Indiens Christen sehen sich in wachsender Gefahr

9. Februar 2015, 07:00
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Seite der Wahl Narendra Modis zu Indiens Premier sehen sich radikale Hindus in ihren Ansichten bestärkt

Es war sicherlich kein Zufall, dass Barack Obama zum Abschluss seines Besuches in Delhi vergangene Woche Indiens religiöse Toleranz beschwor. Das Land werde nur Erfolg haben, "solang es nicht durch religiöse Glaubenskämpfe gespalten ist", mahnte der US-Präsident. Zwar wies ein Sprecher später zurück, dass die Worte auf die hindunationalistische Regierung von Narendra Modi gemünzt gewesen seien. Doch die Sorge um die Glaubensfreiheit scheint nicht unbegründet.

In der Hauptstadt Delhi nahm die Polizei jüngst zahlreiche Christen vorübergehend fest, die gegen eine Serie von Attacken auf Kirchen protestierten. Rund 350 Demonstranten hatten sich vor der katholischen Sacred-Heart-Kathedrale im Zentrum versammelt. "Genug ist genug. Was tut die Polizei?" und "Hört auf, uns zu attackieren" stand auf Plakaten. Als die Menge dann zur Residenz von Innenminister Rajnath Singh marschieren wollte, kam es zu den Festnahmen.

Polizei tut wenig

Die Proteste zeigen, wie angespannt die Lage ist. Delhis Christen sehen sich als Opfer eine Hasskampagne und fordern von Premier Modi Schutz. In den vergangenen zwei Monaten wurden in Delhi fünf katholische Kirchen attackiert. Unbekannte warfen Fenster ein, zündeten Krippen an oder brachen ein und verübten Vandalenakte. Die katholische Kirche wirft der Polizei vor, die Vorfälle nicht ernsthaft aufklären zu wollen und so quasi zu dulden.

Die Unruhe könnte am Samstag zu einer schmerzhaften Niederlage der Hindu-Partei BJP von Premier Modi bei den Wahlen zum Stadtparlament in Delhi beigetragen haben. Die Hindu-Nationalisten verloren laut Exit Polls gegen die säkulare Antikorruptionspartei AAP ("Partei des einfachen Mannes") von Aktivist Arvind Kejriwal. Dieser hatte schon einmal, im Dezember 2013, die Wahlen gewonnen, trat aber nach nur etwas mehr als einem Monat wieder zurück. Sein Wahlkampf baute vor allem auf eine Mischung aus populistischen Versprechen und seinem persönlichen Saubermann-Image. Er ging aber auch auf die Angst vor religiöser Spaltung der Gesellschaft unter der BJP-Regierung ein.

Unverhohlene Wahlempfehlung

Auch mehrere Kirchenväter hatten in der vergangenen Woche kaum verhohlen dazu aufgerufen, nicht BJP zu wählen. Vater Balraj Lourduswamy von der Kirche Our Lady of Graces mahnte zu "Bedacht" bei der Stimmabgabe. "Seit die BJP an der Macht ist, herrscht Unsicherheit unter den Minderheiten, besonders den Christen. Es könnte schwierig werden, dass wir unseren Glauben frei praktizieren können", schrieb er. Christen machen etwa 2,3 Prozent von Indiens 1,27 Milliarden Einwohnern aus. In Delhi stellen sie nur etwa 0,4 Prozent der Einwohner

Modi selbst hatte zu den Attacken auf Kirchen geschwiegen. Im Bundesstaat Gujarat war es 2002 zu Massakern an Muslimen gekommen, als der heutige indische Premier dort Regierungschef war.

Seit seiner Wahl im Mai 2014 fühlen sich Hindu-Hardliner offenbar ermutigt, mit neuer Offenheit gegen Minderheiten vorzugehen. So starteten sie eine Kampagne, um Christen und Muslime zum Hinduismus zu bekehren. In Medien ist auch von Zwangsmaßnahmen die Rede. Rund ein Fünftel der indischen Bevölkerung gehört nicht dem Hinduismus an (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 9.2.2015)

  • Protest gegen Angriffe vor der katholischen Sacred-Heart-Kathedrale in Delhi. Wenig später nahm die Polizei Demonstranten fest.
    foto: epa

    Protest gegen Angriffe vor der katholischen Sacred-Heart-Kathedrale in Delhi. Wenig später nahm die Polizei Demonstranten fest.

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