Den Klimawandel gibt's nicht

Blog4. Februar 2015, 05:30
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Populisten ignorieren immer wieder, dass die aktuelle Erwärmung der Erde von Menschen gemacht wurde. Das beruhigt ihr Gewissen

Der "Schmarrn", der bisher Thema dieses Blogs war, ist in gewissen Sinne harmlos. Wer nicht an Astrologie, belebtes Wasser oder Wünschelruten glaubt, läuft auch nicht Gefahr auf die vielen Scharlatane hereinzufallen, die den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Der rationale Teil der Bevölkerung wird zwar leider meistens trotzdem indirekt zur Kasse gebeten, da sich immer wieder auch offizielle Stellen von den Esoterikern beeinflussen lassen und dann Steuergelder für teure Wasserbelebungsanlagen, "Forschungsinstitute" für Rutengeher und ähnlichen Unsinn ausgeben. Aber Steuergeld wird anderswo in noch viel größeren Mengen verschwendet; das ist quasi der Normalzustand.

Die Realität zu ignorieren ist immer gefährlich. Besonders gefährlich ist es aber dann, wenn es dabei um eine Realität geht, die unser alle Zukunft betrifft und das in einem Ausmaß, das weit über den Einfluss irgendwelcher Astrologen und Wasserbeleber hinaus geht: Die Realität des Klimawandels!

Das Jahr 2014 war das wärmste Jahr, seit es entsprechende Aufzeichnungen gibt. Die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten (in Europa reichen die Messungen 500 Jahre weit zurück) gesammelten Daten zeigen einen deutlichen Trend: Die Durchschnittstemperatur auf der Erde wird immer größer. Auch in Österreich war 2014 das wärmste Jahr seit Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen. Und hier ist der Trend ebenfalls eindeutig. Forscher der Uni Innsbruck haben zum Beispiel die Entwicklung der Schneebedeckung der letzten 120 Jahre untersucht (Historischer Einbruch der Schneedecke) und nachgewiesen, dass die Winter immer kürzer werden und der Schnee immer weniger. "Da muss man schon bewusst daneben schauen, wenn man die enorme Erwärmung der letzten Dekaden nicht wahrhaben will", sagte der Innsbrucker Professor Ulrich Strasser angesichts dieser Datenlage.

Bewusst daneben schauen

Aber sehr viele Menschen scheinen tatsächlich "bewusst daneben" zu schauen, wenn es um den Klimawandel geht. Kaum ein wissenschaftliches Ergebnis ruft in der Öffentlichkeit so große Kontroversen hervor wie die Erkenntnisse zum Klimawandel. Da wird entweder überhaupt gleich komplett geleugnet, dass eine Erwärmung der Erde stattfindet oder, falls diese Fakten doch akzeptiert werden, dann wird auf jeden Fall vehement bestritten, dass der Mensch mit seinen Aktivitäten dafür verantwortlich ist. Da verweist man dann gerne auf die Vergangenheit, in der das Klima ja schließlich auch anders war als heute. Wie zum Beispiel der Nationalratsabgeordnete Gerhard Dimek von der FPÖ, der anlässlich des oberösterreichischen Klimakongresses im Jahr 2010 verkündet hat, dass es in der Geschichte der Erde immer schon Klimaänderungen gegeben hat, auch ganz ohne Menschen: "Über die Ursachen hierfür gibt es verschiedene wissenschaftliche Theorien - beispielsweise die Aktivitäten der Sonne."

Damit hat Dimek sogar recht. Das Klima hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert und Gründe dafür gab es viele (die Sonne, Veränderungen in der Bahn der Erde, geologische Vorgänge, etc) und der Mensch hatte nichts damit zu tun. Aber zu folgern, dass der Mensch nicht an der aktuellen Veränderung des Klimas schuld sein kann, weil es sich früher auch ohne Einfluss des Menschen verändert hat, ist ein logischer Fehlschluss. Die Daten der Klimaforscher zeigen sehr deutlich, dass der menschengemachte Ausstoß von Treibhausgasen für die aktuelle Erwärmung der Erde verantwortlich ist. Aber selbst wenn es anders wäre und der Klimawandel natürliche Ursachen hätte, würde das keinen Unterschied machen. Wenn sich das Klima ändert, hat das Folgen für uns Menschen. Die Probleme die auf uns zu kommen, sind die gleichen, egal wer dafür verantwortlich ist.

Wären wir alle rational, dann würden wir nicht darüber streiten, wer schuld ist, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen. Aber Leute wie Gerhard Dimek sagen lieber Sätze wie: "Politiker sollten nicht Milliarden von Euro an Steuergeld in die Hand nehmen, um etwas zu bekämpfen, was sich wissenschaftlich noch im Stadium der Theorie befindet" und beschweren sich im gleichen Atemzug über die Benutzung von Energiesparlampen und schimpfen auf Energiesparmaßnahmen der EU. Oder erklären, wie FPÖ-Chef Strache, dass es in der Sahara früher ja auch einmal kühler war als heute und man deswegen das Kyoto-Klimaschutzprotokoll aufkündigen und die "unsinnigen CO2-Bestimmungen" streichen sollte.

Einfluss böser "Erdstrahlen"

Die Verleugnung des Klimawandels beziehungsweise des menschlichen Einflusses auf das Klima dient hier dem Populismus und gleichzeitig auch zur Beruhigung des Gewissens: Keiner kann erwarten, dass wir Geld zur Bewältigung eines Problems ausgeben, an dem wir nicht schuld sind! Niemand darf fordern, dass wir uns in unserem Komfort einschränken, denn wir können nichts dafür! Vermutlich ist das auch der Grund, warum gerade die Erkenntnisse der Klimaforscher auf so großen Widerstand stoßen und nicht beispielsweise die Ergebnisse der Festkörperphysiker oder der Mikrobiologen. Denn die Klimadaten legen nahe, dass wir nicht mehr so weiter machen können, wie bisher und das wollen wir nicht hören. Genauso wenig wie man gerne hören möchte, dass das eigene Verhalten schuld am Ende einer Beziehung ist oder die eigene Unfähigkeit am Verlust eines Jobs. Es ist viel verlockender, die Schuld und die Verantwortung auf die astrologisch falsche Konstellation der Planeten am Himmel abzuwälzen oder den Einfluss böser "Erdstrahlen".

Der Verleugnung des Klimawandels liegt die gleiche irrationale Geisteshaltung zugrunde wie der Astrologie und anderen klassischen esoterischen Disziplinen. Man sieht die Welt nicht so, wie sie wirklich ist, sondern so, wie man sie gerne sehen möchte und wie sie für einen selbst am angenehmsten erscheint. Im Falle der Astrologie mag diese Ignoranz gegenüber der Realität harmlos sein. Beim Klimawandel ist dieser "Schmarrn" allerdings höchst gefährlich. (Florian Freistetter, derStandard.at, 4. 2. 2015)

  • Sturm über Las Vegas: Die Klimaerwärmung führt zu mehr Extremwetterlagen.
    foto: reuters/gene blevins

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