Berlinale: Das Herz des Kinos schlägt im Untergrund

6. Februar 2015, 17:25
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Die 65. Berlinale kommt in Fahrt - unter anderem mit Jafar Panahi, der seinen neuen Film "Taxi" in einem solchen gedreht hat

Was soll das überhaupt sein, ein "vorzeigbarer Film"? Und wo genau verläuft die Grenze zwischen der Realität und dem, was offiziell zum Thema gemacht werden darf? Ein kleines Mädchen stellt sich diese Fragen in Taxi, dem neuen Film des Iraners Jafar Panahi. Ihr Onkel, den Panahi selbst verkörpert, sollte darauf die richtigen Antworten haben. Doch während sich das Mädchen an die Regeln seiner Lehrerin zu halten versucht, die wiederum recht genau den Zensurvorschriften des Gottesstaats entsprechen, bewegt sich der Regisseur bekanntlich seit längerer Zeit außerhalb davon.

Wie Dies ist kein Film und Pardé hat der mit einem Arbeitsverbot belegte Filmemacher Taxi quasi im Untergrund gedreht. Mit seinem Taxi fährt er nun durch die Metropole Teheran. Die Kamera ist nahe der Windschutzscheibe montiert. Entweder nimmt sie das Straßenchaos ins Visier oder schwenkt ins Innere, in dem unterschiedliche Fahrgäste den Fahrer in Gespräche verwickeln.

Taxi wird darüber zur spielerischen Versuchsanordnung, in der sich die Themen wie von selbst verdichten: Von Kriminalität auf den Straßen ist die Rede und davon, wie drakonisch darauf zu reagieren wäre; von einem System, das nur bestimmte Bilder in Umlauf bringen will, letztlich aber machtlos ist gegen Schlupflöcher des Schwarzmarkts (und den Erfindungsgeist von Autoren). Panahis Film mag einfach gebaut sein; wie er solche Episoden zu einer so aufschlussreichen wie selbstreflexiven Untersuchung gegenwärtiger Laufbilder verknüpft, bereitet großes Vergnügen.

Taxi ist auf dem Rummelplatz Berlinale, der nach allen Seiten zu wachsen scheint - auch TV-Serien wurden neuerdings eingemeindet -, deshalb fast eine Art Schlüsselfilm. Auch, weil manch globale Allianz für Stirnrunzeln sorgt: So hat der chinesische Künstler Ai Weiwei angekündigt, mit Til Schweigers Hilfe im Umfeld des Festivals einen Film zu drehen, da er selbst nicht ausreisen darf.

Fantastische Kehrseite

Mit Atom Heart Mother von Ali Ahmadzadeh finden Entdeckungsfreudigere dagegen einen Film im Forum-Programm, der wie die fantastische Kehrseite zu Panahis Streifzug wirkt. Zwei junge Frauen, unter deren Kopftüchern gefärbte Haarsträhnen herausragen, cruisen im Auto durch die nächtliche Stadt. Sie sind schlagfertig, frech, rauchen Pot - und geraten in surreale Szenarien: In einem großartigen Moment nimmt sogar ein übermüdeter Saddam Hussein im Wagen Platz.

Wer dies als Ausdruck einer aufmüpfigen Jugend begreift, hat aber nur zur Hälfte recht: So meinungsfrei sich die Frauen gebärden, einem westlichen Konsens gehorchen sie nur bedingt. Atom Heart Mother ist ein Film, der Mut zu Widersprüchen beweist - zu einem Dissens, der sich politisch nicht gleich vereinnahmen lässt.

Auch Werner Herzog befasst sich im Wettbewerbsfilm Queen of the Desert mit perspektivischen Verschiebungen zwischen Okzident und Orient, wählt dafür allerdings ein historisches Dispositiv. Die britische Archäologin Gertrude Bell, eine Art weibliche Variation auf Lawrence von Arabien, reist Anfang des 20. Jahrhunderts nach Teheran und erliegt dort schnell der kulturellen Vielfalt.

Herzog erzählt zunächst von einer tragisch verlaufenden Liebe Bells. Das seltsam versetzte Pathos des Films lässt vermuten, dass er daran selbst nicht so recht zu glauben scheint. Die entscheidende Wandlung Bells zur bestimmt auftretenden Vermittlerin zwischen den Welten setzt erst danach ein. Immer größere Risiken nimmt sie in Kauf, tiefer und tiefer dringt sie in die Wüste vor und erarbeitet sich mit Beharrlichkeit den Respekt der Beduinenvölker.

Herzog hat sich im Laufe seiner langen Laufbahn stets für solche Partisanen erwärmt - und Schauspieler oft an ihre Grenzen getrieben. Auch Nicole Kidman hat dies offenbar angespornt: So konzentriert, in emotionalen Belangen nuanciert spielen sah man sie selten. Inszenatorisch wirkt Queen of the Desert allerdings um einiges runder, als man dies von dem Deutschen gewohnt ist. Der breit orchestrierte Score von Klaus Badelt tönt allzu aufdringlich. Gegenläufige, den epischen Atem des Historienfilms konterkarierende Bilder entdeckt man in dieser Arbeit leider nur am Rande. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 7.2.2015)

  • Tragisch verlaufende Liebe im historischen Teheran: Nicole Kidman als Archäologin Gertrude Bell und James Franco als britischer Botschaftssekretär in Werner Herzogs "Queen of the Desert".
    foto: qotd film investment ltd

    Tragisch verlaufende Liebe im historischen Teheran: Nicole Kidman als Archäologin Gertrude Bell und James Franco als britischer Botschaftssekretär in Werner Herzogs "Queen of the Desert".

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