Wie Frankreich mit der Terrorangst lebt

7. Februar 2015, 09:00
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Vor einem Monat wurden in Paris die Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" und auf einen jüdischen Supermarkt verübt

Frankreichs nationale Symbolfigur Marianne lernt ein neues Gefühl kennen. Es heißt: mit der Terrorangst leben. Nicht wissen, wo und wann es wieder losgeht – und wie es wäre, selbst betroffen zu sein. Das fragen sich plötzlich viele Franzosen, wenn sie in Paris die S-Bahn nehmen oder wenn sie einkaufen gehen.

Wie jene Pariserin am vergangenen 9. Jänner im koscheren Supermarkt der Porte Dorée. Die ältere Dame ist weder Jüdin, noch hat sie etwas gegen den Islam – sie wollte schlicht etwas zum Essen holen. Dann musste sie als Geisel mit ansehen, wie vier andere Kunden neben ihr kaltblütig abgeknallt wurden. Russisches Roulette an der Seine.

Die Angst ist kein Freund der Logik

Natürlich, in Frankreich ist die Chance immer noch größer, auf dem Fußgängerübergang unter die Räder zu kommen als einem Jihadisten vor den Lauf. Doch die Angst ist kein Freund der Logik.

10.500 Soldaten bewachen Bahnhöfe, Flughäfen und Kaufhäuser, patrouillieren zu dritt, den Finger stets am Abzug des Schnellschussgewehrs. Sehr beruhigend wirkt das nicht.

foto: reuters/eric gaillard
Polizei und Militär auf Pariser Straßen.

Vor allem weil die jungen Soldaten selber zu Zielscheiben werden: In Nizza griff ein vorbestrafter "banlieusard", der den Geheimdiensten wegen eines Versuchs der Ausreise in die Türkei bekannt war, diese Woche drei Bewacher des jüdischen Zentrums mit einem armlangen Messer an. Er hasse die Juden, das Militär und den "Kriegstreiber Hollande", gab er zu Protokoll.

Grund zur Freude haben nur die Falschparker in Paris: Sie werden derzeit kaum gestraft. Am 7. Jänner, als die Kouachi-Brüder beim Satireblatt "Charlie Hebdo" ein Blutbad anrichteten, zog die Stadtpräfektur sämtliche Parkplatzkontrolleure von der Straße ab: Gänzlich unbewaffnet, könnten sie mit in ihren blauen Uniformen auch ins Fadenkreuz von Fanatikern gelangen. Am Tag danach wurde beschlossen, dass die Strafzettel in Paris nur noch mit kugelsicherer Weste verteilt werden.

Erinnerung an Toulouse 2012

Gewiss, die Franzosen kennen islamistische Terroranschläge seit den 1990er-Jahren – damals als Metastasen des algerischen Bürgerkriegs, heute des globalen Jihadismus.

Den Auftakt zur neuesten Serie gab Mohammed Merah 2012 in Toulouse, als er jüdische Schulkinder und französische Soldaten (zum Teil muslimischen Glaubens) erschoss. Der Begriff der "Banlieue-Terroristen" kam auf.

foto: pa/france 2 television
Mohammed Merah, Attentäter 2012 in Toulouse.

Jetzt ist die von den Franzosen so gerne verdrängte "Bannmeile" (Banlieue) außerhalb der Pariser Ringautobahn wieder das große Thema. Premier Manuel Valls ortete dort in der Aufregung ein System der "Apartheid", was für noch mehr Aufregung sorgte.

Dabei ist der Befund gar nicht neu: Drei Soziologen schrieben schon 2005, nach den bisher schlimmsten Banlieue-Krawallen, ein Buch über "Die schulische Apartheid". Das harte Wort wurde von Präsident François Hollande nun in "Segregation" abgeschwächt. Das trifft die Sache besser.

Fremde Welt Banlieue

Natürlich ist die Banlieue keine No-go-Zone, wie der US-Sender Fox News lächerlicherweise sogar in einzelnen Pariser Arrondissements suggerierte. Aber in den zehn- und fünfzehnstöckigen Wohnsilos der Einwandererviertel herrscht eine andere Welt als die französische, ein anderer Kontinent. Der afrikanische, der islamische.

All das wird den Franzosen wieder einmal schmerzhaft bewusst. Sie fragen sich bang: Sind die Kouachis und Coulibalys eine Ausgeburt der Banlieues? Jedenfalls heuern dort die Salafisten Jugendliche im großen Stil für den Jihad und Attentate an. "Höre nicht mehr auf deine Eltern, die Schule, die Medien, die französischen Imame!", sei ihr eingebläut worden, erzählte am Freitag eine 15-Jährige im Radio.

foto: stefan brändle
Banlieue in Clichy-sous-Bois, im Nordosten von Paris.

Aus der Banlieue reisten im vergangenen Jahr fast 1.300 Burschen und Mädchen in den mittelöstlichen Jihad. "Le Figaro" nennt sie "potenzielle Bomben" – für den Fall, dass sie lebend zurückkehren. Die Polizei hat seit dem 7. Jänner einige Nester ausgehoben. Wegen "Terrorverherrlichung" wurden Dutzende von Sympathisanten verhaftet – der jüngste war acht Jahre alt.

Auch der notorisch antisemitische Komiker Dieudonné wurde kurz festgenommen, weil er nach der Massendemo des 11. Jänner getwittert hatte: "Je suis Charlie Coulibaly." Viele Muslime meinen, das sei nicht sarkastischer als die "Charlie"-Karikaturen; Dieudonné sei ein Opfer der Islamophobie.

foto: epa/ian langsdon
Umstrittener Komiker Dieudonné.

Die antisemitischen Akte haben sich in Frankreich 2014 mehr als verdoppelt, aber auch die Angriffe auf Moscheen haben zugenommen – seit dem 7. Jänner sogar sprunghaft. Aus dem ganzen Land berichten aus Algerien eingewanderte Mütter, die unglücklicherweise Kouachi heißen, von Morddrohungen und Attacken auf ihre Kinder.

"Je suis Charlie"-Demos

Die ethnisch-religiösen Spannungen wurden durch die "Je suis Charlie"-Demos etwas zurückgedrängt; aber längst nicht beseitigt. Ende Jänner sprayte der Straßenkünstler Combo beim jüdischen Supermarkt in Paris das Wort "COEXIST" an die Wand; das C war der islamische Halbmond, das X der Davidstern und das T das Christenkreuz. Darauf wurde der bärtige Sohn einer muslimischen Marokkanerin und eines christlichen Libanesen von vier Jugendlichen spitalsreif geschlagen. Andere hatten ihm zuvor verboten, "je suis Charlie" an die Wand zu sprayen.

foto: reuters/fabrizio bensch
"Charlie"-Demo in Berlin im Zeichen der Koexistenz.

Frankreich ist ein gesellschaftspolitisches Pulverfass. Vielleicht sind am 11. Jänner auch deshalb vier Millionen Menschen auf die Straße gegangen: nicht nur aus Solidarität mit den 17 Attentatsopfern, sondern zur Beschwörung der nationalen Einheit, des Zusammenstehens gegenüber den Jihadisten.

Banlieue-Kids erzählen, sie würden heute im Vorortezug noch misstrauischer als bisher schon angeschaut; im persönlichen Gespräch werde ihnen aber heute auch mehr Interesse, gar Verständnis und Sympathie als früher entgegengebracht.

Präsident Hollande im Fokus

Der Muslim, das unbekannte Wesen. Marianne, die symbolhafte Hüterin der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, will nicht mehr ausgrenzen. Sie hat schon genug Probleme mit 3,5 Millionen Arbeitslosen im Land, sie will Frieden.

Aber Marianne weiß nicht, wie sie es anpacken soll. Mehr Autorität im Unterricht, sagen die Konservativen: Auch in den Banlieues sollen sich die Schüler wieder erheben, wenn der Lehrer eintritt. Mehr Laizismus, erwidern die Linke und ihr Staatspräsident: François Hollande sagt, die Anschläge hätten ihn verändert, wie sie Frankreich verändert hätten. Der einst als Weichei Verhöhnte tritt bestimmter auf, staatsmännischer. Er stockt die Geheimdienste um 1.100 Planstellen auf, mobilisiert Soldaten im eigenen Land; doch er hütet sich auch vor einer Überreaktion wie jener der Amerikaner nach 9/11 mit ihrem Patriot Act und dem Zweiten Irakkrieg.

foto: ap photo/francois mori
François Hollande bei einer Trauerfeier nach den Attentaten.

Andererseits vermag Hollande nicht über seinen Schatten zu springen: Starke, konkrete Maßnahmen kommen ihm so wenig in den Sinn wie zuvor gegen die Wirtschaftskrise. Jetzt müsste man die schlimmsten der Pariser Vorstädte schleifen; man müsste den Einwandererkids endlich die gleichen Bildungschancen einräumen wie den Pariser Elite-Sprösslingen; und man müsste den von Nicolas Sarkozy eingeführten "islamischen Kultusrat" CFCM, der ein bloßer Spielball arabischer Mächte ist, durch einen echten "Islam de France" ersetzen.

Aber es ist wie mit der Arbeitslosigkeit: Das Banlieue-Problem erscheint den Franzosen als zu gewaltig, zu erdrückend, um noch an rasche Lösungsmöglichkeiten zu glauben.

Bloß ein Anfang

Dabei drängt die Zeit: In einem Land, über dem noch der Schatten des Algerienkrieges und das Gewicht der Banlieue-Ghettos liegt, das zudem auf islamischem Boden (Irak, Mali) Krieg führt – in einem solchen Land kann es jederzeit wieder knallen. Die Stille nach den Schüssen hat etwas Unwirkliches. Die Franzosen sind nicht fatalistisch geworden, noch weniger resigniert – das entspricht nicht ihrem Naturell.

Aber im Jänner 2015 haben sie erst gerade erkannt, dass die Lage wirklich ernst ist. In riesigen Umzügen haben sie ihre persönliche Betroffenheit öffentlich zum Ausdruck gebracht – und seither wird landesweit debattiert. Das ist ein guter Anfang. Aber nur ein Anfang. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 7.2.2015, Langfassung)

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