Nicht nur die Hoffnung trägt Grün

6. Februar 2015, 23:16
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Die besten europäischen Rugby-Teams eröffnen mit den Six Nations ihre traditionelle Winter-Auseinandersetzung. Titelverteidiger Irland scheint in Bestform

Rom/Dublin - Als ob Europa nicht genug wäre. Am Freitag begann mit dem Schlager Wales gegen England (16:21) zwar das 16. Six Nations und somit der kontinentale Elitenvergleich im Rugby. Doch das Hohelied mit Ei erfährt heuer noch einen speziellen Subtext. Denn 2015 ist auch WM-Jahr und die Selektoren werden die Darbietungen ihrer harten Männer also auch auf ihre Tauglichkeit im Hinblick auf diesen Kulminationspunkt abklopfen.

Das aber ist doch noch Zukunftsmusik. Die Gegenwart harrt erwartungsvoll einem Kräftemessen, das von liebevoll gepflegten Rivalitäten nur so schillert. Schließlich wird das Turnier, zählt man sein Vorgängerformat mit fünf Teilnehmern hinzu, bereits seit 1910 ausgetragen. Darüberhinaus findet man eine Derbysättigung vor, die kaum zu übertreffen ist. Das Grundthema lautet in etwa: alle gegen England.

Wenn auch, wie so oft, auch diesmal wieder das Rennen durchaus offen erscheint: ein besonders aussichtsreiches Pferdchen ist doch auszumachen. Es trägt Grün, hört auf den Namen Irland und darf sich regierender Champion nennen. Diese Einschätzung der Kräfteverhältnisse fußt nicht zuletzt auf hervorragenden Leistungen in den sogenannten "Autumn Internationals". Als einzige europäische Mannschaft konnten die Iren alle drei dieser Tests für sich entscheiden, Erfolge gegen die Rugby-Großmächte Südafrika und Australien inbegriffen. Sie brachten der Auswahl des neuseeländischen Trainers Joe Schmidt nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch Platz drei in der Weltrangliste ein.

About Schmidt

Der 49-Jährige scheint auf der Grünen Insel den Erfolg gepachtet zu haben. Nicht nur, dass am Ende seines ersten Jahres im Amt gleich ein Six-Nations-Triumph zu Buche gebracht werden konnte (der insgesamt zwölfte); davor hatte Schmidt aus der Provinzauswahl Leinster eine der ersten Adressen im europäischen Klub-Rugby gezimmert. "Er verstärkt noch Irlands traditionelle Vorzüge", analysiert Stiig Gabriel, Sportdirektor des österreichischen Vorzeigevereins RU Donau. Schmidts Spielstrategien tendierten eher nicht zu Überkomplexität.

Die Basis seines Ansatzes bildet ein solides Forward-Pack, das für Dominanz sorgt und den Backs Raum zur Attacke verschaffen kann. "Ohne Ball keine Punkte", verdichtet Gabriel ein sehr grundlegendes Rugby-Axiom. Diese stark auf Teamwork und automatisierte Abläufe bauende Herangehensweise erleichtert offenbar auch den Umgang mit Unwägbarkeiten auf individueller Ebene. So konnte etwa der Rücktritt von Lichtgestalt Brian O’Driscoll scheinbar mühelos kompensiert werden.

Ob das auch für den Fall Jonathan Sexton gilt, bleibt abzuwarten. Der 29-jährige Spielmacher arbeitet nach einer im Match gegen Australien erlittenen Gehirnerschütterung an seinem Comeback und wird erst im Lauf des Turniers wieder einsatzbereit sein. 2014 war Sexton mit 66 erzielten Punkten Topscorer des Turniers.

Italien als Einstieg

Nun muss Ian Keatley in diese recht großen Schuhe hineinwachsen, der 27-jährige Fly Half gibt am Samstag in Rom sein Six-Nations-Debüt.Dass die Mission Titelverteidigung gegen Italien vom Stapel gelassen wird, kommt daher durchaus gelegen. Denn die Azzurri gelten heuer als unangefochtener Favorit auf den letzten Platz. Das in dieser Hinsicht bereits eine gewisse Tradition aufweisende Duell mit den Schotten dürfte ausfallen.

Und doch: auch die Italiener haben Superlative zu bieten. Mit Mauro Bergamasco (35) steht der einzige Crack, der bereits bei der Erstausgabe der Six Nations im Jahr 2000 mit von der Partie war, in ihren Reihen. Und auch der rührigeste Ballführer trägt Azur: Sergio Parisse bewegte das Spielgerät in seinen bis dato 46 Matches exakt 524 Mal und machte dabei insgesamt 2393 Meter, in dieser Hinsicht nur überflügelt vom mächtigen O’Driscoll.

Frische Luft in Cardiff

Angekickt wurde aber wie gesagt bereits am Freitagabend in Cardiffs Millennium Stadium mit dem unbestrittenen Heuler des ersten Spieltags. Wales wollte alles daransetzen, die Bilanz der Begegnungen mit dem geliebten englischen Nachbarn auf 57 zu 57 Siege auszugleichen, doch es gab ein böses Erwachen. Rasch lag man mit 10:0 in Führung, zur Halbzeit hieß es 16:8. Doch die zweiten 40 Minuten gingen mehr als schief, Wales bekam gegen neugeborene Briten keinen Fuß mehr auf den Boden.

Dabei standen die Aussichten gegen einen verletzungsbedingt dezimierten und vergleichsweise unroutinierten Gegner durchaus gut. Auch auf der psychologischen Unterfütterung konnten sich die Drachen beruhigt niederlassen, schließlich hatte man England vor zwei Jahren an gleicher Stelle mit 30:3 eine Rekordniederlage beigebracht.

Die Gäste, diesmal so ein bisschen das Fragezeichen im Feld, hatten schon vor Anpfiff einen Teilerfolg verbuchen können. Das Dach des Hexenkessels blieb geöffnet, der Roar des berüchtigt sangeslustigen Heimsupports ward somit durch Fischluft etwas verdünnt. So bedeutend war das Atmosphärische dem englischen Coach Stuart Lancaster erschienen, dass er sein Team unlängst von Lautsprechern künstlich beschallt hatte üben ließ, um die erwarteten Lärm-Verhältnisse nachzustellen. Etwa 72.500 Menschen füllten die Arena als die Rekordsieger (je 26 Titel) aufeinanderprallten - und sich nach einer ersten leichten Überraschung wieder trennten.

Ein neues Schottland?

Schließlich gibt Paris die Bühne für die Begegnung zwischen Frankreich und Schottland. Der Ausgang erscheint unvorhersehbarer, als man zunächst meinen sollte. Zwar konnten die Bravehearts im Stade de France letztmals 1999 triumphieren, doch unter dem neuen Trainer Vern Cotter, Neuseeländer wie Schmidt und Wales-Boss Warren Gatland, machte sich letzthin ein Aufwärtstrend unzweifelhaft sichtbar.

"Sie wirken so, als kennen sie jetzt ihren Weg, haben mehr Struktur in ihren Phasen", sagt Gabriel. Allerdings fehle dem Kader die Tiefe, da mache sich die geringe Zahl von nur zwei Profi-Klubs im Land bemerkbar. Ein junger Spielmacher, Finn Russell, schoss wie ein Komet ins Firmament des Nationalteams. Erst fünfmal einberufen, steht er der 22-jährige von den Glasgow Warriors nun vor seiner wahren Feuertaufe.

Frankreich kann ein Ensemble vorzeigen, das in der Lage scheint, jedwede Opposition in Bedrängnis zu bringen. Zumindest auf dem Papier. Das Problem der Blauen ist und bleibt ihre Launenhaftigkeit. Auf gut österreichisch: Nur wenn es läuft, läuft es. Das tat es in den letzten Jahren aber eben nur sporadisch. Und so hat Frankreich nicht nur fünf seiner letzten sieben Tests verloren. In den letzten sieben Jahren konnte man auch nur ein einziges Mal (2010) Hand an den Siegerpokal legen - eine skandalöse Bilanz für die stolzen Gallier. (Michael Robausch - derStandard.at, 6.2. 2015)

ERGEBNISSE, erster Spieltag:

  • Wales - England 16:21 (16:8)

Wales -Try: Rhys Webb (8); Conversion: Leigh Halfpenny (9); Penalty Goals: Leigh Halfpenny (2, 24); Drop Goal: Dan Biggar (41)

England - Tries: Anthony Watson (15), Jonathan Joseph (44); Conversion: George Ford (46); Penalty Goals: George Ford (32, 62, 79).

Zweiter Spieltag:

  • Frankreich - Schottland 15:8 (9:8)

Scorers: Frankreich : Penalty Goals: Camille Lopez (3, 17, 37, 50, 79) Schottland : Try: Douglas Fife (40) Penalty Goal: Greig Laidlaw (14)

  • Italien - Irland 3:26 (3:9)

Scorers: Italien: Penalty Goal: Kelly Haimona (41) Irland: Tries: Conor Murray (65),Tommy O'Donnell (67) Conversions: Ian Keatley (66),Ian Madigan (68) Penalty Goals: Ian Keatley (7, 21, 36, 58)

Six Nations 2015: Der Spielplan

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  • Die Mannen um Paul O'Connell greifen nach ihrem zweiten Titel in Serie, im Herbst glänzten sie gegen Australien.
    foto: reuters/mcnaughton

    Die Mannen um Paul O'Connell greifen nach ihrem zweiten Titel in Serie, im Herbst glänzten sie gegen Australien.

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