Schimpansen-Grunzlaute sind menschlicher Sprache ähnlicher als gedacht

5. Februar 2015, 20:21
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Ihre Äußerungen galten bisher als recht unflexibel - ein Irrtum, wie sich nun zeigte

York/Wien - Schimpansen verfügen über eine eigene "Sprache", um sich untereinander zu verständigen. Das haben bereits frühere Verhaltensstudien nachgewiesen. Eine britische Forschergruppe um Katie Slocombe konnte etwa vor zwei Jahren beobachten, dass die Menschenaffen spezielle Grunzlaute für unterschiedliche Früchte einsetzen.

Dennoch schien es zumindest bisher, dass das Vokabular der Affen festen Strukturen unterworfen ist. Abstufungen ergaben sich allenfalls aus den jeweiligen emotionalen Befindlichkeiten der Tiere. Dieses scheinbare Fehlen jeglicher Kontrolle über ihre "Begriffsbildung" stellt nach Ansicht von Forschern einen grundsätzlichen Unterschied zur menschlichen Sprache dar. Nun zeigt sich, dass es diesen Unterschied möglicherweise gar nicht gibt.

Apfel neu gegrunzt

Slocombe und ihr Team von der University of York fanden heraus, dass Schimpansen sehr wohl ihre Grunzlaute verändern können, wenn sie mit einer neuen Affengruppe konfrontiert sind: 2010 erhielt eine Schimpansenhorde im Zoo von Edinburgh neue Mitbewohner aus einem niederländischen Safaripark. Beide Gruppen setzen jeweils unterschiedliche Grunzlaute für Äpfel ein. Audioanalysen zeigten, dass sich das "Wort" der niederländischen Schimpansen für Apfel nach drei Jahren jenem der schottischen Gruppe angeglichen hatte - sie erlernten gleichsam die "Sprache" der neuen Gehegegenossen.

Die Vorliebe einzelner Tiere für Äpfel hatte sich in dieser Zeit nicht geändert, dürfte also auch nicht der Auslöser für die Veränderung gewesen sein, schreiben die Wissenschafter im Fachblatt "Current Biology". Vielmehr spielte die wachsende Vertrautheit der Tiere untereinander eine maßgebliche Rolle: Je besser sich die Affen kennenlernten, umso ähnlicher wurden ihre Grunzlaute.

Für die Forscher ist dies ein erster klarer Beweis dafür, dass Tiere die Struktur ihrer Lautäußerungen mit Bedeutungsinhalt aktiv modifizieren und über soziale Kontakte weitergeben können. Slocombe schließt aus ihren Beobachtungen, dass die menschliche Sprache weitaus nicht so einmalig ist, wie man bisher gedacht hatte - zumindest was die Fähigkeit zur Begriffsbildung betrifft. (Thomas Bergmayr, DER STANDARD, 6.2.2015)

  • "Schau, ein Apfel!": Um sich mitzuteilen, lernen Schimpansen bisweilen sogar neue "Wörter".
    foto: ap / jim hudelson

    "Schau, ein Apfel!": Um sich mitzuteilen, lernen Schimpansen bisweilen sogar neue "Wörter".

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