"Social Man": Empowerment und Triathlon

Blog6. Februar 2015, 05:30
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Mit 15 Startern war der erste "Social Man"-Triathlon im Vorjahr zwar klein, aber effizient: Den Plan, behinderte Sportler zu unterstützen, konnte Thomas Kügerl auch da schon umsetzen. Heuer im Juli will sein Verein Social Friends mindestens 100 Starter aufs Hochtor schicken – Behinderte ebenso wie Nichtbehinderte

Irgendwann kam der Tag, an dem Fußball vorbei war. Keine Verletzung. Keine traumatische Niederlage. Der Dampf war raus. Der Spaß weg. Oder zumindest nicht mehr in dem Ausmaß da, wie es Thomas Kügerl zuvor jahre-, wenn nicht jahrzehntelang beflügelt hatte. So etwas kommt vor. Doch statt sich aufs Sofa und/oder die Tribüne zurückzuziehen und ein weiterer der Millionen an theoretischen Nationaltrainern zu werden, die in Österreich (aber wohl auch in jedem anderen Land der Welt) alles besser wissen, aber eben nicht machen, wechselte Kügerl vom Ball- zum Ausdauersport.

Zuerst nur so. Aber dann gewann der Wiener einen Startplatz beim Kärntner Ironman - und war über sein mehr als nur durchschnittlich gutes Abschneiden zuerst überrascht, bis er daraus den Schluss zog, wo er nun - sportlich - daheim sei: bei Multisport-Bewerben. Und Distanzen, die für Normalsterbliche zwischen extrem und illusorisch angesiedelt sind. Und für Behinderte? Aber ich greife vor.

Der Skifahrer Martin Würz.

Denn bevor Kügerl sich diesem Thema zuwandte, gab sich der Wirtschaftsinformatiker, der eine Nachhilfelehrer-Vermittlungsplattform aufgebaut hat und betreibt, die volle Triathlonkante. Etwa beim "Escape from Alcatraz"-Rennen in San Francisco oder dem "Celt-Man", einem Extremtriathlon in Schottland mit ordentlich Höhenmetern auf dem Rad und beim Laufen.

Doch die Frage, welchen Sinn er seinem Treiben geben könnte, beantwortete Kügerl sich vor zweieinhalb Jahren bei einem Nur-Bike-Urlaub auf Teneriffa: Sportevents mit Mehrwert sollten es sein. Mit sportlichem Mehrwert, wohlgemerkt. Und sozialem Benefit. Zurück in Österreich gründete der heute 34-Jährige also einen Verein, die Social Friends - und ging daran, gemeinsam mit den dort versammelten "Freunden", den ersten "Social Man" zu organisieren. Der "Social Man" ist ein Benefiz-Triathlon: Schwimmen durch den Grundlsee, Radfahren nach Rauris - und dann ein bisserl Laufen: Rauf aufs Hochtor. Das liegt bekanntlich am Großglockner. Oben - wie der Name schon andeutet.

Einige Social Friends: Adi Buxbaum, Thomas Kügerl, Josef Meichenitsch, Klaus Vondra (SocialMan Initiator). Liegend: einer der unterstützten Behindertensportler: Martin Würz.

Sicher: Megaevent war der erste "SocialMan" keiner. 15 Starter, sagt Kügerl, seien angetreten. Zwei davon Starterinnen. Den vollen Triathlon absolvierten drei Athleten - außerdem waren vier Staffeln am Start. "Trotzdem kam genug Geld zusammen, um den von uns unterstützen Sportler auch tatsächlich substantiell etwas zugute kommen zu lassen." Denn der "SocialMan" - und die "Social Friends" - sind nicht bloß ein weiterer Sportverein, der ein bisserl Charity macht: "Wir haben mit dem ersten Sozialen Patrick Bitzingers Wettkampfjahr finanzieren können, Martin Würz mit einem Online-Auftritt und Dressen ausgestattet und Christian Scheiber einen Tischtennistisch gekauft." Nicht die Welt - aber doch ein guter Anfang.

Am Handbike: Thomas "Tigger Tom" Frühwirt.

Sie wissen nicht von wem da die Rede ist? Nun: genau das ist auch eines der Probleme, die Kügerls Verein angehen will: Es geht den Social Friends nicht nur um das materielle Unterstützen von Sportlern - sondern auch darum, ihnen eine Plattform zu bieten. Und sie durchs Bekanntmachen auch für potenzielle Sponsoren attraktiv zu machen - denn das ist in Österreich ein Megaproblem. Also: Patrick Bitzinger ist eine der ganz großen Hoffnungen des österreichischen Radsportes. Bitzinger ist blind. Martin Würz ist Skifahrer. Er startete unter anderem in Sotchi bei den Paralympics: Als Teenager sprengte er sich mit einem Böller eine Hand weg. Christian Scheiber ist Tischtennisspieler. 2013 gewann der 1984 geborene Burgenländer seinen ersten Staatsmeistertitel - er hat seit der Geburt verkürzte Arme. Dann wären unter den Fittichen der Friends noch unter anderen Katrin Neudolt, 2014 bei den Gehörlosen Europameisterschaften Badminton-Vizeeuropameisterin. Oder Veronika Aigner: Die fast blinde Teenagerin ist Staatsmeisterschafts-Goldmedaillengewinnerin in Slalom und Riesentorlauf.

Das Konzept, als Plattform Öffentlichkeit und als Eventmacher Geld zu generieren, fand und findet Freunde und Unterstützer: Normalos, einige Firmen und Sportler. Thomas Frühwirt etwa. "Tigger Tom" ist seit einem Motorradunfall querschnittgelähmt – und Ironman-Weltmeister (Schwimmen, Handbike und Rennrollstuhlfahren) und Weltrekordhalter. Oder Thomas Onea, der Vizeweltmeister im Schwimmen über 100 Meter, der mit drei Jahren einen Arm verlor und im ORF ein Sportmagazin comoderiert. Nichtbehinderte Spitzensportler fand ich auf der Homepage des Vereines in der Rubrik "prominente Unterstützer" keine. Ein österreichisches Phänomen, das wohl auch mit dem Dilemma der Öffentlichkeit für alles Sportliche, das sich jenseits von Fußball und alpinem Skisport abspielt, zusammenhängt.

Auf dem Weg vom Grundlsee zum Fuß des Glockners: Tandemfahrer Patrick Bitzinger (hinten) mit seinem "Piloten".

Dennoch fällt die Arbeit der Social Friends auf. 2014 wurde der Verein mit dem Social Impact Award ausgezeichnet. Und für die zweite Auflage des "Social Man" am 4. Juli gibt es schon 90 Anmeldungen. Kügerl ist optimistisch, die 100er-Marke zu knacken. Obwohl die Strecke selektiv und anspruchsvoll ist: zuerst fünf Kilometer durch den Grundlsee schwimmen, dann auf 185 Rad-Kilometern durch drei Bundesländer, 3.100 Höhenmeter bewältigen – und zuletzt 25 Kilometer (plus 1.800 Höhenmeter) vom Fuß des Großglockners bis zum Hochtor laufen. Und obwohl der Event nur eine Woche nach dem Ironman in Kärnten stattfindet. Nicht nur deshalb betont Kügerl, dass auch und vor allem Staffeln willkommen sind: "Das macht es auch Sportlern mit Behinderung einfacher, da mitzumachen. Denn das ist ja auch eines unserer Ziele: Dass behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam an Bewerben teilnehmen." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 6.2.2015)

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