Schlechte Zeiten für Meister Lampe

4. Februar 2015, 13:24
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Hartnäckig hält sich der Mythos von der regen Fortpflanzung der Feldhasen. Tatsächlich aber zählen sie zu den bedrohten Arten, vor allem die industrielle Landwirtschaft setzt ihnen zu

Wien - Der Feldhase als das heurige "Tier des Jahres" ist ein Sympathieträger, den wir in vielerlei Hinsicht kennen und lieben: Als österlicher Eiertransporteur ist er ein Symbol der Fruchtbarkeit, im chinesischen Tierkreis steht er für Langlebigkeit, und mit seinen großen Augen und dem weichen Fell gibt er ein ideales Plüschtier ab. Das sind jedoch nicht die Gründe, die zu seiner Wahl in den "Natur des Jahres" -Reigen geführt haben: Vielmehr soll sie darauf hinweisen, dass die Population in ganz Europa seit Jahrzehnten stark rückläufig ist - und dass eine Besserung entsprechende Maßnahmen braucht.

Einzelgänger ohne Bau

Der Feldhase (Lepus europaeus) ist mit 60 bis 70 Zentimetern Körperlänge und einem Gewicht von bis zu fünf Kilogramm nicht nur deutlich größer und schwerer als das ähnlich aussehende Wildkaninchen, sondern er lebt auch völlig anders: Er ist ein Einzelgänger, der keinen Bau anlegt, sondern das ganze Jahr oberirdisch verbringt. Lediglich flache Mulden, sogenannte Sassen, dienen ihm als Ruheplatz. Bei Gefahr drückt er sich lange an den Boden und verlässt sich auf die Tarnfarbe seines Fells - erst wenn ihm ein potenzieller Feind näher als drei Meter kommt, springt er auf und sucht sein Heil in der Flucht. Die Häsinnen paaren sich mit mehreren Rammlern und bringen zwischen Jänner und September drei- bis fünfmal durchschnittlich drei Junge zur Welt.

Diese sprichwörtliche Fruchtbarkeit wird noch dadurch gesteigert, dass die Weibchen während der 42 Tage dauernden Tragzeit wieder befruchtet werden und unterschiedlich weit entwickelte Junge in sich tragen können.

Im Unterschied zu Kaninchen, die nackt und blind in einem schützenden Bau geboren werden, sind Junghasen vom ersten Tag an den Elementen ausgesetzt, kommen dafür aber mit offenen Augen und Fell zur Welt. Während sie sich in eine schützende Sasse drücken, kommt die Mutter nur einmal am Tag vorbei, um sie zu säugen. Mit einem Fettgehalt von mehr als 20 Prozent ist ihre Milch jedoch so nahrhaft, dass das genügt. Bereits nach vier Wochen sind die Kleinen selbstständig und mit zirka vier Monaten geschlechtsreif und bereit, die Hasenpopulation zu vermehren.

Allerdings sterben mehr als 90 Prozent der gesetzten Junghasen noch im Jahr ihrer Geburt. Unter anderem fallen sie Füchsen und Krähen zum Opfer, in nasskalten Frühjahren ziehen sich viele Junghasen tödliche Verkühlungen zu. Doch weder ungünstige Witterung noch Beutegreifer allein können den Hasenbestand dauerhaft reduzieren - dafür ist deren Fortpflanzungspotenzial zu groß.

Nicht so leicht wird der Feldhase damit fertig, dass sich seine Lebensbedingungen in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschlechtert haben. Die Hauptursache dafür dürfte die Intensivierung der Landwirtschaft sein. "In den vergangenen Jahrzehnten kamen immer größere Maschinen zum Einsatz, und damit diese effizient arbeiten können, wurden die Landwirtschaftsflächen vergrößert und homogenisiert. Dem fielen auch viele Ruhe- und Futterplätze des Feldhasen zum Opfer", sagt Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Wiener Universität für Bodenkultur.

GPS-Halsbänder für Hasen

Hackländer und seine Mitarbeiter wollten wissen, inwieweit Feldhasen dadurch beeinträchtigt werden, dass die Felder, auf denen sie leben, sich durch die Ernte innerhalb kürzester Zeit massiv verändern. Zu diesem Zweck rüsteten sie acht Hasen im intensiv bewirtschafteten niederösterreichischen Marchfeld mit GPS-Halsbändern aus und verfolgten von Juli bis November ihre Bewegungen. Dabei zeigte sich, dass sich die Tiere zum Fressen im Sommer vorwiegend auf Klee- und Stoppelfeldern aufhielten, während sie im Herbst Flächen mit frisch aufkommendem Wintergetreide frequentierten.

Für ihre Ruhephasen hingegen bevorzugten sie Sonnenblumen-, Sojabohnen- und Zuckerrübenfelder sowie Windschutzgürtel: "Die höhere Vegetation dort bietet ihnen Sichtschutz gegenüber Fressfeinden", wie Hackländer ausführt, "aber auch Schutz gegen Hitze und Kälte."

Wurden die Felder abgeerntet, hatten die untersuchten Hasen die Möglichkeit, auf Flächen mit Winterbegrünung oder Untersaaten - also Saaten einer zweiten Frucht zusätzlich zu einer Hauptfrucht, die schon früher geerntet wird - auszuweichen, was sie eifrig taten. Ebenso nutzten sie eigens angesäte Streifen von Wildkräutern ausgiebig, sodass Hackländer zu dem Schluss kommt: "Mit solchen Maßnahmen kann man den Ernteschock weitgehend abfedern."

Doch schon eine geringere Feldgröße kann sich positiv auf die Hasen auswirken: In einer Studie bezüglich des Aktionsraums oder "home range" - also des gesamten genutzten Lebensraums - der Feldhasen besenderten Hackländer und seine Mitarbeiter neun Tiere in einem anderen Teil des Marchfelds und verfolgten ihre Aktivitäten.

In verschiedenen europäischen Ländern, in denen der Aktionsraum von Hasen untersucht wurde, war dieser je nach Landschaftstyp zwischen 21 und 330 Hektar groß. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Größe eines Feldes in den untersuchten Gebieten beträgt sechs bis 50 Hektar.

Hasenfreundliche Struktur

"Je kleiner die Felder in einem Gebiet sind, desto mehr verschiedene Landschaftstypen enthält es", gibt Hackländer zu bedenken, "weil es dann auch mehr Hecken, Brachflächen und Feldraine gibt - alles Strukturen, die dem Feldhasen entgegenkommen."

Die besenderten Marchfeld-Hasen leben alle in einem Gebiet mit kleinen Feldern - und kommen, wie die Telemetriestudie zeigte, mit einem Aktionsraum von nur rund zwölf Hektar aus. Das ist nur ungefähr die Hälfte dessen, was bisher als Mindestgröße galt. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 4.2.2015)


Wissen: Feldbewohner in Gefahr

Den Titel "Tier des Jahres" verleiht in Österreich der Naturschutzbund - diese Kür einer Gattung soll auf gefährdete Arten aufmerksam machen. Genaue Zahlen der Feldhasen in Österreich gibt es nicht. Allerdings zeigt sich ein eindeutiger Trend: Seit Mitte des letzten Jahrhunderts sind die Bestände deutlich rückläufig. Die erste Nennung des Feldhasen auf der Roten Liste der bedrohten Arten wurde 1975 in Wien verzeichnet. Aktuell gilt der Feldhase in Kärnten als stark gefährdet. Mit Jagdschonzeiten wird versucht, die Bedrohung der Hasen abzufangen. Diese werden in den einzelnen Bundesländern je nach Bedrohungslage verordnet. Generell leben weit mehr Feldhasen im Osten von Österreich als im Westen - der Feldbewohner bevorzugt das Flach- und Hügelland gegenüber den Bergen.

  • Junge Feldhasen sind vielen lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt: Füchsen, Krähen und Verkühlungen bei nassem Wetter. Doch ihr größter Feind ist die industrielle Landwirtschaft.
    foto: ingo arndt

    Junge Feldhasen sind vielen lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt: Füchsen, Krähen und Verkühlungen bei nassem Wetter. Doch ihr größter Feind ist die industrielle Landwirtschaft.

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