Reis versus Sumpf in Nordargentinien

5. Februar 2015, 12:20
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US-Unternehmer Douglas Tompkins zieht gegen Reisfarmer und ein Großprojekt von Finanzspekulant George Soros vor Gericht

Corrientes - Schöner könnte auch eine Statue nicht gemeißelt sein. Der Kaiman sitzt regungslos am Ufer, den Rachen weit aufgesperrt, und lässt sich ablichten. Nur zwei Armlängen sind seine spitzen Zähne entfernt. Scheinbar ungerührt grasen ein kleines Stück hinter ihm drei Wasserschweine. Beinahe lautlos gleitet das Boot mit den begeistert knipsenden Touristen an den Tieren vorbei und bahnt sich seinen Weg tiefer in die Idylle der Iberá-Sümpfe, des zweitgrößten Feuchtgebiets Südamerikas. Rochen, Sumpfhirsche, Hunderte von Vogelarten und Bilderbuchsonnenuntergänge - der Naturpark im Norden Argentiniens ist eines der versteckten Paradiese des südamerikanischen Landes. Das war nicht immer so.

Domingo Cabrera aus Colonia Pellegrini, der heute als Bootsführer arbeitet, erinnert sich noch gut daran, wie er als junger Mann hier Kühe hütete und in der Freizeit Biber, Kaimane und Wasserschweine jagte, um das Fell, die Haut und das Fleisch zu verkaufen. "Viel eingebracht hat das nicht, gerade genug, um meine zwölf Kinder zu ernähren und einzukleiden", erzählt der 65-jährige, fast zahnlose Mann mit der wettergegerbten Haut: "Von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger, Tiere zu finden."

Mitte der 1980er wurden die Sümpfe, deren Name aus der Guaraní-Sprache kommt und übersetzt "Leuchtendes Wasser" bedeutet, unter Naturschutz gestellt - und Cabreras Leben änderte sich schlagartig. "Die Regierung hat uns erklärt, dass wir nicht mehr jagen können, und hat uns Kurse über Umweltschutz und Ökotourismus gegeben", sagt er.

Heute ist Cabrera froh, dass er sich darauf einließ: "Pellegrini war ein sterbender Ort, weil es kaum noch Tiere gab. Durch das Projekt kamen sie zurück, und plötzlich habe ich die Tiere aus der Nähe gesehen, die sonst immer vor mir wegrannten. Das hat mir gut gefallen. Zum Jagen habe ich jetzt überhaupt keine Lust mehr, die Flinte habe ich schon lange verkauft."

Der Job als Touristenführer brachte genug ein, um sein kleines Häuschen zu verschönern und eine Werkstatt zu eröffnen, in der einer seiner Söhne nun Kunsthandwerk zum Verkauf herstellt. Ein zweiter arbeitet als Touristenführer. Nach Pellegrini kamen Strom- und Wasserleitungen, es entstanden kleine Pensionen, Gemischtwarenläden und Restaurants. Gut 30 junge Leute aus dem Dorf arbeiten als Touristenführer.

Damoklesschwert über Idylle

Doch über der Idylle schwebt ein Damoklesschwert, wie Leslie Cook, der Verwalter der Hacienda Rincón del Socorro erläutert. Der hochgewachsene, sportliche junge Mann stammt aus der Hauptstadt Buenos Aires, lebt aber seit einigen Jahren als Verwalter mit seiner Familie auf der Hacienda am Rande des Schutzgebiets. Das 150.000 Hektar große, ökologische Luxusressort gehört dem US-Unternehmer Douglas Tompkins, einem früheren Textilkönig. In den 1990er-Jahren verkaufte er seine Marken wie Esprit und North Face, und widmete sich dem Umweltschutz. Besonders in Südamerika kaufte er riesige Ländereien und schuf private Schutzgebiete. Oft stieß er dabei auf den Widerstand der lokalen Bevölkerung und der heimischen Politiker, die in der Natur eine auszubeutende Ressource sehen. In Iberá hat er noch einen ganz anderen Gegenspieler: den Finanzspekulanten George Soros.

Dieser besitzt dort die 14.000 Hektar große, sehr rentable Reisfarm Doña Marina und hat die Erlaubnis, für die Bewässerung den Paraná-Fluss anzuzapfen. Doch Soros hat noch viel größere Pläne. 2009 verkündete er gemeinsam mit einheimischen Unternehmern die Einrichtung einer weiteren 18.000 Hektar großen Reisfarm in der Nähe des Naturparks.

Staudamm soll Wald fluten

Die Investoren stellten 1400 Arbeitsplätze in Aussicht - und der Gouverneur der armen Region war begeistert. Teil der 55 Millionen Dollar teuren Investition war ein Staudamm am Ayui-Fluss. Dafür sollte ein Wald überschwemmt werden. Die Pestizide und Düngemittel der Reisfarm, fürchten Umweltschützer, würden über das weitverzweigte Wassersystem im Schutzgebiet enden, während der Frischwasserzufluss in Gefahr wäre. "Schon die bestehenden zehn kleinen Reisfarmen in der Pufferzone graben uns das Wasser ab, obwohl das eigentlich verboten ist", sagt Cook. Die Chemikalien belasten das Wasser und zerstören das ökologische Gleichgewicht. Am Rande des Feuchtgebiets ist zu sehen, was Reisanbau nach fünf, sechs Jahren hinterlässt: eine trostlose Einöde.

Die Stiftung von Tompkins, Conservation Land Trust, zog nicht nur gegen die aktuellen Reisfarmer, sondern auch gegen Soros' Großprojekt vor Gericht. Ein Tauziehen begann: Örtliche Politiker erteilten Sondergenehmigungen, die die Gerichte wieder aufhoben. Dann zog sich Soros 2011 aus dem Konsortium zurück - angeblich weil die linksnationalistische, argentinische Regierung ihm gedroht hatte, ihm sonst keine Exportlizenzen für seine übrigen Agrargüter mehr zu erteilen. Doch das Ende der Regierung ist in Sicht; bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober kann Präsidentin Cristina Kirchner nicht erneut antreten. Die Investoren schnuppern wieder Morgenluft. Und Ökotourismusunternehmer wie Mauricio Lacona hoffen, dass die Regionalregierung nun endlich Klartext spricht und den Raumnutzungsplan erstellt, zu dem sie vor Jahren schon verurteilt wurde. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 5.2.2015)

  • Mitte der 1980er-Jahre wurden die Iberá-Sümpfe unter Naturschutz gestellt. Durch intensive Jagd verschwanden viele Tierarten fast vollkommen. Der Bestand hat sich heute erholt. Ehemalige Jäger verdienen sich ihren Lebensunterhalt nun als Touristenführer.
    foto: sandra weiss

    Mitte der 1980er-Jahre wurden die Iberá-Sümpfe unter Naturschutz gestellt. Durch intensive Jagd verschwanden viele Tierarten fast vollkommen. Der Bestand hat sich heute erholt. Ehemalige Jäger verdienen sich ihren Lebensunterhalt nun als Touristenführer.

  • Die Iberá-Sümpfe sind das zweitgrößte Feuchtgebiet Südamerikas. Der Naturpark bietet Lebensraum für zahlreiche seltene Tierarten.
    foto: sandra weiss

    Die Iberá-Sümpfe sind das zweitgrößte Feuchtgebiet Südamerikas. Der Naturpark bietet Lebensraum für zahlreiche seltene Tierarten.

  • Früher wurden die Wasserschweine gejagt, heute sind sie eine Touristenattraktion.
    foto: sandra weiss

    Früher wurden die Wasserschweine gejagt, heute sind sie eine Touristenattraktion.

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