Irak: Das lange Warten nach der Flucht vor der IS-Miliz

Reportage4. Februar 2015, 05:30
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Die Terrormiliz hat 2,1 Millionen Iraker zu Flüchtlingen im eigenen Land gemacht. Viele von ihnen harren in Camps aus

Am frühen Morgen wurde Farah vom Rattern der Maschinengewehre und Explosionen geweckt. Die IS-Miliz war in der weitestgehend christlichen Stadt Quaraqosh im Nordirak angekommen. "Zwei kleine Babys haben sie in der Nachbarschaft getötet. Wir haben sie noch begraben, dann unsere Sachen gepackt und sind geflüchtet", berichtet Farah. Am späten Abend, so erzählt die 49-Jährige, sei die Stadt schon vollständig in der Hand der IS-Miliz gewesen; die irakischen Sicherheitskräfte hätten den Kampf aufgegeben.

Einige Familien schafften die Flucht nicht rechtzeitig, sie leben nun unter IS-Herrschaft. Farah machte sich mit ihrem Mann und den sechs Kindern auf die Suche nach einem sicheren Ort für Christen. Teilweise zu Fuß unterwegs, teilweise mit dem Auto, konnten sie schließlich das 80 Kilometer entfernte Erbil erreichen.

Das alles ist jetzt sechs Monate her. Seitdem lebt Farah in Ainkawa, einem Vorort von Erbil. Der chaldäisch-katholische Bischof Bashar Warda hat im letzten Jahr auf der Fläche seiner Residenz eine kleine Zeltstadt für christliche Flüchtlinge errichtet. Wer das Gelände betritt, erblickt erst einmal einen bunten Spielplatz mit Kindern. Ein Bild, das im Kontrast zu den vielen schrecklichen Geschichten der Flucht steht.

Stigma Flüchtlingscamp

Angespannter ist die Situation im UNHCR-Flüchtlingslager Baharka unweit von Erbil. Hier sind weit mehr Menschen untergebracht, teilweise in notdürftig zusammengehaltenen Zelten, die auf matschigem Untergrund stehen. Der Anteil an Sunniten und Schiiten ist ausgewogen, auch ein paar palästinensische und jesidische Flüchtlingsfamilien konnten hier unterkommen. Sie alle zählen zu den insgesamt 2,1 Millionen Binnenvertriebenen, die es derzeit im Irak gibt.

"Viele Flüchtlinge kommen aber auch bei Verwandten und Gastfamilien unter. Manche leben auf Baustellen und in Parks", sagt Caroline Gruber vom UNHCR. Der Schritt in ein Flüchtlingslager zu gehen, ist für viele Familien stigmatisierend und oft die letzte aller Optionen, obwohl Gesundheitsversorgung oder Bildung hier leichter zugänglich sind. Das Lager muss trotz alledem laufend erweitert werden. Bald sollen statt der bisher 549 Familien, die jeweils auf sechs Personen kalkuliert werden, 1100 Familien hier Platz finden, informiert man den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz bei einem Besuch.

Beschaulicher geht es bei den 180 Familien in Ainkawa zu. Die liebevolle Dekoration, der Teppichboden, ein Poster von Spiderman und die kleine Abwasch in Aidas Zelt lassen eigentlich darauf schließen, dass sie, ihr Mann und ihre zehn Kinder gekommen sind, um zu bleiben.

Sie sind die größte Familie auf dem Gelände des Bischofs und müssen mit einigen wenigen Quadratmetern Wohnfläche ihr Auslangen finden. In einem der beiden Betten liegt ihre zwölfjährige Tochter, die sich von einer Operation erholt. Kein Dauerzustand für Aida: "So kann es nicht weitergehen. Für uns ist das alles kein Spiel. Wir wollen irgendwann auch zurück in unser Heimatdorf."

Schwanger im Zelt

Die Aussicht, das tun zu können, liegt noch in weiter Ferne. Selbst in den Gebieten, die von den kurdischen Peschmerga zurückerobert werden konnten, verhindern Minen und Blindgänger die Rückkehr der ehemals ansässigen Bevölkerung.

Aida wird deshalb ihr elftes Kind im Flüchtlingscamp zur Welt bringen müssen. In der Runde wird darüber gescherzt, denn die Worte für "ihr Elftes" klingen im Arabischen ähnlich wie die Bezeichnung für den "Islamischen Staat". Auch Aida kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Bewohner der Zeltstadt sind hier in jeder Hinsicht zusammengerückt. "Wir kämpfen alle mit unseren Problemen, aber letztendlich sind wir zu einer großen Familie geworden, in der man sich gegenseitig hilft", sagt Farah. (Teresa Eder aus Erbil, DER STANDARD, 4.2.2015)

Die Reise erfolgte zum Teil auf Einladung des Außenministeriums.

  • Besuch im Flüchtlingslager Baharka nahe Erbil. 3000 Menschen leben hier nach der Flucht vor der IS-Miliz in den notdürftig errichteten Zelten. Immer noch kommen Neue hinzu.
    foto: teresa eder

    Besuch im Flüchtlingslager Baharka nahe Erbil. 3000 Menschen leben hier nach der Flucht vor der IS-Miliz in den notdürftig errichteten Zelten. Immer noch kommen Neue hinzu.

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  • Aida mit einem ihrer Söhne in der Notunterkunft.
    foto: teresa eder

    Aida mit einem ihrer Söhne in der Notunterkunft.

  • Österreichs Außenminister umstürmt von Kindern im UNHCR-Camp Baharka.
    foto: teresa eder

    Österreichs Außenminister umstürmt von Kindern im UNHCR-Camp Baharka.

  • Kinderspielplatz im Flüchtlingslager des chaldäisch-katholischen Bischofes von Erbil.
    foto: teresa eder

    Kinderspielplatz im Flüchtlingslager des chaldäisch-katholischen Bischofes von Erbil.

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    foto: teresa eder
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