Leben ist wertvoller als Würde

7. Februar 2015, 17:00
2 Postings

Ian McEwan beschreibt in seinem neuen Roman Kindeswohl die Welt zwischen Recht, Gerechtigkeit und Richtigkeit

Glaube, Liebe, Hoffnung, Recht und Religion, kirchliche und staatliche Autorität, ethische Werte, menschliche Würde, die Grenzen von Macht und Medizin, Moral und Gesetz - es sind existenzielle Themen, die Ian McEwan in seinem jüngst auf deutsch erschienenen Roman Kindeswohl aufwirft. Fiona Maye, 59, kinderlos, ist Familienrichterin am High Court. Ihr Eheleben geht den Bach hinunter, und während sie das Ansinnen ihres Mannes Jack, sie möge seinen geplanten Seitensprung doch bitte als - zugegeben extravagantes - Eheaufputschmittel genehmigen, wortkarg abschmettert und mit dem Austauschen der Türschlösser quittiert, vermag sie ihre juristisch schwerwiegenden Entscheidungen zum Wohl des Kindes eloquent zu untermauern. Nur in Ausnahmefällen, so heißt es im Gesetz, nur wenn das seelische oder körperliche Kindeswohl gefährdet ist, darf der Staat in des Erziehungsrecht der Eltern eingreifen. Doch wann genau ist das? Schließlich wollen Väter und Mütter meist das Beste für ihre Kinder. Wann aber ist das Beste schlicht nicht gut?

"Das Gericht hat, im Namen der Kinder, zu entscheiden zwischen totaler Religion und einer leichten Abweichung davon. Zwischen Kulturen, Identitäten, Gefühlslagen, Lebensentwürfen, Familienbeziehungen, fundamentalen Grundsätzen, elementaren Loyalitäten und unabsehbaren künftigen Entwicklungen".

Sollen zwei jüdische Mädchen weiterhin beim streng orthodoxen Vater aufwachsen, in einer ihnen durchaus wohlbekannten hermetischen Welt aus Glauben und Regeln und Riten, ohne Möglichkeit auf höhere Bildung? Oder bei der Mutter, die zwar der orthodoxen Gemeinde, nicht aber dem jüdischen Glauben den Rücken gekehrt und ihre Töchter an einer gemischten Schule angemeldet hatte, "wo Fernsehen, Popmusik, Internet und der Umgang mit nichtjüdischen Kindern gestattet waren". Wiegen religiöse Ge- und Verbote schwerer als das Recht - oder zumindest die Chance - auf ein selbstbestimmtes Leben? Und wenn ja, ist dieses Recht womöglich teilbar?

Dürfen siamesische Zwillinge streng katholischer Eltern gegen deren Willen per richterlichem Entscheid getrennt werden, wohlwissend, dass dies das Todesurteil für eines der Babys bedeuten würde? Und darf man auch schon kurz vor dem Erreichen der Volljährigkeit über sein Leben selbst bestimmen, selbst wenn diese Entscheidung zu einem qualvollen, frühen Tod führt? Adam Henry leidet an Leukämie, aus religiöser Überzeugung verweigert der Zeuge Jehovas allerdings die lebensrettende Bluttransfusion. "Ist Ihnen bekannt, wann den Zeugen Jehovas befohlen wurde, Bluttransfusionen zu verweigern?" - "Das Gebot steht in der Genesis. Es gilt seit der Erschaffung der Welt." - "Es gilt seit 1945."

In Zeiten von IS-Terrorismus und islamistischem Fundamentalismus ist McEwans Kindeswohl von geradezu unheimlicher Aktualität. "Als diese Texte entstanden, gab es keine Transfusion. Wie konnte sie dann verboten sein?" Am Beispiel der Zeugen Jehovas ziseliert McEwan mit geradezu wissenschaftlicher Präzision über eine Welt zwischen Recht, Gerechtigkeit und Richtigkeit. Philosophiert mit kühlem Verstand darüber, wie die Gesellschaft religiösen Dogmen begegne, wie Fanatismus bekämpfen sollte, und wieviel Staat die bürgerliche, die individuelle Freiheit überhaupt verträgt. Der bekennende Atheist, der eine Welt ohne Religionen für die weitaus bessere hielte, bekräftigte nach den Terroranschlägen von Paris auf seiner Homepage den säkulären Staat, "er respektiert alle Religionen, die sich auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit befinden; er glaubt an alle - oder an keine. Der Unterschied ist vernachlässigbar, denn nicht alle Religionen können wahr sein."

Es sind reale Fälle, die McEwans fünfaktigem Gerichtsdrama mit zahlreichen Nebenästelungen zugrunde liegen. Bei einem privaten Abendessen hätten befreundete Familienrichter über die realen Abgründe und Alltagsdilemmata geredet: "Ich sah bei diesen Gesprächen das gesamte Erzähluniversum des 19. Jahrhunderts vor mir: Es erschien mir unwiderstehlich."

Mitleidloser Betrachter

Mit der ihm eigenen Distanz, mitleidlos, betrachtet McEwan seine Figuren: Fiona, die sich und ihre widersprüchlichen Gefühle hinter geschäftiger Professionalität verschanzt. Der Historiker Jack, der lächerliche Ehebrecher, der in einer Art sozialer Buchhaltung ein Tauschgeschäft zwischen seinem und Fionas Glück anstrebt. Nur eine Person scheint McEwans Empathie zu haben: Adam, der charismatische, Yeats lesende, Gedichte schreibende und Geige spielende junge Mann, der sich am Ende nach einer anderen als seiner religiösen Familie sehnt - und letztlich an den Mauern der Rechtschaffenheit zerschellt.

Allein 30 Seiten widmet der Meistererzähler jener Gerichtsverhandlung, in der die Richterin - und Mc Ewan - das Urteil über freien Willen, Religion, über Toleranz und Leben verkünden werden. Doch ehe Fiona ihre Entscheidung fällt, besucht sie Adam am Krankenbett, um herauszufinden, ob er die Konsequenzen seiner Verweigerung abschätzen könnte. "Es ist", wird sie später, berührt von seiner unschuldigen Jugendlichkeit, ihr Urteil begründen, "ein fundamentales Recht eines jeden Erwachsenen, medizinische Behandlungen zu verwiegern. Einen Erwachsenen gegen seinen Willen zu behandeln ist strafbare Körperverletzung. Adam steht kurz vor dem Alter, in dem er die Entscheidung selbst treffen kann. Dass er bereit ist, für seine religiösen Überzeugungen zu sterben, beweist, wie tief diese sind. Dass seine Eltern bereit sind, ein innig geliebtes Kind für ihren Glauben aufzuopfern, offenbart die Macht der Lehre der Zeugen Jehovas." Doch ihre oberste Richtschur müsse das Kindeswohl sein: "Er muss vor seiner Religion und vor sich selbst geschützt werden.... Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde." (Andrea Schurian, Album, DER STANDARD, 7./8.2.2015)

  • Ian McEwan, "Kindeswohl", € 22,60 / 224 Seiten. Diogenes, 2015.
    cover: diogenes

    Ian McEwan, "Kindeswohl", € 22,60 / 224 Seiten. Diogenes, 2015.

Share if you care.