In Schweden ist nicht alles besser

Blog19. Februar 2015, 05:30
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Die Karenzzeit können sich Mütter und Väter flexibel bis zum achten Lebensjahr des Kindes einteilen, das Gesundheitssystem ist hingegen aus Sicht der Bloggerin verbesserungswürdig

Schweden, ein Vorbild. Das wird uns zumindest hartnäckig eingeredet – sei es durch die mediale Berichterstattung oder von verklärten Schweden-Urlaubern.

Ich hatte ein ähnliches Bild im Kopf, als ich vor sechs Jahren hierhergezogen bin, um mit meinem schwedischen Freund ein gemeinsames Leben in seiner Heimatstadt Göteborg zu beginnen. Der Anfang war spannend, aber auch ernüchternd – eine hohe Kriminalitätsrate, Plattenbausiedlungen als Ausländerghettos, alles etwas verschlissen, die Schweden noch verschlossener als vermutet und das Klima jenseits aller Beschreibungen. Nun ja, man gewöhnt sich an fast alles.

Vor vier Jahren wurde ich mit unserem Sohn schwanger, damals war ich 38 Jahre alt. Und da kam der richtige Aufprall: Ich musste mich zum ersten Mal mit dem schwedischen Gesundheitssystem auseinandersetzen. Die sehr rudimentäre Betreuung ausschließlich durch Hebammen während der Schwangerschaft war der erste Schock. Aber unser Sohn kam glücklicherweise gesund auf die Welt. Mein Freund blieb auch gleich zehn Arbeitstage zu Hause – das ist in Schweden üblich und so vorgesehen.

Mit 16 Monaten in den Kindergarten

Die bezahlte Karenzzeit beträgt 480 Tage – 13 Monate davon bekommt man 80 Prozent des vorherigen Einkommens – und ist von vornherein auf beide Elternteile gleich aufgeteilt. Später kann man dann, bis auf 60 nicht übertragbare Tage, dem anderen Elternteil Tage überschreiben. Diese 480 Tage kann man völlig wahlfrei bis zum achten Lebensjahr des Kindes aufbrauchen. Das ist ein System, das sehr gut funktioniert und die Väter mehr in die Karenz drängt. Was wiederum dazu geführt hat, dass heutzutage ein Vater, der nicht in Karenz geht, schief angeschaut wird und in der Gesellschaft nicht als vollwertiger Papa gilt. Den Eltern stehen zusätzlich 120 Tage Pflegeurlaub pro Jahr und Kind zu.

Mit 16 Monaten kam unser Bub in den kommunalen Kindergarten. Gesetzlich steht jedem Kind (auch behinderten) ein Kindergartenplatz ab dem ersten Lebensjahr zu. Wir haben das Glück, dass der Kindergarten gleich hinter unserem Haus liegt, das Personal ist professionell und freundlich, und die Kinder sind sehr viel draußen.

Mit der Geburt unserer Tochter vor 20 Monaten änderte sich dann alles schlagartig. Keine der (kaum vorhandenen) Untersuchungen hatte vorausgesagt, dass sie körperlich schwer behindert sein würde. Die höchst seltene Diagnose lautete Arthrogrypose und stellte das Leben auf den Kopf. Aber ich hätte mir wohl kaum ein besseres Land aussuchen können, um ein behindertes Kind zu haben: Sofort nach der Geburt lief eine zentral gesteuerte medizinische Maschinerie sondergleichen an. Ein Reha-Arzt fungiert als Hauptarzt, eine Zwanzigschaft an Ärzten und medizinischem Personal kümmert sich (mit wenigen Ausnahmen) rührend um uns. Wir bekamen alle erdenklichen Hilfsmittel vom Spezialsessel bis zu einer Mehrzahl unterschiedlicher Hightech-Rollstühle in kürzester Zeit zur Verfügung gestellt.

Spießrutenlauf zur Diagnose

Einige Therapeuten kommen regelmäßig zu uns nach Hause, obwohl unsere Tochter normal transportfähig ist. Große Teile der Pädiatrie in den verschiedenen Krankenhäusern funktionieren sehr gut, einige leider gar nicht. Als Beispiel sei die chirurgische Bettenabteilung des Königin-Silvia-Kinderkrankenhauses in Göteborg erwähnt: sehr dreckig, in den Zimmern bleibt man mit den Schuhen fast am Boden kleben, sichtbare schwarze Flecken auf dem Boden und Essensreste an den Möbeln sind normal. Trotz mehrfacher Anzeigen durch Eltern hat sich in den letzten Jahren nichts geändert.

Das Gesundheitswesen lässt sich so zusammenfassen: Hat man einmal eine Diagnose, ist man in guten Händen. Diese Diagnose aber zu bekommen gleicht einem Spießrutenlauf.

Unsere Tochter kam übrigens in dieselbe Kindergartengruppe wie ihr großer Bruder – mit persönlicher Assistentin, die nur für sie da ist. Kosten tut uns das nichts, wir müssen uns auch um nichts Administratives kümmern. Also: Alles ist besser in Schweden? Nein, das bestimmt nicht. Aber für Familien ist es ganz sicher kein schlechtes Land. (Isabelle Schamschula, derStandard.at, 20.2.2015)

Isabelle Schamschula hat in Wien Veterinärmedizin studiert und lebt seit 2009 südlich von Göteborg mit ihrem schwedischen Lebensgefährten und ihren zwei Kindern. Sie postet unter dem Namen "Schwedenbåmbe" auf derStandard.at.

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