Klassenkampf im Dschungelcamp

Blog5. Februar 2015, 12:26
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Der RTL-Dschungel, mit Bourdieu erklärt: Durch die Teilnahme versuchen die Möchtegern-Promis, ihren Klassenstatus zu ändern und aufzusteigen

Einige Tage nach dem Ende des RTL-Bootcamps "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" steht die Gewinnerin fest: Maren Gilzer. Wer? Maren Gilzer!

Während ein klassisches Bootcamp kriminelle Menschen durch fragwürdige Methoden zur Läuterung bewegen soll, um ihnen so zu einem "besseren" Leben zu verhelfen, hoffen die "Insassen" des Dschungelcamps auf einen Karriereschub nach Ende der Show, so auch die frisch gekürte Dschungelkönigin.

Wer hat gewonnen?

Maren Gilzer war zehn Jahre lang als "Glücksradfee" auf Sat.1 zu sehen und drehte das Glücksrad schwindelig. Nach ihrem Ausstieg begann sie in diversen Serien, Filmen und Shows mitzuspielen. Gleichzeitig mischte sie in der "Modewelt" mit und verkauft ihre eigene Schmuck und Kleiderkollektion auf dem Shoppingsender QVC. Falls der Eindruck nicht täuscht, dürften es also nicht die finanziellen Existenzängste gewesen sein – die so viele Camp-Kandidaten plagen –, die Gilzer zur Teilnahme an dem Trash-Format bewegten.

Kampf um den Aufstieg

Obwohl aus etlichen Medien wie Zeitung, Radio und TV Jahr für Jahr zu hören und zu lesen ist, wie "langweilig" oder "erniedrigend" diese Sendung sei, schalten wohl immer noch genügend Zuschauer ein, um das Format rentabel zu machen. Die finale Sendung am Samstagabend (31. Jänner) verbuchte 7,43 Millionen Zuschauer. Die Show befindet sich mittlerweile in der neunten Staffel und wurde 2004 das erste Mal ausgestrahlt. Sofort folgten Debatten, die vor allem die Frage aufwarfen, ob das Dschungelcamp menschenverachtend sei. Trotz des schlechten Image (oder gerade wegen?) bleibt die Show ein Zuschauerliebling und hat folglich auch für die Sender nicht an Attraktivität verloren. Doch wie kommt es eigentlich zu diesem Erfolg? Der Soziologe Pierre Bourdieu liefert mit seinen Begriffen "Soziale Klassen" und "Habitus" einen Aspekt zur Erklärung.

Das Verhalten jedes Menschen ist durch seine bisherigen sozialen Erfahrungen geprägt und gleichzeitig durch seine Umwelt. Diese sozialen Erfahrungen werden durch ihre Klasse bestimmt. So ordnet sich der Mensch in der Gesellschaft ein. Die meisten Dschungelcamp-Teilnehmer gehören zur "Klasse" eines "relativ erfolglosen Promis" - bei allen campinternen Streitigkeiten eine einende Gemeinsamkeit.

Klassenstatus

Ein Mensch entwickelt abhängig von seiner Klassenlage einen bestimmten Habitus und braucht diesen Habitus, um zu der Klasse, in der er aufgewachsen ist oder die er erreicht hat, dazuzugehören und als Mitglied dieser Klasse akzeptiert zu werden. Durch die Teilnahme am Dschungelcamp versuchen die Möchtegern-Promis diesen Klassenstatus zu ändern und aufzusteigen. Ein Aufstieg macht sich dann durch Engagements, finanzielle Vorteile und Ansehen bemerkbar. Das Dschungelcamp stellt also einen "sozialen Wiederaufstieg" in Aussicht. Nicht umsonst müssen sich die Kandidaten würgend durch Insektennahrung, Känguruhoden oder Kamelpenis beißen, sich von Schlangen und anderem Getier erschrecken lassen, um Sterne zu sammeln, damit die gesamte Gruppe etwas anderes als Haferschleim zu essen bekommt.

In gewisser Weise geht es also um den Kampf zwischen Arm und Reich. Wer arm ist und nichts erreicht, bekommt Haferschleim, wer mehr leistet, bekommt Besseres! Bourdieu vergleicht am Beispiel "Essen" den Unterschied von Klassen, die des Bürgertums und die des Kleinbürgertums. Während das Proletariat das Essen als notwendig betrachtet, wird es in höheren Klassen wie der Bourgeoisie als Genuss betrachtet. Er unterscheidet zwischen "goûtde nécessité" und "goût de luxe", also zwischen Notwendigkeit und Luxus. Der Starfaktor, der den Kandidaten seitens RTL zugeschrieben wird, vermittelt dieses Klassendenken. Dem Zuschauer soll gezeigt werden, dass die Kandidaten im Dschungelcamp eigentlich besser sind als sie, aber diese Klasse nicht halten konnten und kaum etwas wert sind. Der Wiederaufstieg zu etwas "Besserem" ist nur durch den Kampf im Bootcamp-Dschungel wieder möglich – die letzte Chance zum Wiederaufstieg.

Fazit

Der von uns unterstellte Voyeurismus der Zuschauer trägt sicherlich zu dem Erfolg der Sendung bei. Die künstlich erschaffene Welt, in der sich die Möchtegern-Promis gegenseitig bekämpfen, entblößen, selbst erniedrigen und streiten, zeigt dem Zuschauer berechenbare, aber auch unberechenbare Momente des Klassenkampfs. Diese Welt weckt das Interesse des normalen, scheinbar kleinen Bürgers. Das Proletariat entscheidet über den Aufstieg und bestimmt, wer den Promistatus wieder zurückerlangt und ob dieser im Wesentlichen verdient ist. Diese Macht scheint das wesentliche Erfolgsrezept zu sein. Für RTL stellt sich einzig und allein die Frage, wie die Zuschauer am "Machtspiel" weiter Freude empfinden können und RTL gleichzeitig auf seine Marktanteile kommt. Wie das zu beurteilen ist, bleibt letztlich denZuschauern überlassen. Wir glauben: Es ist kein notwendiges TV-Format! (Maria Birnbaum, Andy Vuia, Josef Trappel, derStandard.at, 5.2.2015)

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