Genetischer Schutz gegen virale Infektionen

6. Februar 2015, 19:15
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Wiener Biotech-Start-up Haplogen entwickelt Medikamente, die die Viren-Vermehrung behindern - Ein Tochterunternehmen, das speziell präparierte Zellen liefert, wurde soeben verkauft

Wien - Das Unternehmen ist noch keine fünf Jahre alt. Es hat in dieser Zeit aber bereits ein Tochterunternehmen hervorgebracht und dieses wiederum verkauft, um sich besser auf die ursprüngliche Forschung konzentrieren zu können. Die Rede ist vom Wiener Life-Science-Unternehmen Haplogen, das sich dem Kampf gegen virale Infektionskrankheiten verschrieben hat. Vor kurzem wurde die Tochter Haplogen Genomics vom britischen Biotech-Dienstleister Horizon Discovery übernommen. Kaufpreis: zumindest 7,7 Millionen Euro.

Angefangen hat alles bereits in den 1990er-Jahren, erklärt Haplogen-CEO Georg Casari. Damals wurde bei einer Routineuntersuchung bei einem Leukämiepatienten eine seltene Entdeckung gemacht. Der Patient verfügte über Zellen, die nur einen vollständigen Chromosomensatz aufwiesen.

Das ist ungewöhnlich, weil Menschen - wie es bei sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen üblich ist - normalerweise über einen zumindest zweifachen, also diploiden Chromosomensatz verfügen: einen vom Vater, einen von der Mutter. "Biologisch ist das wichtig", erläutert Casari. "Wenn eines der Gene beschädigt ist, kann sozusagen die Kopie einspringen." Für die Forscher macht es diese Sicherheitskopie allerdings schwierig, das Genom effizient zu erforschen.

Der Leukämiepatient, der nur über einen, also haploiden Chromosomensatz verfügte, erwies sich somit als Glücksfall für die Forschung. Thijn Brummelkamp, Forscher am Zentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Co-Gründer von Haplogen, ist während seiner Zeit in den USA auf den Fall gestoßen und hat seine Arbeit darauf aufgebaut. In den resultierenden Zelllinien konnte man die Auswirkungen von Mutationen direkt ablesen, ohne dass ein Reserve-Gen den Eingriff kompensierte.

Haplogen verwendet diese Technik für seine Forschung an Substanzen, die die Vermehrung von Viren im Körper unterbinden und so Patienten vor Infektionskrankheiten schützen sollen. Die Viren benötigen Hostfaktoren in den Zellen, einzelne Proteine, an denen sie andocken können.

"Im überwiegenden Ausmaß sind diese Gene auch für die Zelle essenziell. Die meisten sind für ihre Funktion notwendig", erklärt Casari. "Ganz selten gibt es aber auch Fälle, in denen diese Proteine nicht oder nur unter bestimmten Voraussetzungen von Bedeutung sind." Man kann sie also ausschalten, ohne dass die Zelle Schaden nimmt.

Hier kommt der Ansatz von Haplogen ins Spiel. Casari und Kollegen haben eine automatisierte Methode erarbeitet, mit der systematisch jedes einzelne Gen ausgeschaltet wird, um dann die Folgen zu überprüfen. Hat es Auswirkungen auf das Funktionieren der Zelle? Hat man durch das Ausschalten vielleicht einem Virus seine Andockstelle genommen? "Ohne die Kompensation durch den weiteren Chromosomensatz sehen wir sofort, was passiert."

Haplogen wurde 2010 gegründet. Vergangenes Jahr hat man die systematische Produktion der "Knock-out-Zellen", bei denen jeweils bestimmte Gene ausgeschaltet sind, in das Tochterunternehmen Haplogen Genomics ausgegliedert. Neben einem Investor kamen Mittel vom Seed-Programm der Förderagentur AWS und von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG.

Das Unternehmen, das unter der neuen Eigentümerschaft von Horizon am Standort Wien weiter ausgebaut wird, kann somit die veränderten menschlichen Zelllinien auch anderen Forschern zur Verfügung stellen.

23.000 Gene ausschalten

Die manipulierten Zellen haben ein breites Anwendungspotenzial. "Damit kann man viele Krankheiten, beispielsweise Stoffwechselstörungen, besser als in anderen Modellsystemen nachstellen", betont Casari.

Regulationsmechanismen in den Zellen oder die Nebenwirkungen von Medikamenten können auf diese Weise untersucht werden. Aufgaben, die die Forschung eine Zeit lang beschäftigen wird: Immerhin besteht das menschliche Genom aus 23.000 Genen.

Mit dem Verkauf könne man wieder die Entwicklung der antiviralen Therapeutika verstärkt in den Fokus nehmen, erklärt der Unternehmer. Denn das Finden eines Gens, das einen Virus ausbremsen kann, ist nur der erste Schritt. "Von einem Medikament trennen uns noch etwa sieben Jahre Entwicklungsarbeit", sagt Casari. Bisher gibt es weltweit nur ein zugelassenes Medikament, ein Aids-Mittel, das die Blockade eines Wirtsproteins nutzt. "Wir erwarten, dass durch den Einsatz derartiger Medikamente die Entwicklung von resistenten Stämmen verhindert wird." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 4.2.2015)

  • Die Chromosomen aus einer haploiden Zelllinie haben einen großen Vorteil: Es springt kein "Ersatz-Gen" ein, sobald die Forscher ein Gen ausschalten. Die Auswirkungen von Mutationen können somit besser untersucht werden.
    foto: haplogen

    Die Chromosomen aus einer haploiden Zelllinie haben einen großen Vorteil: Es springt kein "Ersatz-Gen" ein, sobald die Forscher ein Gen ausschalten. Die Auswirkungen von Mutationen können somit besser untersucht werden.

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