Massenflucht aus dem Kosovo

8. Februar 2015, 17:53
639 Postings

Bis zu 50.000 Albaner sollen sich seit Jahresbeginn über Ungarn in den Westen abgesetzt haben

Subotica/Belgrad - Normalerweise ist in den Wintermonaten die beliebte Feriensiedlung am Palic-See in Subotica menschenleer. Nicht jedoch dieses Jahr. In vielen Hotels herrscht Hochbetrieb. Die Gäste kommen aus dem Kosovo. Sie verbringen allerdings keinen Urlaub in dem idyllischen Ort in der Vojvodina im Norden Serbiens, sondern bleiben so kurz wie möglich - bis sie eine Gelegenheit finden, illegal über die nahe Grenze nach Ungarn zu gelangen.

Täglich fahren fünf bis zehn Autobusse aus Prishtina nach Subotica, berichten kosovarische Medien. Allein in den vergangenen vier Tagen nahm die serbische Grenzpolizei über vierhundert Personen beim illegalen Grenzübergang fest. Fast alle waren Albaner aus dem Kosovo. Seit Jahresbeginn sollen sich rund 35.000 Kosovo-Albaner in Richtung Westen begeben haben, unter ihnen über 5000 Schüler. In den vergangenen sechs Monaten geht man von rund 50.000 aus.

Ansturm

Die meisten nehmen den Weg über Serbien und wollen über Ungarn weiter nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz ziehen. Die Einwohner von Subotica sprechen von einem richtigen Ansturm der Kosovaren.

In den Abendstunden sind verschwiegene Menschengruppen mit Handgepäck zu sehen, die sich zu Fuß in Richtung Grenze bewegen, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Sie müssen oft über 20 Kilometer bis zur Grenze marschieren. Taxifahrer in Subotica berichten, dass sie täglich Menschen bis zur Grenze fahren, weit weg von offiziellen Grenzübergängen. Sie beteuern "nichts Illegales" zu tun, ebenso wie die Hotelbetreiber am Palic-See, und freuen sich über das gute Geschäft.

Schlepperbanden verdienen

Im Grenzbereich übernehmen organisierte Schlepperbanden die Flüchtlinge. Sie kassierten zwischen 150 und 300 Euro pro Kopf, schreibt die serbische Tageszeitung Politika. Allein im Jänner seien zwei Dutzend solcher "Reiseführer" festgenommen worden. Doch die Haftstrafen für Menschenschmuggel sind in Serbien relativ gering. Egal wie gut serbische und ungarische Grenzpolizei kooperieren, egal wie viele Menschenschmuggler erwischt werden - es kommen immer neue nach. Im Verhältnis zum Risiko ist der finanzielle Gewinn enorm.

In Subotica hat man schon jahrelang Probleme mit Asylsuchenden, die versuchen, illegal die Grenze nach Ungarn zu überqueren. In den umliegenden Wäldern und verlassenen Fabriken kampieren auch bei eiskaltem Wetter Hunderte Flüchtlinge aus Syrien und dem Afghanistan, die in Serbien festsitzen. Verglichen mit diesen armen Menschen, wirkten die Flüchtlinge aus dem Kosovo "wie eine Oberschicht", erzählen Einheimische. Experten sagen, dass Kosovo-Albaner und Flüchtlinge aus dem Nahen Osten über völlig verschiedene Kanäle die ungarische Grenze passieren.

Offiziell nicht auf der Tagesordnung

Das Brüsseler Abkommen zwischen Belgrad und Prishtina garantiert den Bürgern Serbiens und des Kosovo Bewegungsfreiheit. An der Grenze mit Serbien bekommen Kosovaren automatisch einen offiziellen Schein, mit dem sie sich in Serbien aufhalten können. Man könne den Kosovo-Albanern die Reise bis zur ungarischen Grenze nicht verweigern, erfährt man von serbischen Behörden, sonst würde Belgrad beschuldigt, sich nicht an das Brüsseler Abkommen zu halten. Die Gespräche zwischen Belgrad und Prishtina über die Normalisierung der Beziehungen sollen am heutigen Montag nach zehn Monaten fortgesetzt werden. Offiziell ist die Massenflucht aus dem Kosovo nicht auf der Tagesordnung.

Die Migration aus dem Kosovo hat soziale Hintergründe. Es ist das ärmste Land Europas mit einer Arbeitslosigkeit von mindestens 40 Prozent. Es ist auch das einzige Balkanland mit einer Visumpflicht für den Schengenraum. Das serbische Innenministerium teilte mit, 60.000 Kosovo-Albaner hätten einen serbischen Reisepass beantragt. Serbien betrachtet den Kosovo formal als Bestandteil des eigenen Territoriums. (Andrej Ivanji, DER STANDARD, 9.2.2015)

  • Ein Kosovo-Albaner mit seinem Baby im serbisch-ungarischen Grenzflüsschen nahe der Ortschaft Assothalom.
    foto: reuters / laszlo balogh

    Ein Kosovo-Albaner mit seinem Baby im serbisch-ungarischen Grenzflüsschen nahe der Ortschaft Assothalom.

Share if you care.