Heiliger Bimbam raubt den Schlaf

6. Februar 2015, 19:56
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Die Glocken des Linzer Doms läuten zu laut: Ein Anrainer klagt. Der Prozess wurde am Freitag vertagt. Man hofft auf außergerichtliche Einigung.

Linz – Wolfgang L. kann nicht gut schlafen: Er habe keine ruhigen Nächte, geschlagene 222 Mal werde er gestört, vom mächtigen Glockengeläut des Linzer Mariendoms, sagt er.

Die Glocke verkündet jede Viertelstunde laut die Zeit, und das rund um die Uhr. Zwischen 68 und 70 Dezibel dröhnen jedes Mal in sein Schlafzimmer, hat Wolfgang L. messen lassen; höchstens zulässig sei ein Geräuschpegel von 50 Dezibel. Wegen Gesundheitsgefährdung hat er daher die Dompfarre auf Unterlassung geklagt, Freitag ging es vor Gericht.

Gleich zu Beginn verwies der Verteidiger der Dompfarre darauf, dass der Kläger auch gerichtlich gegen ein Jugendzentrum in seiner Nachbarschaft vorgehe. Weil Bälle über den Zaun fliegen und Jugendliche beim Ballspielen lärmen, fühle er sich ebenfalls belästigt. Das Glockengeläut wiederum, so der Anwalt, sei in Linz "ortsüblich", es dröhne bereits seit 100 Jahren. Allzu gesundheitsgefährdend könne es wohl auch nicht sein, sonst müssten "sämtliche Anrainer im Domviertel unter Beschwerden leiden". Davon wisse die Pfarre jedoch nichts, , führte er weiter aus.

"Matt und erschöpft"

Das sah der Kläger freilich anders: Allnächtlich würden seine Tiefschlafphasen unterbrochen, er könne sich einfach nicht erholen. Er fühle sich "regelmäßig matt und erschöpft", beschreibt Wolfgang L. seine körperliche Verfassung. Die Kirche sei "eine schlechte Nachbarin, denn sie interessiert sich einfach nicht für meine gesundheitlichen Probleme."

Womöglich muss sich die Dompfarre auch gar nicht angesprochen fühlen. Denn als Mieterin des Doms sei sie für das Zeitschlagen nicht verantwortlich, argumentierte die Gegenseite. Das sei vielmehr die Eigentümerin, eine Stiftung: ein Einwand, der vor Gericht als Erstes geklärt werden müsse. Doch soweit kam es am Freitag gar nicht – regte die Richterin doch gleich eine außergerichtliche Einigung an.

Dass sich Kläger und Beklagte darauf einließen, war einem Mediator zu verdanken. Mit einem Urteil würde zwar Recht gesprochen, die Parteien bekämen aber nicht immer das, was sie wollen, gab dieser zu Bedenken. Mindestens ein Unzufriedener bleibe dann zurück. Auch ziele eine Einigung mithilfe der Mediation nicht wie ein Vergleich auf einen Kompromiss, sondern auf einen Konsens, eine Win-Win-Situation, ab. Vielleicht könnte das Schlagwerk nachts leiser gestellt werden und der Kläger zur Schalldämmung zusätzliche Jalousien anbringen?

Nach kurzer Bedenkzeit entschieden die Parteien, ein Gespräch zu wagen. Dieses ist im Februar geplant. Danach soll eine Entscheidung fallen, wie es weiter geht. Drei Möglichkeiten stehen im Raum: Einigung, Mediation oder Prozessfortsetzung. Das Gericht setzte für alle Fälle einen weiteren Verhandlungstermin am 13. April an. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 7.2.2015)

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