunner "eine Überraschung. Aber er hat seine Leistung, die er in den Trainings immer wieder gezeigt hat, diesmal eben im Rennen umgesetzt. Und genau um das geht's bei einem Großereignis", sagte der 56-Jährige, dessen Quartett geschlossen vor den Österreichern platziert war. "Sie sind so gefahren, wie das bei einer WM sein soll. Voller Angriff auf die Medaillen, um nichts anderes geht es." (APA, lü, DER STANDARD, 9.2.2015)

  • Die gramgebeugten Österreicher von links oben nach rechts unten:  Matthias Mayer, Max Franz, Hannes Reichelt und Georg Streitberger.

    Die gramgebeugten Österreicher von links oben nach rechts unten: Matthias Mayer, Max Franz, Hannes Reichelt und Georg Streitberger.

  • Beat Feuz und Patrick Küng hatten nach der Medaillenzeremonie einige  Wege, Durst litten die beiden Schweizer deshalb aber nicht.
    foto: epa/jonathan selkowitch

    Beat Feuz und Patrick Küng hatten nach der Medaillenzeremonie einige Wege, Durst litten die beiden Schweizer deshalb aber nicht.

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