Ein harter Kick Normalität

Reportage9. Februar 2015, 11:08
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Kickboxen ist eine der härtesten Sportarten, die es gibt. In einem Wiener Keller trainieren auch Menschen mit geistiger Behinderung ihre Schläge

Wien - Bruce Lee ist es egal, dass die Schuhe vor dem Regal durcheinandergewürfelt sind. Er blickt ernst und entschlossen von der Wand in den Wiener Keller, der zum Trainingsraum umgebaut wurde. Das Poster des Martial-Arts-Helden teilt sich die Mauer mit Medaillen, Urkunden und Fotos der Erinnerung an vergangene Wettkämpfe. Auf den roten und blauen Matten ist es ruhig. In der Kampfsporthalle im dritten Wiener Gemeindebezirk hat alles seinen Platz: In der Ecke stehen Gewichte, Kick- und Schlagpölster liegen geordnet unter den Fenstern. Hauptmieter des Kellers, der ursprünglich als Galerie vorgesehen war, ist der Kickbox-Verein Tae-Kibo. Ein Vorhang trennt die Halle von der Umkleidekabine. Ein Dutzend Kickbox-Eleven macht sich bereit, das Umziehen geschieht rasch.

Zweimal im Monat gerät der Wettkampfgedanke im Trainingsraum der Kickboxer zur Nebensache. Gekickt und geboxt wird trotzdem: Seit eineinhalb Jahren finden auf den Matten Trainingsworkshops für Menschen mit geistiger Behinderung statt.

Neben den Teilnehmern sind meist zwei Betreuer von "Jugend am Werk" dabei. Die Einrichtung stellt sonst Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung oder Konzentrationsschwächen zur Verfügung und ist Partner der Aktion. Die Trainer kommen vom Kickbox-Verein. Lisa Kössler, selbst erfolgreiche Wettkampfkickboxerin und WM-Bronzemedaillengewinnerin, leitet gemeinsam mit einem Kollegen den Kurs. Obwohl keiner der Trainer eine spezifische Ausbildung für die Arbeit mit behinderten Personen hat, gab es ihr zufolge nie Berührungsängste: "Wir waren von Anfang an nie skeptisch, sonst wäre das alles auch nicht so ein Erfolg geworden. Mittlerweile hat sich ein Stamm von 15 Personen gebildet, und wir merken, wie alle Spaß dabei haben", sagt Kössler. Die Teilnahme ist freiwillig, die Hälfte des Trainingsbeitrages von drei Euro übernimmt "Jugend am Werk".

Normalität in der Bewegung

Kössler steht als Erste auf den Matten. Die 29-Jährige trägt ihren schwarzen Kapuzenpulli mit dem Vereinslogo tief im Nacken und schlendert durch den Raum. Lange muss sie nicht warten: Die ersten Teilnehmer füllen den Keller mit Vorfreude. Beim Aufwärmen wird gelacht, und einige Übungen der letzten Einheit werden noch einmal durchprobiert. Bruce Lee verzieht keine Miene. Die Schuhe in der Ecke sind allen egal. Es hat sich ein bunter Haufen zusammengefunden: Elf Männer und Frauen suchen mit den zwei Begleitern Normalität in der Bewegung, fernab von betreutem Wohnen oder Arbeiten. Das Alter spielt keine Rolle. Die eine oder andere Hose ist zu lang, Pullover werden schnell in die Ecke geworfen, ein paar tragen T-Shirts vom Team Tae-Kibo. Das Training beginnt mit Aufwärmen, Laufen und Partnerübungen. Alle wirken motiviert, übermütig werden sie selten.

Im Mittelpunkt stehen Bewegung und Körperverständnis, Schläge und Tritte um des Kampfes willen sind zweitrangig.

Selbstverteidigungskurs sei es laut Lisa Kössler keiner, Selbstvertrauenshilfe schon vielmehr. Wer den Körper besser kennt, kenne auch sich selbst besser. Und gerade der spielt Anfängern beim Kickboxen, wie bei vielen Kampfsportarten, gerne Streiche. Halbhohe Tritte, unsichere Standbeine und fuchtelnde Arme wirken tollpatschig und sind es wohl auch. Für die "Jugend am Werk"-Gruppe gelten dieselben Voraussetzungen wie für alle anderen.

Tropfen auf der Matte

In der Halle sind die ersten Schweißtropfen auf den Matten. Manche keuchen. Zwar hat das Training nicht die Intensität eines regulären Kurses, dennoch soll es keine Spieleeinheit sein, schickt die Trainerin voraus. Manchmal müsse sie bremsen, motivieren praktisch nie. Boxhandschuhe sind schließlich nicht aus Samt. Das Trainerteam hat die Kick- und Schlagpölster umgeschnallt. Immer wieder klatschen die Schläge und Tritte. Kösslers Stimme schallt durch den Raum: "Fester, Helmut!" Helmut Donnerer beißt die Zähne zusammen und drischt mit aller Kraft auf den Polster ein. Es klatscht lauter. Mit dem Lob der Trainerin reiht sich der Anfang-dreißiger wieder hinten ein.

Die Zehe und Superman

Die Übungen werden komplexer. Die Teilnehmer springen auf die mit Schlagpölstern bewehrten Trainer zu, drängen sie mit Faustschlägen- und Fußtritten zurück. Auch die beiden Begleiter haben Probleme mit Abfolge, Ausübung und Koordination. Es wird ein bisschen weniger gelacht, dafür mehr geschnauft. Ein Teilnehmer bricht ab, setzt sich in die Umkleidekabine und hält sich eine Zehe des rechten Fußes. Ärger? "Ja, weil ich nicht mehr weitermachen kann," sagt er. Betreuer Florian Simek folgt dem jungen Mann in die Kabine. Allzu schlimm ist die Verletzung nicht, das Training ist für ihn trotzdem beendet.

Simek ist Ausbilder und Betreuer in einer "Jugend am Werk"-Tischlerei und begleitete die Kursteilnehmer direkt aus der Werkstätte in den Trainingskeller. "Das Kickboxen", sagt er, "ist das Highlight für viele. Obwohl sie vorher noch den ganzen Tag gearbeitet haben, sind alle bereit sich auszupowern. Es hilft." Schläge oder Tritte sieht er in der Tischlerei keine. Simek kehrt für die letzten Minuten in die Gruppe zurück. Eine Folge aus Sprüngen und Schlägen fordert den Teilnehmern alles ab. "Wie Superman", ruft jemand von hinten. Wie die Superhelden stürzen sich alle ein letztes Mal auf die Pölster und die Trainer. Auf den Matten sind schon ziemlich viele Schweißtropfen.

Donnerer wirkt nach dem Training müde. Dass er es nicht zugibt, liegt vielleicht daran, dass mit seinem Kurskollegen Kevin Aigner der frischgekürte "Tae-Kibo Sportler der Woche" neben ihm steht. Beide tragen ein T-Shirt mit dem Vereinslogo. "Evolution of Fighting" steht darauf. Donnerer wirkt müde und, ja, glücklich.

Immer wieder betont er, dass es ihm gerade die Kicks angetan haben: "Da bin ich mittlerweile schon viel besser geworden. Auch die Konzentration nimmt zu." Ein wenig anstrengend sei das Training schon, aber schließlich wolle er einmal eine von denen haben, sagt er, und zeigt auf die Medaillen an der Wand. Die anderen haben sich schon umgezogen und verabschieden sich beim Trainerteam.

Der Schuhhaufen vor dem Regal wird kleiner, einzeln schlüpfen alle wieder in ihre Treter und verlassen den Keller.

Donnerer ist einer der Letzten und bleibt vor einem Pokal stehen. "Den musst du dir aber verdienen", richten ihm die Trainer aus. "Eh klar, bis zum nächsten Mal." (Andreas Hagenauer, DER STANDARD, 9.2.2015)

  • Kickbox-Übungen auf roten und blauen Matten statt Alltag in der Werkstatt: Helmut Donnerer und Kurskollege Kevin Aigner bereiten sich auf ihr Training vor.
    foto: levente bertalan

    Kickbox-Übungen auf roten und blauen Matten statt Alltag in der Werkstatt: Helmut Donnerer und Kurskollege Kevin Aigner bereiten sich auf ihr Training vor.

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