Liebmichbißchen, du Schlampe!

6. Februar 2015, 17:08
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In James Joyce' schmalem Band "Finn's Hotel" finden sich urkomische Kurztexte von einem gut gelaunten Autor

James Joyce - bei kaum einem anderen Autor der Weltliteratur teilt sich das Werk in zwei derart feste Blöcke: Da gibt es die Prosaarbeiten wie den Erzählungsband Dubliner oder den autobiografischen Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Letzteren hat Friedhelm Rathjen kongenial neu ins Deutsche übersetzt. Aber da ist noch der andere Block, der auratische: das Romanmonster Ulysses, das mit seinem "stream of consciousness" den Leser hilflos in den Wortwogen nach festem Sinn schnappen lässt, und auch Finnegans Wake, bei dem sich sogar Literaturwissenschafter streiten, ob hier noch eine Geschichte erzählt wird oder nicht mehr.

So wird vielleicht erst einmal wenig Freude aufkommen, dass der Suhrkamp-Verlag einen schmalen Band mit Kurztexten von Joyce herausgibt, die bislang unpubliziert geblieben sind. Denn Finn's Hotel so der Titel es Bandes, schrieb Joyce 1923, also nach der Fertigstellung des Ulysseus und vor Beginn der Arbeit an Finnegans Wake. Doch so schlimm ist Finn's Hotel erstens nicht, und zweitens sind die Texte urkomisch. Man hat hier einen gut gelaunten Autor vor sich, der zwischen zwei Whiskeys dem Sprachspiel und dem Sprachulk frönt. Die Verblödelung von ehrwürdiger Mythologie hat es dabei Joyce besonders angetan. "Epiclets" - "Eposlein" - nannte Joyce liebevoll diese Kurztexte. Aus dem heiligen Patrick von Irland, über den sogar irische Atheisten ein Lied singen können, wird der putzige, schrullige "Kevin", der - "nachdem ihm das Privileg eines tragbaren Altars cum Bad" gewährt wurde - durch die Lande zieht. Kevin, anders als der heilige Patrick, gründet keine Kirchen, Klöster und Schulen, sondern erbaut eine "Bienenkorbhütte" und sinkt erschlafft in mehrere Tümpel - "der selige Kevin, in seinem zirkumferenziellen Hüfttonnenbad". Ein ähnlich schlaffer Geselle ist der letzte irische von England unabhängige Herrscher: "der arme alte gastfreundliche Monarch König Roderick O'Conner". Ihm bleibt nur noch das Besäufnis mit seinen "Malzrittern und Bierknechten". Der arme alte Roderick kann am Lauf der Geschichte nichts ändern. So steckt er seinen Kopf in den Weinbottich und lallt seinen Sermon: "Ich hab ganz fürchterlich ürchterlich viel zutun heutzutag zutun heutzufürchtertag."

In Irland ist man durchaus stolz auf die Kultur der Kelten. Die Legende von Tristan und Isolde hat wahrscheinlich keltische Wurzeln. Mit all dem treibt James Joyce in mehreren Texten seinen Wortschabernack: Isolde, kurz "Issy" genannt, ist einerseits das personifizierte Mitleiden. Selbst der Teufel muss da vor ihrer Barmherzigkeit in den "Kühlraum in der Hölle" flüchten. Feuer speiende, alles vernichtende Drachen gibt es in der mittelalterlichen Literatur zuhauf. Doch dort, wo Issy auftaucht, wird aus dem Untier ein christliches Schäfchen: "An Ort und Stelle bekam der Drache etwas von den großen reinen Idealen in den Griff und konvertierte und trat in ein Kloster ein." Andererseits weiß Issy um ihre Schönheit, und so inszeniert sie ihre Beinchen "in diversen Stellungen à la Gutmensch Aschputtchen, Tante Nance, Stiefleiter, grüne Erbsen, Stellacometa, Liebmichbißchen, Lustigtoastig, Loverlievchen, Liebmichlang". Da kann sich natürlich Tristan nicht länger zurückhalten, die Liebe, ob mit oder ohne Zaubertrank, ist stärker - und Joyce schreibt wie ein von Whiskey benebelter mittelalterlicher Chronist: "Über ihnen kreischten die Geflügelten schrille Freud: Alle Vögel des Meeres sie trollerten es geradekecks heraus als sie den großen Keuß von Treustan und Eusollde schmeckzten." Doch Joyce führt auch eine andere Seite der Legendenliebe vor Augen. Tristan und Isolde zanken sich auf eine Weise, die gar nicht zu edlen Heldennaturen passen will: "Mach dich augenblicklich davon, brüllte sie, du Abschaum! - Ausgezeichnet, sagte er, du scheußliche Schlampe."

In der Tat: Die Texte von Finn's Hotel stehen in der Nähe zum Ulysses und zu Finnegans Wake. Das betrifft Sprachkraft, die Lust an Wortneubildungen und am Sprachulk. Dass wir daran teilhaben dürfen, verdanken wir dem Joyce-Meisterübersetzer Friedhelm Rathjen. Und diese "Epiclets" sind in ihrer Kürze zugänglicher als die großen Sprachkunstwerke. Man liest gern den einen oder anderen Satz wie- der - und entdeckt lustvoll die Wandlungsfähigkeit von Sprache. Man geht also gern in Finn's Hotel, bestellt sich einen Whis- key und prostet dem Autor zu: "Ich bin richtig froh, dir in den Haufen gerannt zu sein, du Faszinator du!" (Andreas Puff-Trojan, Album, DER STANDARD, 7./8.2.2015)

  • James Joyce, "Finn's Hotel". Hg. von Danis Rose. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. € 17,95 / 103 Seiten. Suhrkamp-Verlag
    cover: suhrkamp

    James Joyce, "Finn's Hotel". Hg. von Danis Rose. Übersetzt von Friedhelm Rathjen. € 17,95 / 103 Seiten. Suhrkamp-Verlag

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