"Das Konzert": Untergangsblues eines Götterlieblings

8. Februar 2015, 15:21
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Als törichter Anachronismus besitzt Hermann Bahrs Komödie dennoch Schauwerte

Wien - Sein eigenes, besseres Selbst hat sich Gustav Heink (Peter Simonischek) als Statue zu seinem Gegenüber erkoren. Als umschwärmter Pianist nimmt Heink an einem ausgesucht scheußlichen Flügel aus Karton Platz. Im Wiener Akademietheater hat Ausstatter Werner Hutterli die Komödie Das Konzert in ein Reich aus Pappendeckel verpflanzt. Heink spielt nicht etwa nur Klavier. Dieser große Mann mit der Mähne eines Berglöwen gebraucht seine Kunst als Aphrodisiakum.

Seine Büste steht auf dem Tasteninstrument, sie leuchtet meerblau. Die Eröffnung von Hermann Bahrs töricht-schönem Lustspiel aus der vorletzten Jahrhundertwende ist ein Fest der Hochkomik. Mit der Grazie des geübten Wollüstlings tritt Heink an die Rampe. Ein Zucken durchläuft seine Finger, ehe er sich vor der Tastatur niederlässt. Sogleich schüttelt er perlende Läufe aus den Ärmeln. Die Wonnen seiner knallbunt gekleideten Schülerinnen (u. a. Alina Fritsch) nehmen kein Ende.

Den letzten Akkord muss er gar nicht selbst anschlagen, den spielt das Piano selbsttätig. Alles ist nur Vorspiel: Heink bricht zu einem seiner "Konzerte" auf. Das heißt, er jagt seine aktuelle Favoritin in eine Waldhütte. Dort droben, im Schutz verstaubter Jagdtrophäen, erprobt er an musizierenden Damen der besseren Gesellschaft seine Fingerfertigkeit.

Vor 106 Jahren durfte Hermann Bahr (1863-1934), emsiger Herold der Kunstmoderne, sich einen ehehygienischen Spaß erlauben. In Das Konzert mokiert er sich über das Genie-Unwesen. Heink hat nicht so sehr Musik im Blut. Ihn treibt das Testosteron. Für seine Gemahlin Marie (Regina Fritsch) hat Autor Bahr die etwas weniger dankbare Rolle vorgesehen. Sie bleibt als Wissende daheim und zupft an Verehrerinnen-sträußen, während sie die Enttäuschung über die außerehelichen Eskapaden ihres Göttergatten tapfer niederbeißt.

Das Konzert ist ein leuchten des Fossil. Die Geschichte von der versuchten Läuterung eines Unerziehbaren entbehrt jeder gesellschaftlichen Grundlage. Jede halbwegs Emanzipierte wendet heute sich mit Grausen ab. Und doch schwebt ein Geheimnis über der luftigen, albernen Partitur des Stückes.

Zweierlei Verbündete

Heink, den ausgerechnet der angetraute Mann seiner Favoritin zur Strecke bringt, ist dem Untergang geweiht. In seiner Abwesenheit verbünden sich die beiden Hintergangenen gegen ihn. Dr. Jura (Florian Teichtmeister) in seinem Anzug im englischen Stil übt Rache: ein Exzentriker mit Wiener Zungenschlag. Sein fröhliches Parlando atmet den Geist der Unverfrorenheit. Man kann dem Wiener Burgtheater zum Festhalten an dem prächtigen Charakterschauspieler Teichtmeister nur herzlich gratulieren.

Die große Fritsch schillert derweil in allen Pastellfarben. Unter dem Deckmantel der Gattenerziehung wird eine gemarterte Seele erkennbar. Regisseur Felix Prader macht alles richtig: Sein Konzert brummt und federt - und erzählt auf die trocken-beiläufigste Art vom Verschwinden einer Kultur. Die war schon zu dem Zeitpunkt, als ihr die Diagnose gestellt wurde, dem Untergang geweiht. In den Bergen wird nichts wirklich gut, aber alles bleibt unverantwortlich heiter: Die Älpler (Barbara Petritsch, Branko Samarovski) skizzieren eine Ehe im Verlöschen. Heinks Geliebte (Stefanie Dvorak) leidet an nervösen Schocks und wird am Frühstück gehindert. Heink aber wird geläutert: Man glaubt es, man glaubt es nicht. Simonischek rechtfertigt sich zäh. Man spürt den Tod durch die Pappendeckelwände geistern. Jubel. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 9.2.2015)

  • Ein Pianist geht auf Liebesreisen: Peter Simonischek lässt seine Gemahlin Marie (Regina Fritsch, li.) etwas anschauen, Verehrerin Eva Gerndl (Alina Fritsch) ist außer sich.
    foto: apa/schlager

    Ein Pianist geht auf Liebesreisen: Peter Simonischek lässt seine Gemahlin Marie (Regina Fritsch, li.) etwas anschauen, Verehrerin Eva Gerndl (Alina Fritsch) ist außer sich.

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