Rebellion des kleinen Mannes: Pfusch nimmt zu

4. Februar 2015, 16:48
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Die hohe Steuerlast und die wachsende Zahl an Arbeitslosen sind der Grund, weshalb Schwarzarbeit in Österreich immer weiter zunimmt

Wien - "Der Pfusch ist die Steuerrebellion des kleinen Mannes", sagt der Linzer Volkswirtschaftsprofessor Friedrich Schneider. Bei der hohen Abgaben- und Steuerlast in Österreich und bei gleichzeitig mehr Tagesfreizeit aufgrund von Teilzeitarbeit oder gar Arbeitslosigkeit drängen wieder mehr Menschen in die Schattenwirtschaft. Diese dürfte heuer das dritte Jahr in Folge zunehmen und auf 21,35 Milliarden Euro beziehungsweise 8,14 Prozent des BIP klettern, so der Linzer Volkswirtschaftsprofessor Friedrich Schneider.

Dies sind hohe Zahlen, auch wenn Österreich im Vergleich zu anderen EU-Staaten recht moderat zu sein scheint, was die Schwarzarbeit betrifft (siehe Grafik). Bei der Statistik Austria ist man sich des Phänomens jedenfalls bewusst. Die Schattenwirtschaft fließt in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) ein, macht dort aber "nur" knapp vier Prozent des BIP aus. Das seien Abgrenzungsprobleme, heißt es dazu bei der Statistik Austria, man schätze nur: Etwa wird aus der Höhe der Einnahmen für im Baumarkt gekauftes und bar bezahltes Baumaterial auf Schwarzarbeit am Bau geschlossen. Auch was unversteuerte Trinkgelder betrifft, gibt es Annäherungswerte und Formeln.

Handwerkerbonus

Schneider betont, dass seine Zahlen eine maximale Schwankungsbreite von zehn Prozent haben. Die steigende Schattenwirtschaft könne nicht mit mehr Strafen eingedämmt werden, erklärt er: "So viel kann man gar nicht überprüfen und strafen." Es sei nur logisch, dass viele Handwerker den Einkommensverlust aus Steuerprogression und steigender Abgabenlast auszugleichen versuchen, indem sie sich "schwarz" etwas dazuverdienen.

Deshalb plädieren Steuerexperten, Steuerinstrumente wie den Handwerkerbonus weiter auszubauen. Dieser wurde Mitte des Vorjahres eingeführt und beinhaltet eine steuerliche Förderung von bis zu 600 Euro für die Renovierung, Erhaltung oder Modernisierung eines Wohnraums. Voraussetzung: Diese Arbeiten müssen von einem Handwerksbetrieb erledigt werden, natürlich mit Rechnung. Für heuer sind 20 Millionen Euro für den Handwerkerbonus vorgesehen; ob es zu einer Weiterführung der Aktion kommt, ist noch nicht klar.

Dienstleistungsscheck

Auch der Dienstleistungsscheck wird als ein Instrument angeführt, mit dem Schwarzarbeit eingedämmt werden kann. Dieser noch unter Schwarz-Blau eingeführte Scheck zur Legalisierung etwa von Putz- oder Gartenarbeit hat in den vergangenen Jahren recht ordentliche Wachstumsraten hingelegt. 2014 wurde mit gut 247.000 verkauften Schecks ein neuer Rekord erzielt, geht laut APA aus einer Auswertung des Sozialministeriums hervor.

Der Wert der im Vorjahr insgesamt verkauften Schecks (man erhält sie bei der Post oder in Trafiken) lag bei 6,25 Millionen Euro. Bei Bezahlung mit dem Scheck hat der Arbeitnehmer auch eine Unfallversicherung. Allerdings ist die Abrechnung der Dienstleistungsschecks derzeit denkbar umständlich. Die Abrechnung erfolgt nämlich über die Gebietskrankenkassen bzw. die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau.

Schneider plädiert deshalb für die Einführung einer steuerlichen Absetzbarkeit von haushaltsnahen Dienstleistungen und Investitionen im Haushalt (bis zu 2000 Euro pro Haushalt) für das ganze Jahr und nicht gedeckelt. Grundsätzlich, sagt er, sollten Firmen, die "schwarz" arbeiten oder arbeiten lassen, für drei bis fünf Jahre von öffentlichen Aufträgen gesperrt werden. Und es sollten auch die Lohnnebenkosten sinken, um Schwarzarbeit unattraktiver zu machen.

Es sind vor allem die Sozialversicherungsbeiträge, die bei einem weitverzweigten Pfuschereiwesen niedriger ausfallen. Die Ausfälle werden auf zwei bis 3,5 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Die Steuerverluste selbst halten sich in Grenzen, weil das schwarz verdiente Geld sofort wieder in die offizielle Wirtschaft fließt. Verlierer sind die Krankenversicherungen, die erhöhte Kosten der zusätzlichen Unfälle beziehungsweise Arbeitsunfälle tragen müssen.

Wertschöpfung

66 Prozent der Wertschöpfung kommen von "Pfuschern", die selbstständig oder unselbstständig beschäftigt sind, die einen offiziellen Job haben, die volle Steuer- und Abgabenlast tragen und nur die schwarz geleisteten Überstunden nicht versteuern. 16 Prozent der Wertschöpfung des Pfuschs gehen laut Schneider auf organisierte Kriminalität (Prostitution, Bau) zurück und 17 Prozent auf Arbeitslose und Frühpensionisten. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 5.2.2015)

  • Artikelbild
    grafik: apa
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