Miller zieht, Miller fährt, Miller hofft

3. Februar 2015, 17:37
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37-Jähriger hat in diesem Winter noch kein einziges Weltcuprennen bestritten, am Mittwoch startet er im Super-G

Der Zwischenruf kommt aus Reihe sechs. "Bring the US-Team!" Bode Miller ist angesagt. Der Mann zieht. Ja, mehr als Gian-Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbands (Fis). Noch dürfen Kasper und ORF-Regisseur Michael Kögler, verantwortlich für die Fernsehübertragungen bei der WM, vor einem über den letzten Sitzplatz hinaus gefüllten Pressezelt im Zielgelände der Birds of Prey in Beaver Creek sprechen. Fragen? Keine. "Bring the US-Team!"

Miller fährt. Das war die Nachricht vor WM-Beginn. Kein einziges Rennen hat der 37-Jährige in diesem Winter bestritten. Der Rücken machte Probleme. In Wengen und in Kitzbühel absolvierte er Trainings. Auf der Streif lief es schon recht gut. Einmal wurde er Sechster. "Dort habe ich den letzten Schritt gemacht. Ich bin bereit zu fahren." Ob er 100-prozentig fit ist, kann er schwer sagen. "Ich habe keine Schmerzen. Der Rücken behindert mich nicht beim Skifahren." Den Super-G (Mittwoch, 19 Uhr, ORF 1, Liveticker auf derStandard.at/Sport) und die Abfahrt am Samstag will er bestreiten, vielleicht auch die Kombination am Sonntag.

Ein guter Extremer

Bei der WM in seiner Heimat mitfahren zu können, das war Millers großes Ziel. Erst vor elf Wochen wurde er am Rücken operiert, nachdem er sich bei einem Sturz beim Weltcup-Finale in Lenzerheide im März 2014 ein Bandscheibenproblem eingehandelt hatte. Und Miller will nicht nur dabei sein. "Ich werde versuchen zu gewinnen." Schon 1999 bestritt er die WM in Vail. Miller: "Das ist lange her." Achter wurde er im Slalom. "Ein gutes Ergebnis", sagt er 16 Jahre später. Es sollten noch viel bessere Ergebnisse folgen. Der Mann aus New Hampshire mauserte sich nicht nur zu einem der besten Rennläufer aller Zeiten. Er fiel durch einen extremen Fahrstil auf (Stichwort: Gummiknie), wurde zu einer der schillerndsten Figuren seiner Branche. Ein Exzentriker, ein Skirebell, der Partys und Alkohol nicht abgeneigt war.

Millers Aussage während der Olympischen Spiele 2006 in Turin, wonach er Rennen unter Alkoholeinfluss bestritten habe und dies möglicherweise auch wieder tun würde, ließ seinen Beliebtheitsgrad vor allem in seiner Heimat ordentlich sinken. 2007 gründete er, weil er sich nicht den Verhaltensregeln des US-Teams unterwerfen wollte, das Team Bode America, er hatte seine eigenen Betreuer und übernachtete im Wohnmobil. Zwei Jahre später kehrte er in den Schoß des US-Teams zurück. Sein skifahrerisches Talent stand immer außer Frage. Vielleicht hätte Miller noch mehr gewinnen können, hätte er sich ausschließlich auf den Sport konzentriert. Vielleicht hat er aber auch genau deshalb so viel gewonnen, weil er seine Karriere so bestritt, wie er sie bestritt.

Ein echter Allrounder

Miller gewann in allen fünf Disziplinen, das schafften nur vier andere Läufer (Zurbriggen, Girardelli, Aamodt, Mader). In insgesamt 438 Rennen siegte er 33-mal. Zweimal holte er den Gesamtweltcup. Viermal wurde er Weltmeister. Der letzte Titel in der Abfahrt von Bormio liegt nun schon zehn Jahre zurück. Sein einziger Olympiasieg (Superkombi) gelang ihm 2010 in Vancouver.

Millers Karriere neigt sich dem Ende zu. Er wird zum dritten Mal Vater. Und er hat große Pläne abseits des Skirennsports. Er will Galopper trainieren und die Triple Crown (Kentucky Derby, Preakness- und Belmont-Stakes) gewinnen. "Ich bin mit Pferden aufgewachsen. Sie handeln ähnlich wie ich. Sie reden nicht, spielen keine Spielchen. Selbst wenn 75 Prozent zum Sieg reichen würden, geben sie immer hundert Prozent." Der Rebell ist ruhiger geworden. Sein Leben sei privat nun ausbalanciert. Wann er die Rennskier abschnallen wird, ist aber noch offen. Vorerst ist WM. Miller wird eher 100 als 75 Prozent geben. Seinen bisher letzten Weltcupsieg feierte er 2011 in der Abfahrt von Beaver Creek, es war sein vierter Erfolg auf der Birds of Prey. "Ich weiß", sagt Bode Miller, "wie man hier schnell sein kann." (Birgit Riezinger aus Beaver Creek, DER STANDARD, 4.2.2015)

  • Bode Miller und das Siegespodest, diese Beziehung begann am 9. Dezember 2001 in einem Riesenslalom in Val d'Isère. Nun hält er bei 33 Weltcuperfolgen, vier WM-Titeln, einem Olympiasieg.
    foto: ap/breloer

    Bode Miller und das Siegespodest, diese Beziehung begann am 9. Dezember 2001 in einem Riesenslalom in Val d'Isère. Nun hält er bei 33 Weltcuperfolgen, vier WM-Titeln, einem Olympiasieg.

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