Warum Google Glass scheiterte

6. Februar 2015, 11:09
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Einst gehypte Erfindung wurde Ziel von Spott und Ärger – Google versucht Neustart

Es war der "Wow"-Moment der Google I/O 2012: Mehrere Leute stürzten sich aus einem Flugzeug und segelten an ihren Fallschirmen auf das Dach des Moscone Center in San Francisco. Das Publikum konnte die Flugeinlage aus dem Blick der wagemutigen Springer mitverfolgen, die einen neuartigen Minicomputer mit Kamera trugen, der an einem Brillengestell angebracht war. Mit einem Marketing-Paukenschlag lernte die Öffentlichkeit erstmals Google Glass kennen.

Das kleine Gerät, zumeist mäßig korrekt als "Datenbrille" bezeichnet, machte alsbald seine Runde durch die Medien. Das Time-Magazin listete es als eine der Erfindungen des Jahres, die Vogue widmete dem tragbaren Stück Technologie gleich zwölf Seiten auf einmal. Und mit den "Oogle Goggles" landete es auch in der Zeichentrickwelt der Simpsons.

X Labs

Der Weg bis dahin war ein langer. 2009 war der damalige Google-CEO Eric Schmidt auf den Wissenschaftler Sebastian Thrun zugekommen, ein Multitalent der Stanford University. Er sollte in einer eigenen Einrichtung bei Google, später bekannt als die "X Labs", eine Idee weiterentwickeln, die damals noch den Namen "Google Brain" trug. Hervorgegangen war sie aus einer Ideensammlung unter den wichtigsten Managern des Konzerns und beschrieb einen tragbaren Computer, den man an der Haut oder an einer Brille tragen konnte.

Das neue Labor, so berichtet die New York Times unter Berufung auf anonyme Insider, fand alsbald seine Heimat im zweiten Stock eines unscheinbaren Gebäudes am Google Campus. Thrum holte andere Größen der Wissenschaft an Bord, darunter die Wearable-Experten Babak Parviz, Astro Teller und die Designerin Isabelle Olsson. Google-Mitgründer Sergej Brin stieß bald dazu und sollte Aufsicht über das Projekt führen. Über ein Jahr lang arbeitete man im Geheimen an Glass, selbst viele andere Google-Angestellte hatten keine Ahnung, was in den X Labs vor sich ging, von deren Existenz die Öffentlichkeit erst 2011 erfuhr.

Uneinigkeit

Wichtig zu wissen über Brin, so notiert die New York Times, ist, dass er zur damaligen Zeit mit der Unternehmerin Anne Wojcicki verheiratet war, die auch leibliche Mutter ihrer beiden Kinder ist. Brin selbst wird intern außerdem eine "Projekt-Aufmerksamkeitsdefizitstörung" nachgesagt. Er soll dazu neigen, sich geradezu obsessiv auf ein Projekt zu stürzen, um sich später in Windeseile zur nächsten Unternehmung zu verabschieden.

Das Team hinter Glass war sich nicht immer einig darüber, in welche Richtung der Weg gehen sollte. Diskutiert wurde etwa darüber, ob das Wearable dafür konzipiert werde, den ganzen Tag getragen zu werden, oder nur zu bestimmten Zwecken. Das Gerät in seinem aktuellen Zustand galt für fast alle jedenfalls noch als Prototyp, bei dem noch einige Fehler auszubügeln seien.

Explorer-Programm wird zum Bumerang

In diesem Wissen entschied Brin trotzdem, Glass in die freie Wildbahn zu entlassen, um Feedback zu sammeln und das Produkt zu verbessern. So kam es zum Explorer-Programm, dank dem ein kleiner, doch stetig wachsender Kreis an Personen außerhalb des Konzerns dazu kam, mit der 1.500 Dollar teuren Datenbrille zu experimentieren. Auch so manche Prominenz, darunter der britische Prinz Charles, ließ sich damit blicken.

Eine Strategie, die jedoch nach hinten losging. Das Interesse an dem Gerät stieg auch aufgrund der knappen Verfügbarkeit stark an. Nach dem anfänglichen Hype bescherte das aber auch den Problemen erhöhte Aufmerksamkeit.

In manchen Rezensionen wurde Glass aufgrund seiner Fehler und der niedrigen Akkulaufzeit regelrecht vernichtet. Die nicht abdeckbare, prominent platzierte Kamera führte zu Privatsphärebedenken. Infolge dessen sprachen Kinos, Casinos, Bars und andere Betriebe ein Trageverbot aus. Eine Tumblr-Seite machte sich über "weiße Männer, die Glass tragen" lustig und für Menschen, die immer und überall ihr Gadget trugen, wurde der Begriff "Glasshole" erfunden.

Brins Beziehung belastete das Team

Anfang 2014 krachte es auf einer ganz anderen Ebene. Zwischen Sergey Brin und Amanda Rosenberg aus dem Marketing-Team für Glass war eine Beziehung entflammt. Brin verließ letztlich seine Frau für Rosenberg, die noch dazu vorher mit ihr befreundet gewesen sein soll.

Für das Team blieb das nicht folgenlos. Wichtige Köpfe gaben ihr Lebewohl, Brin selbst trug Glass nicht mehr in der Öffentlichkeit. Im gleichen Jahr öffnete Google das Explorer-Programm zwar noch für alle US-Bürger, verkündete aber im Dezember das Aus.

In seiner aktuellen Form ist die Brille damit Geschichte. Unter der Ägide der Schmuckdesignerin Ivy Ross und dem "Nest"-Erfinder Tony Fadell kehrt man nun zurück ans Reißbrett und versucht es von neuem – diesmal ohne öffentlichem Betatest. (gpi, derStandard.at, 06.02.2015)

  • Sergej Brin: Sein Beziehungsende sorgte für Spannungen im Glass-Team.
    foto: ap

    Sergej Brin: Sein Beziehungsende sorgte für Spannungen im Glass-Team.

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