Norwegisches Biotop des permanenten Erfolges

4. Februar 2015, 17:56
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Norwegens Skiteam mangelt es an der Breite, aber es hatte Aamodt und Kjus, hat Jansrud und Svindal. Alpindirektor Claus Ryste erklärt die Stärke und warum Österreich aufpassen soll

Irgendetwas machen die Norweger verdammt richtig. Sie haben bei weitem kein so großes Alpin-Skiteam wie Österreich. Aber sie bringen immer wieder diese Siegertypen hervor, die ganz großen Champions. In den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre waren es Lasse Kjus und Kjetil Andre Aamodt. Gemeinsam brachten es die beiden auf 13 Olympia- und 23 WM-Medaillen drei Siege im Gesamtweltcup. Dass an diese Erfolge ein norwegischer Skifahrer anschließen könnte, war nicht zu erwarten gewesen.

Dann kam Aksel Lund Svindal: Olympiasieger, fünffacher Weltmeister, insgesamt elffacher Medaillengewinner bei Großanlässen, dazu zweifacher Gesamtweltcupsieger. Und als Svindal bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi leer ausging und sich einige Monate später verletzte, sprang ein Landsmann in die Bresche: Kjetil Jansrud, Olympiasieger im Super-G und in diesem Winter mit fünf Siegen der dominierende Mann in den Speedbewerben. Und mit Henrik Kristoffersen schickt sich der Nächste an, ein Großer zu werden. Der 20-Jährige hat bereits zwei Weltcupslaloms gewonnen.

Keine Revolution

Also, wie machen die Norweger das? "Das ist wirklich harte Arbeit", sagt Claus Ryste, Alpindirektor im norwegischen Skiverband. Seit 2010 hat der 40-Jährige diesen Job inne. Ein dankbarer Job, wie er findet. Der Teamgeist sei überaus gut. In Norwegen werde strukturiert gearbeitet, bei den Trainern herrsche Kontinuität, man versuche, nichts zu revolutionieren. "Ich bin glücklich mit der Situation", sagt Ryste.

Elf Athleten hat Norwegen zur WM entsandt. Es sind immerhin mehr als 2013 (7) und 2011 (6), aber lange nicht so viele, wie Österreich am Start hat (25). Drei Medaillen wünscht sich Ryste - "wenn ich realistisch bin." Svindal gibt sein Comeback, Jansrud ist einer der Topfavoriten, Kristoffersen und Nina Löseth kommen auch für das Podest infrage.

Es sei eine Mischung aus Talenten und harter Arbeit, die in Norwegen zum Erfolg führe, sagt Ryste. "Svindal hat von Aamodt gelernt." Und als der 32-Jährige Anfang des Winters verletzungsbedingt ausfiel, habe Jansrud (29) nahtlos die Führungsrolle übernommen. Jetzt pushen sich die beiden Speedspezialisten und Zimmerkollegen wieder.

Nette Medien

"Bei Großanlässen machen wir uns nicht so viel Druck", vielleicht ein Teil des Erfolgsgeheimnisses. "Und die Medien sind nett zu uns", sagt Ryste. Der Druck konzentriert sich in Norwegen auf die Langläufer. Hinter Biathlon liege Ski alpin gemeinsam mit Skispringen auf Platz drei der Beliebtheitsskala.

Die Alpinen müssten ständig um mehr Ressourcen kämpfen. "Man braucht immer mehr." Aber im Moment ist Ryste mit den Möglichkeiten zufrieden. Vor zwei Jahren wurde begonnen, das Technikteam aufzubauen. Neben Kristoffersen hat es heuer auch schon Sebastian Foss Solevag im Slalom auf das Podest geschafft. Der Riesentorlauf ist die schwächste Disziplin der Norweger. Kristoffersen ist auch hier viel zuzutrauen. Er müsse, sagt Ryste, noch an Kraft zulegen.

Jugend forsch

Zulegen müssen auch die Damen. Mit den Erfolgen der Herren konnten und können sie bei weitem nicht mithalten. Löseth holte heuer in Zagreb als erste Norwegerin seit Andrine Flemmen 2002 wieder einen Podestplatz im Weltcup. Ein erster Erfolg eines im Jahr 2010 gestarteten Projekts, um die Damen an die Spitze zu bringen. Damals suchte man die besten Nachwuchsläuferinnen des Landes, um sie gezielt zu fördern.

Löseth gehörte ebenso dazu wie die Speedspezialisitin Ragnhild Mowinckel. Das vorläufige Ziel des Projekts: Bis 2016 soll ein Sieg eingefahren werden. Es scheint nicht unrealistisch. Die 22-jährige Mowinckel etwa war dreimal Juniorenweltmeisterin.

Der Nachwuchs kommt

Und im Nachwuchs tut sich was. In derzeit sieben Skigymnasien (Ryste: "Es werden immer mehr") werden 16- bis 19-Jährige gefördert. Und - Achtung Österreich! - in den vergangen fünf Jahren hat Norwegen dreimal den Nationencup bei den Junioren gewonnen. Mehr Breite wird natürlich angestrebt, auch wenn sie von Nachteil sein kann. "Wir werden nie ein so großes Team haben, wie es Österreich hat."

Noch ist Norwegens Mannschaft überschaubar, jedes einzelne Mitglied äußerst wertvoll. "Wir schützen unsere Läufer", sagt Ryste, wenngleich zu viel des Schutzes auch nicht optimal sei. Weil sie sich dann zu sehr in Sicherheit wiegen. In Österreich müsse hingegen zu viel aussortiert werden. Ryste: "Ein Mittelweg wäre gut." (Birgit Riezinger aus Beaver Creek, DER STANDARD, 5.2.2015)

  • Alpindirektor Ryste arbeitet in Ruhe. "Die Medien sind nett zu uns."
    foto: ntp scanpix

    Alpindirektor Ryste arbeitet in Ruhe. "Die Medien sind nett zu uns."

  • Nina, 25 Jahre alt und aus Alesund, ist die letzte der drei Löseth-Schwestern, die noch das norwegische Skiteam schmückt. Der lange Atem der Mittleren hat sich am 4. Jänner mit Rang drei im Weltcupslalom zu Zagreb erstmals so richtig bezahlt gemacht.
    foto: reuters

    Nina, 25 Jahre alt und aus Alesund, ist die letzte der drei Löseth-Schwestern, die noch das norwegische Skiteam schmückt. Der lange Atem der Mittleren hat sich am 4. Jänner mit Rang drei im Weltcupslalom zu Zagreb erstmals so richtig bezahlt gemacht.

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