Hans Jörg Schelling: Werber in eigener Sache

Porträt7. Februar 2015, 09:00
227 Postings

Bis zum 17. März will der Finanzminister die Steuerreform stemmen. Was treibt den Mann mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein dabei an?

Wien - Während in den Siebzigern die linke Studentenschaft oft bei Sit-ins und Demos gegen das verstaubte Establishment anzutreffen war, hatte sich an der Linzer Uni ein angehender Betriebswirt namens Hans Jörg Schelling einer neuen US-Ideologie für die Märkte verschrieben. Statt wie andere Gleichaltrige gegen die Auswüchse des Kapitalismus zu skandieren, beschäftigte sich der junge Mann mit dem markanten Schnauzbart lieber mit jenen Gesetzen, die den Absatz von Produkten und Dienstleistungen rascher in die Höhe treiben sollen - dem Marketing.

Gerhard Stürmer, einst Hochschulassistent, heute Unternehmensberater, schwärmt noch immer von der "extrem schnellen Auffassungsgabe" seines ehemaligen Studenten - und verrät: "Freilich hat der Hans Jörg damals schon einen gewissen Hang zum Welterklärer gehabt. Es gab kaum ein Thema, wo er nicht mitreden konnte. Aber dabei hat er auch so gut wie immer recht behalten."

foto: cremer
Böse Zungen in der SPÖ behaupten, dass der Finanzminister den Leuten "sogar einen Stuhl ohne Hax'n gut verkaufen könnte" - eine Anspielung auf das große Marketingtalent von Hans Jörg Schelling

Knackpunkt Steuern

Seit fünf Monaten als Finanzminister im Amt, überragt Schelling mit seinen 191 Zentimetern Körpergröße nun den Rest der rot-schwarzen Regierungsriege - und wird, so das Versprechen des 61-Jährigen, für die Österreicher bis zum 17. März eine Steuerreform mit einem Volumen von fünf Milliarden stemmen.

Böse Zungen in der SPÖ behaupten allerdings, dass Schelling den Leuten "sogar einen Stuhl ohne Hax'n gut verkaufen könnte" - eine Anspielung auf die frühere Karriere des Marketingtalents beim Möbelriesen Kika/Leiner. Auch in der eigenen Partei wird das ausgeprägte Selbstbewusstsein des Wächters über die Staatsfinanzen hinter vorgehaltener Hand bereits belächelt. "Sollte ein neuer Papst gesucht werden, würde sich das Schelling mit Sicherheit zutrauen", feixt ein ÖVPler.

Kanzler und Papst

Die Spötteleien gehen vor allem auf ein ZiB 2-Interview zurück, das Schelling, kaum angelobt, gegeben hat und in dem er nach seinen Ambitionen auf die Kanzlerschaft gefragt wurde. Seine knappe, aber vielsagende Antwort: "Ich würde darüber nachdenken." Aber auch schon kurz vor dem Rücktritt von Michael Spindelegger, seinem Vorgänger in der Himmelpfortgasse, erklärte Schelling via News, wie man am besten eine Entlastung für das abgabengeplagte Volk angeht. Gesagt, getan.

foto: cremer
Der Finanzminister zu Besuch beim Kanzler. Ob er sich diese Funktion selber zutrauen würde? "Ich würde darüber nachdenken"

In der ÖVP hält sich hartnäckig das Gerücht, er habe den Job des Finanzministers ganz gezielt angesteuert. Er selbst bestreitet das. Aber ein Vertrauter beteuert: "Schelling hat das wie einen Schrein vor sich hergetragen."

Karriere bei Leiner

Dabei hat der Sohn eines Vorarlberger Volksschuldirektors alles andere als eine typische Politikerlaufbahn hinter sich. In den Achtzigerjahren arbeitete sich Schelling bis in die Geschäftsführung bei Kika/Leiner empor.

Als es dort um eine Beteiligung ging, kam es aber zum Zerwürfnis mit Rudolf Leiners Schwiegersohn Herbert Koch, der damals ebenfalls in der Geschäftsführung saß. "Letztlich gab es aber vor allem strategische Auffassungsunterschiede", erklärt Schelling heute seinen Bruch mit Koch, der ihn aber bald zum Konkurrenten Lutz führen sollte - wo er zum Zwölf-Prozent-Eigentümer aufstieg. Unter Schelling expandierte der Möbelhersteller derart, dass der Umsatz zwischen 1992 und 2009 von 170 Millionen auf zwei Milliarden anschwoll - nicht zuletzt, weil der Marketingfachmann auch intensiv in die bis heute streitbare, weil nervenaufreibende Werbung mit der Familie Putz investierte. Dazu erweiterte Schelling das Sortiment nach US-Vorbild. "Dass man Möbelhäuser heute wie Shoppingcenter betreibt, geht auf ihn zurück", ist ein einstiger Weggefährte überzeugt.

"Kein Freund der Gewerkschaft"

Das schnelle Wachstum rief allerdings auch die Gewerkschaft auf den Plan, jahrelang wurde bei Lutz um die richtige Einstufung von Mitarbeitern gestritten, einen Betriebsrat gibt es dort selbst lange nach Schellings Abgang nicht. "Er war am Anfang sicher kein Freund der Gewerkschaft", erzählt ein Arbeitnehmervertreter. Dennoch ist der Mann voll des Lobes für den ehemaligen Geschäftsleiter, denn: "Schelling hat dazu beigetragen, dass es zwischen uns und dem Unternehmen einen funktionierenden Dialog gibt. Er hat gelernt, dass immer beide Seiten etwas brauchen, um zu überleben." Sätze wie diese bekommt man in diesen Tagen auch oft von Schellings jetzigen Verhandlungspartnern zu hören.

foto: cremer
Trotz ausgeprägtem Selbsetbewusstsein wird Schelling auch eine gewisse Bodenständigkeit zugeschrieben

Manager und Möbelpacker

Ein anderer Sozialdemokrat meint gar: "Würde ich einen Manager suchen, würde ich Schelling nehmen, weil er einfach die richtige Mischung hat. Er beherrscht das Delegieren genauso, wie sich selbst um die Dinge zu kümmern." Gerhard Stürmer, der Freund aus alten Uni-Tagen, erinnert sich, dass Schelling in den Nächten vor Eröffnungen und Präsentationen mitunter mit Mitarbeitern sogar Möbel geschleppt hat. "Er war sich nie für eine Arbeit zu gut."

Seine ersten politischen Gehversuche absolvierte Schelling aber schon Anfang des Jahrtausends - und zwar in der Regierung von St. Pölten. Allerdings mit bescheidenem Erfolg, obwohl er mit dem mächtigen schwarzen Landeshauptmann Erwin Pröll einen gewichtigen Förderer hatte. Wegen eines innerparteilichen Machtkampfes legte Schelling nach drei Jahren seine Funktion als Stadtrat zurück, weil der dortige ÖVP-Chef Alfred Brader nicht und nicht weichen wollte. Der heutige ÖVP-Vizebürgermeister Matthias Adler dazu: "Schelling war da konsequent. Für zwei Leute war einfach kein Platz." Seine Wurzeln habe der Wahlniederösterreicher aber nie vergessen: "Zum Neujahrsempfang der Ortsgruppe Pottenbrunn ist er direkt vom Flughafen gekommen, um uns ein paar Anekdoten vom Treffen mit den EU-Finanzministern zu erzählen."

foto: apa/georg hochmuth
Erwin Pröll (li.) war einer der ersten Förderer. Als Nachfolger von Michael Spindelegger (re.) hätte er trotzdem lieber den Uni-Professor Gottfried Haber gehabt

Prölls Querdenkergruppe

Pröll wiederum erinnert sich an eine "Querdenkergruppe", die er als frischgekürter Landeshauptmann um sich geschart hat und der Schelling beigetreten war. Sein "Zug zum Tor" habe letztlich auch dazu geführt, dass in der St. Pöltner ÖVP "die Funken gesprüht haben", umschreibt Pröll Schellings verlorenen Machtkampf aus alten Tagen. Zu Pröll, der sich im Vorjahr für den Uni-Professor Gottfried Haber als Finanzminister ausgesprochen haben soll, ist das Verhältnis laut Parteifreunden mittlerweile aber merklich abgekühlt. Er selbst will das so aber nicht stehen lassen: "Schelling hat mit Sicherheit Leute in Niederösterreich, auf die er zählen kann. Ich zähle mich dazu."

Von der Politik so richtig gefeiert wurde Schelling erst, als er als Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger die Ent-schuldung der Krankenkassen vorangetrieben hat, obwohl die schwarzen Zahlen zu 100 Prozent den hohen Steuerzuschüssen geschuldet waren. Regelmäßig scharte Schelling ab 2009 die Chefredakteure des Landes um sich, um sie über schöne neue Bilanzen zu informieren.

"Er kann sich einordnen"

Während der Koalitionsgespräche im Herbst 2013 verhandelten der nunmehrige ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner und sein ehemaliger Studienkollege gemeinsam in der rot-schwarzen Arbeitsgruppe "Soziales und Pensionen". "Und damals hat Mitterlehner gesehen, dass sich Schelling auch einordnen kann", erzählt ein schwarzer Grande.

Dass jetzt Schelling, der wie viele Konservative in Europa hartnäckig eine Austeritätspolitik verfolgt, die Steuerreform austüftelt, stößt bei dem grünen Budgetsprecher Bruno Rossmann auf Unbehagen: "Er ist halt kein gelernter Volkswirt, sondern ein Betriebswirt, deswegen fehlt ihm auch das makroökonomische Grundverständnis für das große Ganze."

Wie seine Partei stemmt sich der Finanzminister, privat Millionär, gegen eine Reichensteuer. Er selbst hat sein Vermögen längst in einer Stiftung geparkt.

foto: bmf
Zum Handshake kam es bereits. An die Nachfolge von Papst Franziskus denkt Schelling aber nicht

Weinkenner und Volkstribun

Der Heurigenwirt Bernd Pulker, der unter anderen auch die Weine von Schellings gepachtetem Gut Herzogenburg vertreibt (das mittlerweile die jüngere der beiden Töchter übernommen hat) ist jedenfalls überzeugt von der Volksnähe des Finanzministers: "Sie müssen ihn beim Philosophieren über Wein hören. Der setzt sich zu den Leuten hin und kann ihnen die kompliziertesten Dinge ganz einfach erklären." Nachsatz: "Wenn doch nur mehr Politiker so wären!"

Ob er tatsächlich ins Grübeln käme, wenn ein Anruf aus dem Vatikan käme? Schelling, seit mehr als zwei Jahrzehnten in zweiter Ehe verheiratet, stellt auch für weniger wohlgesonnene Parteifreunde - knochentrocken wie seine Grüne Veltliner - klar: "Der Papst verfügt zwar über schöne Räumlichkeiten und hat den Vorteil einer Alleinregierung. Aber wenn der Anruf kommt, würde ich natürlich Nein sagen." (Günther Oswald, Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 7.2.2015)

Share if you care.