D'Ehre: Kein Geld, aber dafür viele Titel

Kommentar der anderen6. Februar 2015, 17:38
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10.000 Titel in fünf Jahren: Die jüngste Statistik belegt die österreichische Sucht nach "nonmonetärer" Anerkennung. Damit nimmt der Österreicher Haltung an, damit funktioniert die (Partei-)Politik und das wäre auch ein Wundermittel für die Integration

Der wohl berühmteste Hofrat ist der Hofrat Geiger aus dem gleichnamigen Film von Hans Wolff, in dem Paul Hörbiger den Hofrat gibt, Hans Moser dessen Faktotum Lechner und Waltraud Haas unvergesslich die Mariandl. In diesem Film, der zwei Jahre nach Kriegsende gezeigt wurde und der im Vorspann bemüht ist zu erwähnen, dass es hier nicht um die Darstellung des bitterarmen Österreich geht, als vielmehr um die "heitere Seite", die Österreich auch hat.

In diesem Film also verdichten sich alle austriakischen Stereotype, beziehungsweise ist es dieser Film, der die Topoi "Dirndl, Landgasthaus, Wachau, Ministerialrat, g'schamster Diener, idyllische Landschaft" überhaupt erst schuf. Dieser Hofrat Geiger ist der Hofrat der Hoffnung, ein Zeichen für einen neuen Aufbruch in unpolitische Zeiten - und nicht umsonst gab es danach noch zwei weitere Verfilmungen des Themas (1961 und 1996). Beide Male kam die Crème de la Crème österreichischer Schauspieler zum Einsatz (Peter Weck, Heinz Petters, Christiane Hörbiger, Susi Nicoletti und Rudolf Prack).

Haltung annehmen

Schon aus diesem Grunde sind Titelverleihungen zu goutieren. Wenn der Hofrat mit dem Kommerzialrat und der Medizinalrat mit dem Bergrat h.c., der Universitätsprofessor, der nie eine Universität von innen gesehen hat, der Herr Kammersänger oder der Ökonomierat auf der Visitenkarte auftauchen, dann ist mit ihnen etwas passiert. Sie haben Haltung angenommen.

Dieses Gebaren ist nicht preußischen hakenschlagenden Charakters, es nicht militärischer Natur. Es ist salopp und doch so ernsthaft betrieben, dass der Titelträger dabei übersieht, wie reich er werden hätte können, wenn er die 30 Jahre unbezahlte Arbeit im Volksliedwerk, in den Bezirksmuseen, in den Museen etc. pp. abgegolten bekommen hätte.

Titelgeadelte Volksmusiker

Bisweilen treibt es die Titelträger pikanterweise zum Gebrauch des Titels. Beobachtet vor allem bei ÖVP-nahen Titelträgern, führt dies zu anekdotischen Kostbarkeiten. So lässt der mit dem Titel Professor geadelte universitätsferne Volksmusiker von seiner Sekretärin bei der promovierten Autorin wie folgt anrufen: "Grüß Gott, Frau W. Der Herr Professor H. möchte Sie sprechen." Die promovierte Frau Doktor nun ist ein bissl verdutzt, kennt man sich doch vom geselligen, weinseligen Beisammensein, und antwortet daher: "Die Frau Doktor lässt dem Herrn H. ausrichten, er kann ruhig bei der Frau Doktor selber anrufen."

Was der Praktikant des 21. Jahrhunderts in praxi ist, ist/war der Titelträger vergangener Zeiten, allein mit einem Unterschied: Der Praktikant ist ein Sklave der profitorientierten Geizkultur, den man vergisst, kaum hat er die Praktikumsstelle verlassen. Dem Titelanwärter hingegen wird mit der Adelung eine Geste entgegengebracht, die schon durch ihre Ritualisierung gefällig ist. Noch mehr aber ist sie ein freundliches Symbol der Solidargemeinschaft. Die Titelverleihung ist also eine ritualisierte Handreichung, die diese Gesellschaft nach innen zusammenhält.

Derlei Riten festigen die jeweilige Gruppe, Milieu, Verein, in der es den Titelträger gibt. Es erscheinen Artikel in den Vereinspostillen, und meistens gibt es ein Fest nach der Verleihung. Bereits bei der Verleihung durch die politische Hand kommt es zu freudenstrahlenden Gesichtern, weil man der Macht für einen kurzen Augenblick so nahe ist. Die Verwandtschaft leidet mit und zieht ihre besten Kleider an, anschließend geht man essen oder feiert im Verein.

Dank ohne Kosten

Zu all Besagtem kommt noch hinzu, dass alle Geehrten aus den Vereinen und Verbänden irgendwie auch politisch verankert sind, und so fördert oder füttert der Staat mit derlei nonmonetären Gratifikationen seinen Selbsterhalt, ohne viel Kosten anfallen zu lassen. So gesehen sind die Titelträger die Schmiere im Getriebe der parteipolitischen Maschinerie und der Nation. Der Kammersänger, die Studienrätin, der Professor, die Kanzleirätin etc. sind Symbol für eine unausgesprochene politische Fraternisierung.

Politisches Gespür

Wer bei derlei Festbarkeit einmal dabei war und ein feines politisches Gespür hat, wird darüber hinaus merken, dass bei den Verleihungen jeweils couleur-nahe Männer und Frauen geadelt werden. Die Laudatoren sind dementsprechend ausgerichtet. Werden beispielsweise Menschen im Bereich Volkskultur oder ÖVP-nahe Kunstschaffende nobilitiert, ist der rote Minister verhindert und vice versa.

Und trotzdem gilt es, diese über Jahre exzeptionelle wie typische österreichische Gabe der Politik an den einfachen, schlichten Menschen an der Peripherie - denn nichts anderes ist es - zu schützen, zu hegen und zu pflegen.

Diese noch aus Kaisers Zeiten überkommene, Etat-schonende Idee ist folgerichtig eine (Unesco-würdige) Tradition, die manchem Ausländer oder Mit-Europäer exotisch vorkommen mag. Wir haben es hier mit einem gefestigten Ritual zu tun, dessen identitätsstiftende und solidarisierende Qualität nicht unterschätzt werden sollte. Die Dynamik solcher Riten ist ein Hinweis auf Wertschätzung, und gerade deshalb könnte man mit Titelverleihungen hinkünftig verdienten Immigranten, von denen es viele gibt, als besondere Integrationsmaßnahme Respekt zollen - damit die antimoderne Geste in die Moderne herübergerettet wird. (Elsbeth Wallnöfer, DER STANDARD, 7.2.2015)

Elsbeth Wallnöfer, geb. 1963 in Laas/Südtirol, ist Volkskundlerin und Philosophin und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Tracht. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt erschien "Geraubte Tradition: Wie die Nazis unsere Kultur verfälschten".

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