Muslime in New York: "Die amerikanische Gesellschaft ist offener"

6. Februar 2015, 12:19
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Auch in der Neuen Welt stehen Muslime oft unter Generalverdacht - ein Augenschein in Brooklyn

Manchmal könne es nerven, sagt Linda Sarsour. Ständig soll sie erklären, Stellung beziehen, zu etwas aufrufen. Kurz nach den Pariser Terroranschlägen diskutierte sie bei Sky News, einem britischen Sender, da war sie so etwas wie die Sprecherin der Muslime. Allein gegen drei männliche Debattenteilnehmer, die alle versuchten, sie in eine Ecke zu drängen.

"Komm schon, Linda", sagte einer in einem Tonfall, als wolle sie etwas verbergen. "Du wirst uns hier nicht erzählen, dass es sich bloß um ein paar böse Terrorbuben handelt." Dann fragte er, was sie denn nun zu tun gedenke, damit die muslimische Gemeinde, weltweit, ihrer Verantwortung gerecht werde. "Als müsste ich meinen Kopf für alles hinhalten", sagt die 34-Jährige und rollt mit den Augen.

Jeans und Hidschab

Linda Sarsour ist New Yorkerin, geboren und aufgewachsen in Brooklyn, dem bodenständigeren Zwilling der Wolkenkratzerinsel Manhattan. Sie redet, als gelte es, einen Wettbewerb im Schnellsprechen zu gewinnen, bisweilen hart an der Grenze des Ruppigen. Nur keine Zeit verlieren: Es ist der Stil ihrer Stadt. Die Tochter palästinensischer Einwanderer sitzt in einem bunt bestickten Kleid hinterm Laptop, als wolle sie für einen Folklore-Kalender fotografiert werden, aber nur, weil sie nachher zu einer Feier geht.

Normalerweise trägt sie enge Jeans, was einen interessanten Kontrast bildet zu ihrem Hidschab, dem Kopftuch, das bis auf die Schultern fällt. Eine Frau mit Hidschab, die sich zu artikulieren weiß, noch dazu im Englisch New Yorks – bei manchem bringe so etwas das Weltbild durcheinander, beobachtet sie. Einmal bekam sie ein E-Mail, in dem stand, dass es peinlich sei, jemanden von solcher Intelligenz mit diesem "Symbol der Frauenfeindlichkeit" um die Haare zu sehen. Sie muss lachen, wenn sie davon erzählt.

Bay Ridge in Brooklyn

Linda Sarsour leitet die Arab American Association, eine Organisation, die Migranten aus der arabischen Welt hilft, sich im neuen Leben zurechtzufinden. Ein paar Schritte weiter, im Supermarkt Balady, stapelt sich süßes Dattelgebäck. Ein China-Restaurant wirbt damit, dass es "halal" kocht, ohne Schweinefleisch. Wäre nicht gleich um die Ecke die Subway, U-Bahn-Linie R, man könnte denken, man sei in Amman oder Ramallah. Knapp 50.000 Menschen mit arabischen Wurzeln leben in Bay Ridge im Südwesten Brooklyns, nicht weit vom Atlantik. Von einem Armutsghetto kann keine Rede sein, was nur bestätigt, wie Statistiker die Lage sehen.

Einkommen entspricht US-Durchschnitt

Nach einer Studie des Washingtoner Pew-Instituts kommen 14 Prozent der muslimischen Haushalte auf ein Jahreseinkommen von mehr als hunderttausend Dollar, was ziemlich exakt dem US-Durchschnitt entspricht. Muslime mit Wurzeln in 77 Ländern leben in den Vereinigten Staaten. Anders als in Frankreich oder Großbritannien gibt es keine dominierende Gruppe, ob sie nun aus Algerien, Marokko oder Pakistan stammt, was das Leben in Parallelwelten erschwert und die Integration erleichtert. "Die amerikanische Gesellschaft ist offener, sie lässt einen leichter dazugehören", doziert der Computeringenieur Mazen Mukhtar, geboren in der Mittelmeermetropole Alexandria, heute Direktor der Muslim American Society. Während das Kopftuchtragen an französischen Schulen verboten sei, sei es an amerikanischen nicht nur erlaubt, sondern gesetzlich geschützt.

Bensonhurst, ein Stadtteil von Brooklyn. In einer Moschee an der Bath Avenue versammelt man sich auf olivgrünem Teppich zum Freitagsgebet. Kein Muezzin ruft, es gibt kein Minarett, früher wurden im Hauptsaal des dreistöckigen Gebäudes Hochzeiten gefeiert. Draußen zieren chinesische, kyrillische, arabische Schriftzeichen die Ladenschilder, jeweils unter der englischen Zeile, vor allem wohl, um voller Stolz Flagge zu zeigen im Schmelztiegel New York.

Lebensplan: Erster Muslim im Oval Office

Ahmad Hussein, 21, ein lustiger Typ, hat einen Plan. Nach dem Studium der Psychologie und der Politikwissenschaften will er zur Polizei, irgendwann wird er Bürgermeister, dann Präsident, der erste Muslim im Oval Office. Sein Bruder Mohammed, zwei Jahre älter, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn Ahmad im Gedränge vor der Moschee davon erzählt. Auch er hat einen Lebensplan: Ingenieur werden, für eine große Firma arbeiten, schließlich eine eigene gründen, entweder ein Bauunternehmen oder einen Metallbetrieb. Die Eltern stammen aus Kairo, der Vater war Lehrer, er musste umsatteln, in Brooklyn handelt er mit Getränken. Beide Söhne am College, schon das ist eine Erfolgsgeschichte.

Ja, sagt Linda Sarsour, für viele ihrer Glaubensgenossen laufe es gut, aber das ändere nichts daran, dass man sich fühle, als stehe man unter Dauerbeobachtung. An die Wand ihres fensterlosen Büros hat sie die Karikatur eines Polizisten gepinnt, vor den Augen ein Fernglas, das fast das gesamte Gesicht bedeckt – Big Brother beim Spionieren. Nach den Anschlägen des 11. September arbeiteten die New York Polizei und die CIA im Stillen zusammen, um arabisch-muslimische Gemeinden zu belauschen.

Verhältnis auf Eisschranktemperatur

Die Kooperation war verfassungswidrig, denn amerikanische Bürger darf die CIA nicht überwachen. Eine Sondereinheit rekrutierte Spitzel, die "Crawlers", Kriecher, wie man sie in Bay Ridge nennt. In Moscheen und Cafés, Buchläden und Bars sollten sie Informationen sammeln.

Als das Geheimprogramm 2011 publik wurde, kühlte sich Linda Sarsours Verhältnis zu Ray Kelly, dem damaligen Polizeichef der Stadt, auf Eisschranktemperatur ab. Dabei hatte sie einmal sogar ein Spruchband bemalt, um ihn in ihrem Gotteshaus feierlich willkommen zu heißen. "Wow! Wir öffnen Ihnen die Vordertür, aber Sie haben sich durch die Hintertür längst Zutritt verschafft", beschreibt sie ihre Gefühle. "Ich fühle mich persönlich verraten." Mit Bill Bratton, Kellys Nachfolger, hat sich Linda Sarsour im Laufe eines Jahres schon viermal getroffen. Ob das Bespitzeln aufgehört habe, wisse sie nicht. Aber es sei ein neuer Anfang. (Frank Herrmann, derStandard.at, 6.2.2015)

  • Linda Sarsour, die Chefin der Arab American Association, in ihrem Büro in Bay Ridge, einem Stadtteil von Brooklyn.
    frank herrmann

    Linda Sarsour, die Chefin der Arab American Association, in ihrem Büro in Bay Ridge, einem Stadtteil von Brooklyn.

  • Straßenszene in Bay Ridge, wo knapp 50.000 Menschen mit Wurzeln in der arabischen Welt leben.
    frank herrmann

    Straßenszene in Bay Ridge, wo knapp 50.000 Menschen mit Wurzeln in der arabischen Welt leben.

  • Muslime beenden den Fastenmonat Ramadan in Queens, New York.
    foto: reuters/stapleton

    Muslime beenden den Fastenmonat Ramadan in Queens, New York.

  • In Bensonhurst, einem Stadtteil Brooklyns. Ahmad Hussein (mit Baseballkappe, Handy am Ohr) vor der Moschee an der Bath Avenue.
    frank herrmann

    In Bensonhurst, einem Stadtteil Brooklyns. Ahmad Hussein (mit Baseballkappe, Handy am Ohr) vor der Moschee an der Bath Avenue.

  • Straßenszene in Bensonhurst.
    frank herrmann

    Straßenszene in Bensonhurst.

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