Prozess: Babys in Frankreich vor Jahren vertauscht

8. Februar 2015, 13:05
21 Postings

Eltern wollen Millionenentschädigung

Grasse - Manon und Mathilde, zwei neugeborene Mädchen, verband zunächst nur eines - beide bekamen Tage nach ihrer Geburt Gelbsucht und wurden aus Platzgründen zusammen in ein Kinderbettchen gelegt. Viele Jahre später erst wurde klar, dass sie damit auch ein ganz dramatisches Schicksal teilten: Denn nach ihrer UV-Bestrahlung vertauschte eine Angestellte einer Geburtsstation in Cannes die beiden Mädchen.

Als dieses endlich aufgeklärt war, klagten die aufgebrachten Eltern und verlangten über zwölf Millionen Euro Schadensersatz. Ob das gerechtfertigt ist, entscheidet am Dienstag ein Gericht in Grasse.

"Wenn es uns da passiert ist, dann kann es auch anderen passieren", empörte sich Sophie Serrano, eine der beiden Mütter. Sie hat Manon aufgezogen, während ihre biologische Tochter Mathilde 30 Kilometer entfernt aufwuchs. Dabei hatten beide jungen Mütter in der Klinik Zweifel angemeldet, als ihnen ihre angeblichen Kinder ausgehändigt wurden. Denn ein Elternpaar war hellhäutig, das andere stammte von der französischen Insel La Reunion im Indischen Ozean. "Ich habe es am Ende geglaubt", jung und erschöpft von der Geburt wie sie war, so erklärte Serrano, warum sie das Kind akzeptierte. Auch die andere Frau fand sich damit ab. Wie aber flog die Vertauschung auf?

Nachforschungen enthüllten die Vertauschung

Dem Ehemann von Sophie Serrano war es nach zehn Jahren zu bunt geworden: Einem süffisanten Spott ausgesetzt, weil seine Tochter doch einen sehr anderen Teint hatte als er, der angebliche Vater, ließ er einen DNA-Test machen. Dieser deckte auf, dass beide nicht die Eltern sind. Nachforschungen enthüllten die Vertauschung, die zu einer dicken Gerichtsakte wurde, denn die Klinik wollte freiwillig keine Entschädigung zahlen. "Die Vertauschung geht auf eine Angestellte der Klinik zurück, die die Verhaltensregeln nicht eingehalten hat, weil sie an schwerer Depression litt und an chronischem Alkoholismus", so argumentierte eine Anwältin der Klinik im Fernsehsender BFMTV. Und sie warf die Frage auf, warum die jungen Mütter das damals so hinnahmen.

Was ist nun mit den vertauschten Kindern? Die beiden Elternpaare - das zweite will anonym bleiben - leben in der Umgebung von Grasse. Sie trafen einander und ihre biologischen Töchter, ohne dass ein "Rücktausch" vereinbart wurde. Die jungen Frauen ihrerseits wollten auch nicht zu ihren eigentlichen Eltern zurück: Im Juli feiern sie 21. Geburtstag und ziehen offenbar den Blick nach vorn vor. "Nach dem Prozess werde ich besser vorankommen", sagte die eine. Die Wiederbegegnung mit der leiblichen Mutter sei sehr verwirrend und seltsam gewesen: "Man trifft auf eine Frau, die einem unbekannt ist." (APA, 8.2.2015)


Chronologie: Babys im Krankenhaus vertauscht

2013: In Vietnam erwartet eine Mutter einen Buben und bekommt im Krankenhaus ein Mädchen in den Arm gelegt, eine andere wird mit einem Sohn statt einer Tochter überrascht. Nach drei Monaten stellt sich heraus: Die Säuglingen wurden in der Klinik wohl beim Waschen verwechselt. Die Eltern tauschen Bub und Mädchen zurück.

2012: 37 Jahre lang wachsen zwei Russinnen in falschen Familien auf, weil sie nach der Geburt vertauscht wurden. Die Frauen aus Orenburg am Ural sind seit der Schule befreundet und hatten sich gewundert, dass sie ihren Eltern nicht ähneln. Ein DNA-Test bringt Klarheit.

2009: Eine Klinik in Kuri (Südkorea) muss einer Mutter umgerechnet 40.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, weil eine Krankenschwester 17 Jahre zuvor ihr Baby mit einem anderen Neugeborenen vertauscht hatte.

2008: In einer Klinik in Saarlouis werden zwei neugeborene Mädchen vertauscht. Nach einem halben Jahr wird der Irrtum entdeckt, als bei einem Kind mit einem Gentest die Vaterschaft geklärt werden sollte. Dabei wird festgestellt, dass weder "Vater" noch "Mutter" mit dem Mädchen verwandt sind. Die Kinder kommen zu ihren leiblichen Eltern.

2006: Nachdem sie monatelang mit einer "falschen" Tochter gelebt haben, erfahren zwei Paare aus Tschechien, dass ihre Kinder nach der Geburt vertauscht wurden. In der Klinik in Trebic kam es wohl zur Verwechslung, weil beide Mütter mit Vornamen Jaroslava heißen. Kurz vor dem ersten Geburtstag kommen die Kinder zu den leiblichen Eltern.

1991: Nach einer Blutuntersuchung bei einem Fünfjährigen wird klar, dass der Bub 1985 im Kreiskrankenhaus Wittmund (Niedersachsen) mit einem anderen Baby vertauscht wurde. Die Elternpaare beschließen, den jeweils von ihnen großgezogenen Buben zu adoptieren und keinen Kontakt zueinander aufzunehmen. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die vertauschten Babys sind nun erwachsen. Die jungen Frauen feiern heuer ihren 21. Geburtstag (Symbolfoto).

Share if you care.